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7.8.2020 : 19:45 : +0200

Archiv

Anne Katrin Risch & Gabriele Wilz:

Psychotherapie im höheren Lebensalter: Behandlungs- und Forschungsschwerpunkt der Ambulanz für Forschung und Lehre (AFL) der Universität Jena

In der Ambulanz für Forschung und Lehre (AFL) der Universität Jena besteht seit 2009 ein psychotherapeutischer Behandlungsschwerpunkt für pflegende Angehörige und seit 2017 ein Behandlungsschwerpunkt für ältere Patienten ab dem 60. Lebensjahr. Ältere Patienten aller Diagnosegruppen werden seitdem, entsprechend der Indikation, mit kognitiver Verhaltenstherapie sowie ressourcenaktivierenden, Achtsamkeits- und akzeptanzbasierten Methoden behandelt. Je nach Bedarf werden sowohl Einzel- als auch Gruppenbehandlungen (z.B. Achtsamkeitstraining, Depressionsgruppe, Emotionsregulationsgruppe) angeboten. Für Patienten mit beginnender Demenz gibt es die Möglichkeit, dass auch die primäre Bezugsperson (meist Ehepartner) in die psychotherapeutische Behandlung einbezogen wird bzw. ebenfalls eine psychotherapeutische Unterstützung erhält.
   Die ambulante psychotherapeutische Behandlung von älteren Patienten, entsprechend ihrer besonderen Bedürfnisse, ist daher auch ein zentraler Forschungsschwerpunkt der AFL. Neben der Untersuchung der Wirksamkeit der angebotenen Psychotherapien wird in Pilotstudien und geförderten Forschungsprojekten die Effektivität spezifischer und neuer psychotherapeutischer Interventionen in der Behandlung bestimmter Patientengruppen sowie für pflegende Angehörige untersucht.
   In der AFL arbeiten approbierte Psychotherapeutinnen. Zur Qualitätssicherung der Behandlungen findet eine wöchentliche Supervisionssitzung unter der Leitung von Frau Prof. Wilz statt. Hier werden anhand von Videosequenzen aus den Therapiesitzungen aktuelle Fragen und Probleme der TherapeutInnen sowie Lösungsmöglichkeiten besprochen. Zur laufenden Verbesserung der therapeutischen Expertise werden für das therapeutische Team der AFL regelmäßig Angebote zur Weiterqualifikation durch externe Dozenten aus Forschung und Praxis (z.B. Prof. Dr. Simon Forstmeier, Dr. Rainer Sonntag) organisiert.

Beispiele für Therapiestudien in der AFL

Anhand von drei exemplarischen Beispielen soll im Folgenden ein Einblick in Behandlungsangebote sowie aktuelle und abgeschlossene Forschungsprojekte der AFL gegeben werden.

Unterstützendes Gruppenangebot bei beginnender Demenz

 Arbeitsgruppe: Dr. Anne Katrin Risch, Prof. Dr. Gabriele Wilz, Dr. Denise Schinköthe, Dipl.-Psych. Linda Müller, Ronja Buschek, B.Sc., und Theresa Hilbert, B.Sc.
   Für Menschen mit Demenz im Frühstadium bedeutet der Umgang mit ihrer Diagnose häufig eine große Herausforderung und Belastung. Wahrgenommene Veränderungen, wie der Abbau der eigenen (Leistungs-)Fähigkeit, Verlust sozialer Kontakte sowie die Verschiebung von Rollenverhältnissen (meist in der Familie), verringern die Lebensqualität und lösen existenzielle Ängste und häufig auch depressive Symptome aus. Aus diesem Grund sind psychotherapeutische Angebote für Menschen mit Demenz im Frühstadium hilfreich und notwendig. Unser kognitiv-verhaltenstherapeutisches Gruppenangebot für Menschen mit beginnender Demenz zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen und den Umgang mit der Diagnose zu verbessern.
   Im Rahmen einer laufenden Pilotstudie wird das gruppentherapeutische Unterstützungsangebot auf Akzeptanz, Durchführbarkeit und Wirksamkeit hin untersucht. Die Gruppenbehandlung umfasst zehn jeweils 90-minütige Sitzungen. Inhaltlich geht es in den Sitzungen darum, einen Austausch über die Erkrankung und die damit einhergehenden Veränderungen zu ermöglichen, vorhandene Ressourcen zur Bewältigung von Problemen nutzbar zu machen und positive Aktivitäten zu fördern. Vor der ersten und nach der letzten Gruppensitzung füllen die Teilnehmer Fragebögen zu Depressivität, Lebensqualität und Selbstwirksamkeit aus. Nach jeder Gruppensitzung werden die Teilnehmer zudem gebeten, die Sitzung anhand von Thermometerskalen einzuschätzen.
   Die Ergebnisse der ersten beiden abgeschlossenen Gruppen zeigen, dass das Angebot gut angenommen wurde. Mit dem Unterstützungsangebot waren insgesamt 85,7% der Teilnehmer sehr oder weitgehend zufrieden. 70% gaben an, sich oft oder immer wohl gefühlt zu haben. 97,4% bewerteten die Inhalte der Gruppensitzungen als hilfreich. Auch mit dem Gruppensetting waren 85,7% der Teilnehmer zufrieden oder sehr zufrieden. Hinsichtlich der Maße Depressivität, Lebensqualität und Selbstwirksamkeit konnten nach Behandlungsende keine Effekte nachgewiesen werden. Dies lässt sich zum einen mit der bisher noch zu kleinen Stichprobe erklären, zum anderen ist festzustellen, dass über den Behandlungszeitraum hinweg eine Verschlechterung der demenziellen Symptomatik stattfand und daher eine Verbesserung der untersuchten Variablen nicht zu erwarten war.

