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24.6.2019 : 12:37 : +0200

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Ines Himmelsbach & Josefine Heusinger: Editorial zum Themenheft »Im Alltag bestehen«

Korrekturen im Herbst des Lebens?

Es wird Herbst in St. Jude. Es handelt sich um den Herbst eines älter werdenden Paares, um die Geschichte der Familie Lambert, die Jonathan Franzen in seinem Roman Die Korrekturen (2002) die Leserschaft bis ins kleinste Detail erspüren lässt.
   Mit der Metapher des Herbstes, mit Bildern von reifenden Äpfeln, Herbststürmen und zitternden Sturmfenstern, die »Windstoß auf Windstoß der Unordnung« Tür und Tor öffnen, beginnt Franzen seinen Roman. Vieles droht den beiden Protagonisten Enid und Albert in diesen Herbstverwehungen verloren zu gehen. Albert ist gezeichnet von einer fortschreitenden Parkinson-Erkrankung und demenziell verändert; seine Frau Enid in stetem Bemühen, die Stürme des Herbstes und die Unordnung aufzuhalten. Dennoch spiegelt sich die sich langsam und stetig entwickelnde Unordnung im gesamten Haus wider. Eine Ordnung wird aufrechtzuerhalten versucht, doch sie droht zu entgleiten, da alle Schränke angefüllt sind mit kleineren und größeren Objekten des Lebens, da Rechnungen nicht mehr geöffnet werden, Rabattmarken bereits abgelaufen sind und Alfred mit fortschreitender Parkinson-Erkrankung eigentlich nur noch in seinem Sessel im Keller verweilen möchte.
   In diesem Buch wird uns literarisch und metaphorisch vor Augen geführt, unter welchen Bedingungen der Alltag aufgrund von Veränderungen des Alters in Gefahr geraten kann, wie das Leben aufgrund von Spuren in unserem Leben, die das biografische Gewordensein innerlich wie äußerlich hinterlässt, aus den Fugen geraten kann oder zu geraten droht. Gleichzeitig zeigt dieser Roman in wundervoller Weise, dass dies nicht einfach als passive Hinnahme geschieht, sondern wie bis zuletzt Korrekturversuche vorgenommen werden, um sinnerfüllt aus dem Leben zu scheiden. Damit ist der Kampf um Korrekturen eng verwoben mit dem Alltag, im Kleinen wie im Großen.
   Dieses Bemühen und diese Versuche beschreibt Franzen zum Auftakt seines Romans als Alarmglocke, die außer Enid und Albert niemand wahrzunehmen vermag. Die Eindrücklichkeit dieser Szenen und der schleichende Prozess der zunehmenden Überforderung werden besonders schön in der folgenden Szene skizziert:
   »[S]ie [die Alarmglocke; I.H.] läutete seit so vielen Monaten, dass das Geräusch zu einer Art Metageräusch geworden war, dessen An- und Abschwellen nichts mehr mit dem Rhythmus von Schallwellen zu tun hatte, sondern allein mit dem viel, viel langsamer zu- und abnehmenden Bewusstsein dieses Geräuschs, einem Bewusstsein, das immer dann besonders geschärft war, wenn das Wetter selbst von Angst gepeinigt schien. Dann hatten Enid und Alfred – sie auf Knien vor den geöffneten Schubladen im Esszimmer, er unten im Keller, den katastrophalen Zustand der Tischtennisplatte inspizierend – jeder für sich das Gefühl, sie müssten vor Angst zerspringen.
Der Angst etwa, die von den Rabattmarken kam, dort in der Schublade neben den Kerzen in Designer-Herbstfarben. Die Marken wurden von einem Gummiband zusammengehalten, und Enid hatte gerade entdeckt, dass die Fristen (vom Hersteller oft schwungvoll mit Rot umrandet) schon vor Monaten, wenn nicht gar Jahren abgelaufen waren: dass diese hundert und so viel Rabattmarken, deren Gesamtwert mehr als sechzig Dollar betrug (im Chiltsville-Supermarkt, wo sie den Markenwert verdoppelten, theoretisch sogar 120 Dollar), samt und sonders nutzlos geworden waren. Tilex, sechzig Cent Rabatt. Excedrin PM, einen Dollar Rabatt. Und die Fristen bezogen sich nicht auf die jüngere Vergangenheit: Sie waren historisch. Die Alarmglocke läutete seit Jahren« (Franzen 2002, 10f.).
   In dieser Ausgabe der Psychotherapie im Alter legen wir Ihnen Beiträge vor, die von Alarmglocken, aber auch erfolgreichen Korrekturversuchen des Alltags handeln: Eröffnet wird das Heft mit einem Beitrag von Anna Wanka zum »Eingebundensein und sich zurückziehen – Der Alltag älterer Menschen«, der die Thematik des Hefts überblickartig skizziert und in seiner ganzen Spanne aufzeigt. Die Besonderheiten des Lebens mit Pflegebedarf schildert Josefine Heusinger unter Verwendung eindrücklicher Zitate. Korrekturversuche werden in den Beiträgen von Katrin Falk und Kerstin Kammerer an den Themen Armut und Sucht verhandelt. Unter Hinzuziehung empirischen Materials berichten Tina Denninger und Anna Richter über den Umgang mit dem alternden Körper bzw. über die Folgen von Abwertung und Nicht-Anerkennung älterer ostdeutscher Frauen. Darüber hinaus stellen sich zwei Institutionen vor – Psychologische Beratung 60+ in Frankfurt/Main und ein Quartiersansatz in Magdeburg –, die hilfreiche Unterstützung im Alltag anbieten.
   Wir wünschen Ihnen in diesem Herbst eine anregende Lektüre zum Bestehen im Alltag, sowohl im jungen als auch im hohen Alter.

Literatur

Franzen J (2002). Die Korrekturen. Reinbek (Rowohlt).