Sie sind hier: Archiv > Zeitschriften-Archiv > 2020 > Heft 1
DeutschEnglishFrancais
4.7.2020 : 20:51 : +0200

Archiv

In Psychotherapie und Beratung, aber auch in den medizinischen Bereichen Geriatrie und Gerontopsychiatrie und in der gesamten Altenhilfe sind Fragen der Autonomie, jedoch auch des Erlebens von Technik, ihren Herausforderungen und ihren Folgen ein wichtiges Thema. Die Gerontologie fördert als Grundlagenwissenschaft mit den Konstrukten der Sozialen Teilhabe und der Ermöglichung von Autonomie diese Auseinandersetzung, besonders in der Interventionsgerontologie. Dabei sind die Autonomie, die Selbstbestimmung und die individuelle Freiheit keine eindimensionalen Zielvorgaben, die es normativ zu erreichen gilt. Gerade der Fokus der Psychotherapie liegt vielmehr auf der vom Subjekt zu leistenden Positionierung im Spannungsfeld von Wünschen nach Autonomie und Wünschen nach Versorgung, nach Abgabe von Verantwortung, nach »Loslassen« und »Überlassen« im Allgemeinen. Angesichts der Erfahrungen und der Bewältigung von psychischen und körperlichen Veränderungen mit Auswirkungen auf das Identitätserleben zeigt sich, wie bedeutsam das Themenfeld der Autonomie und Gebundenheit sowie der Nutzung und des Rückzugs von Technik und technischen Geräten sein kann.
   In diesem Kontext wird Autonomie häufig in Verbindung mit Selbstständigkeit und oft synonym mit dem Begriff »Selbstbestimmung« gebraucht, was Gefahren in sich birgt. Denn bei Selbstbestimmung handelt es sich, ebenso wie bei Autonomie, um normative Werte. Ihr Wirkungsgrad muss aber beschrieben werden. Der mögliche Verlust an Kompetenzen und damit die Einschränkung selbstständiger Lebensführung sowie die daraus resultierende mögliche Hilfsbedürftigkeit mit all ihren (wahrscheinlichen) Abhängigkeiten lösen bei vielen Menschen Ängste und Abwehrbewegungen aus. Die Angst vor dem Verlust der Selbstständigkeit ist oftmals verbunden mit interpersonellen Ängsten, unangenehmen Beziehungen und der Furcht davor, bösartigen Personen ausgeliefert zu sein. In einem psychodynamischen Verständnis ist Autonomie untrennbar mit dem Bedürfnis nach Verbindung, nach Abhängigkeit verbunden, ganz im Sinne eines zentralen menschlichen Konfliktthemas. Somit ist Abhängigkeit nicht bedingungslos gleichzusetzen mit Selbstaufgabe, sondern muss ebenfalls hinsichtlich ihres Wirkungsgrades und der sie determinierenden Kompetenzen definiert werden.
   Es geht demnach vordergründig darum, Interventionen zur Förderung von Selbstständigkeit zu entwickeln und zu implementieren. Die damit verbundenen Wertorientierungen Selbstbestimmung und Autonomie bieten dafür Orientierung und eine entsprechende theoretische Basis. Außerdem sollte aber auch definiert werden, welche Formen der Abhängigkeit, des »In-Beziehung-Seins« und »Den-Anderen-Brauchens« lebensnotwendig und -förderlich sind. In vielen aktuellen Fachdebatten, vor allem im Kontext von Techniknutzung im Alter, wird auf die entsprechende Trennschärfe nicht geachtet, was in der Verbindung mit dem Einsatz technischer Assistenzsysteme jedoch eine hohe Relevanz hat.
   Selbstbestimmung, Autonomie und Selbstständigkeit sind vor diesem Hintergrund längst zu einem Schibboleth geworden, an dem sich entweder ein gelingendes, erfolgreiches und glückliches Leben final realisiert oder an dem dieses Leben scheitert. Der Einsatz von technischen Assistenzsystemen oder einzelner Technologien wird demzufolge auch fast immer mit dieser begrifflichen Trias in Verbindung gebracht. Die Zielperspektive bei der Entwicklung und beim Einsatz technischer Produkte und Systeme ist also geprägt vom Selbstverständnis der Autonomieförderung bei wachsendem Hilfe- und Unterstützungsbedarf im Alter, muss aber auch den Verlust an Kompetenzen zur Erhöhung der individuellen Selbstständigkeit ausgleichen. Dabei geht es um die Sicherung der Bedürfnisse des älteren und alten Menschen und um deren Realisierung, wobei einerseits die Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Autonomie, andererseits die nach Bindung und Schutz als dahinterstehende Werte den orientierenden Rahmen bilden.
   Das Themenheft »Autonomie und Technik« knüpft an diese Überlegungen an und beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven, wie facettenreich das konflikthafte Feld der Autonomie in Verbindung mit Techniknutzung im Alter sein kann und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind. Es geht dabei auch um die Frage, wie die Praxis der Psychotherapie Technik als ermöglichende Option sinnvoll nutzen und wie sie die mit der Techniknutzung durchaus auch verbundenen Ängste in ihren therapeutischen Settings aufgreifen kann.
   Sie, die Leserinnen und Leser, werden in diesem Heft einen Beitrag in englischer Sprache finden, vielleicht ein wenig ungewöhnlich, jedoch nicht im Kontext dieses hochbedeutsamen und international diskutierten Themenfeldes. Vielleicht bietet dieser in der Psychotherapie im Alter bisher einmalige sprachliche Zugang auch neue Erfahrungen mit der englischen Sprache und neue Freiheiten des Verstehens, mit und ohne technische Hilfen.