Pilotstudie: Das Ressourcentagebuch als Nachsorgeangebot bei Patienten im höheren Lebensalter

 Arbeitsgruppe: Dr. Anne Katrin Risch und Prof. Dr. Gabriele Wilz
  In diesem Projekt wird die Wirkung eines neu entwickelten Ressourcentagebuchs (Wilz et al. 2017a) auf Stimmung, Emotionsregulation und Ressourcenrealisierung bei Patienten ab dem 60. Lebensjahr untersucht. Im Unterschied zu bisherigen positiven Schreibinterventionen, deren Fokus überwiegend auf einzelne Ressourcen gerichtet ist, verfolgt das Ressourcentagebuch einen umfassenderen integrativen Ansatz zur Aktivierung einer Vielfalt an Ressourcenbereichen. Das Ressourcentagebuch besteht aus zwölf Fragen, die sieben Ressourcenbereichen zugeordnet sind (Wohlbefinden, Allgemeine Kraftquellen, Selbstwertquellen, Positive Selbstschemata, Dankbarkeit, Zielentwicklung, Bindung; eine Frage lautet z.B.: Was hat Ihnen heute Kraft gegeben? Woran konnten Sie das merken? Bitte beschreiben Sie Ihre Gedanken und Gefühle!). Die zwölf Fragen werden über den Zeitraum von vier Wochen an drei Tagen pro Woche schriftlich beantwortet.
   In Vorstudien wurden bereits positive Effekte des Ressourcentagebuchs auf die Stimmung und Emotionsregulation bei jüngeren Patienten mit Angst- und affektiven Störungen gefunden (Risch u. Wilz 2013; Suhr et al. 2017). Erste Voranalysen aus der noch laufenden Studie bestätigen diese Effekte auch bei älteren Patienten.

Förderung von Akzeptanz und Selbstfürsorge: Telefonbasierte Akzeptanz und Commitmenttherapie bei pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz

 Projektleitung: Dr. Anne Katrin Risch und Prof. Dr. Gabriele Wilz
   Pflegende Angehörige von Demenzkranken werden mit schwierigen Situationen (z.B. fortschreitender Gedächtnisverlust, Verhaltensauffälligkeiten, Änderungen der Persönlichkeit) und internalen Ereignissen (z.B. negative Emotionen und Gedanken) konfrontiert, die kaum zu verändern sind. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Tendenz zur Erfahrungsvermeidung (d.h. Vermeidung negativer Gedanken und Emotionen) das Stresserleben von pflegenden Angehörigen erhöht und mit einer Verschlechterung der Lebensqualität einhergeht. Ein Ansatz, der einen akzeptierenden Umgang mit unveränderbaren Gegebenheiten und eine den eigenen Werten entsprechende Lebensgestaltung fördert, ist die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT; Hayes et al. 1999; Wilz et al. 2017b).
   In der AFL untersuchten wir die Effektivität von telefonbasierter ACT bei pflegenden Angehörigen (N = 50). Diese wurden randomisiert entweder einer Gruppe mit telefonbasierter ACT (acht Sitzungen, zwei Monate) oder einer unbehandelten Kontrollgruppe zugewiesen. Erste Auswertungen der Ergebnisse weisen darauf hin, dass sich in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe zum Zeitpunkt der Postmessung die Häufigkeit dysfunktionaler pflegebezogener Gedanken, Depressivität sowie Körperbeschwerden signifikant verringert haben und Lebensqualität und Ressourcennutzung signifikant gestiegen sind. Daraus lässt sich schließen, dass die telefonbasierte ACT den bisherigen, primär kognitiv-verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Interventionen in der Wirksamkeit nicht unterlegen ist.

Fazit und Ausblick

 Seit Bestehen des Behandlungsschwerpunktes für Menschen im höheren Lebensalter nimmt die Zahl der behandelten älteren Patienten in der AFL stetig zu. Während im Jahr 2016 insgesamt 22 Patienten über 65 Jahren in der AFL behandelt wurden, waren es im Jahr 2019 bereits 75 Patienten. Dies ist sicherlich auf die gute Vernetzung der AFL mit anderen gerontologischen Behandlungs- und Beratungseinrichtungen in Jena und Umgebung sowie auf die hohe Patientenzufriedenheit und die daraus resultierende Weiterempfehlung durch Patienten zurückzuführen. So gaben bei einer Patientenbefragung in der AFL von den Patienten über 65 Jahren 25% an, »sehr zufrieden« und 70% »zufrieden« mit dem Therapieerfolg zu sein. 100% der befragten Patienten gaben an, dass sie die AFL als Behandlungseinrichtung weiterempfehlen würden.
   Obwohl die Entwicklung der Patientenzahlen in der AFL in Jena positiv ist, bleibt die Psychotherapie im höheren Lebensalter doch – insgesamt gesehen – immer noch ein in Praxis und Forschung zu wenig beachtetes Thema: So liegt beispielsweise die psychotherapeutische Behandlungsrate von depressiven Personen über 65 Jahren laut Abrechnungsdaten der Krankenkassen bei ca. 5% im Vergleich zu ca. 20% bei jüngeren Erwachsenen (vgl. Kessler u. Tegeler 2018). Gründe hierfür liegen nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei den Behandlern selbst. So scheint es eine erhöhte Nichterkennungsrate von z.B. depressiven Erkrankungen im Alter bei den Haus- und Fachärzten zu geben (Laidlaw 2015). Darüber hinaus werden altersspezifische Themen und Methoden aber auch in der Ausbildung angehender Psychotherapeuten nur unzureichend vermittelt (Kessler et al. 2014). Das fehlende Wissen über altersspezifische Themen und Methoden könnte, gepaart mit ungünstigen Altersstereotypen (Kessler u. Bowen 2015) bei den späteren Therapeuten, die Bereitschaft, ältere Patienten zu behandeln, deutlich verringern. In der AFL werden daher Konzepte dafür entwickelt, altersspezifische psychotherapeutische Inhalte verstärkt in die Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten zu integrieren.

Literatur

Hayes SC, Strosahl K, Wilson KG (1999) Acceptance and Commitment Therapy: An experiential approach to behavior change. New York (Guilford Press).
Kessler E-M, Agines S, Schmidt C, Mühlig S (2014) Qualifikationsmöglichkeiten im Fachgebiet Gerontopsychologie – empirische Bestandsaufnahme. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 47: 337–344.
Kessler E-M, Bowen CE (2015) Images of aging in the psychotherapeutic context — a conceptual review. GeroPsych 2: 47–55. https://doi.org/10.1024/1662-9647/a000129
Kessler E-M, Tegeler C (2018) Psychotherapeutisches Arbeiten mit alten und sehr alten Menschen. Psychotherapeut 63: 501–518. https://doi.org/10.1007/s00278-018-0315-z
Laidlaw K (2015) CBT for older people: an introduction. Thousand Oaks (SAGE).
Risch AK, Wilz G (2013) Ressourcentagebuch: Verbesserung der Emotionsregulation und der Ressourcenrealisierung durch therapeutisches Schreiben im Anschluss an eine Psychotherapie – eine Pilotstudie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 42(1): 1–13.
Suhr M, Risch AK, Wilz G (2017) Maintaining mental health through positive writing: Effects of a resource diary on depression and emotion regulation. Journal of Clinical Psychology 73(12): 1586–1598.
Wilz G, Risch AK, Töpfer NF (2017a) Das Ressourcentagebuch – Eine ressourcenaktivierende Schreibintervention für Therapie und Beratung. Heidelberg (Springer).
Wilz G, Reiter C, Risch AK (2017b) Akzeptanz und Commitment-Therapie im Alter: Therapeutisches Vorgehen und klinische Erfahrungen. Psychotherapie im Alter 53(1): 83–95.