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20.10.2018 : 15:59 : +0200

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Nach über einem halben Jahrhundert gerontologischer Forschung ist die »Gesellschaft des längeren Lebens« zweifelsohne in der Öffentlichkeit angekommen. Nach und nach wächst das Bewusstsein dafür, was die verlängerte Lebenserwartung und die niedrige Geburtenrate für uns selbst, unsere eigene Lebensplanung und den Umgang mit anderen Generationen bedeutet. Dabei sind die Potenziale des Alter(n)s gegenüber einem defizitären Altersbild in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.
  Gleichzeitig wird unsere gerade erwachte Hoffnung auf ein langes, vitales Altern von dem in den letzten Jahren ebenfalls wachsenden Bewusstsein für die Vulnerabilitäten des Alters getrübt. Gerade älter werdende Menschen fürchten oftmals angesichts akuter oder chronischer Erkrankungen, pflegebedürftig zu werden und dann unangenehmer, desinteressierter und liebloser Pflege ausgesetzt zu sein. Auch bei der Sorge vor einer sich entwickelnden Demenz spielt die Angst vor Auslieferung an eine bösartige Umwelt vermutlich eine wichtige Rolle. Zudem fürchten viele Menschen, im Alter mit weniger finanziellen Mitteln auskommen zu müssen und deswegen in ihrer Mobilität eingeschränkt zu sein. Darüber hinaus fürchten sie Tristesse und Scham, sollten sie sich und anderen bedeutsame Wünsche nicht mehr erfüllen können.
   So können Alter und Altern negative Emotionen hervorrufen, für die wir in diesem Themenheft den Begriff »Altersangst« verwenden. Da Angst ein unangenehmes Gefühl ist, kann sie auch schnell – im Sinne einer Abwehr – einen Gegenspieler auf den Plan rufen, nämlich das komplementäre Gefühl der Hoffnung, etwa auf Präventions- und Heilungsmöglichkeiten. Und so ist nicht selten aus der Altersangst auch ein Geschäft mit der Hoffnung erwachsen – davon zeugen etwa die Versprechungen der Freizeit-, Lifestyle- und Pharmaindustrie.
   Zweifelsfrei zieht Altersangst auf den ersten Blick eine negative Bilanz nach sich: Sie ruft einen besorgten Blick in die Zukunft hervor und trübt unsere Aussichten auf ein »erfolgreiches« Altern. Allerdings hat Altersangst wahrscheinlich auch eine bedeutsame Schutzfunktion für Individuen. Evolutionsgeschichtlich gilt Angst als ein die Sinne schärfender Schutzmechanismus, der in Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten einleitet. Wer die Gefahren des Alters erkennt, kann sich vor ihnen besser schützen als derjenige, der sie verleugnet. Diese Schutzfunktion der Angst entfällt allerdings dann, wenn es um Formen diffuser Ängste geht, die eine generelle Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit bedingen; wenn Aktivität, Kontaktaufnahme, Information und Suche nach Unterstützung vermieden werden. Angst kann eine psychopathologisch relevante Dimension in Form von ängstlichen Reaktionen, Phobien oder Panik annehmen. Hinzu kommt, dass Menschen, die lebenslang mit Ängsten konfrontiert waren, auch im Alter darunter leiden. Neuere Studien zur Prävalenz der Angststörungen im Alter zeigen in der Tendenz eine größere Häufigkeit als ältere Studien. So fanden Andreas et al. (2016) für jede Form der Angststörung in einer internationalen Alterskohorte, ermittelt mit einem altersangepassten Instrument (CIDI65+), eine aktuelle Prävalenz von 11,4 Prozent bei einer Lebenszeitprävalenz von 25,6 Prozent.
   Diffuse Altersängste stellen sich auch dann ein, wenn den Betroffenen die konkreten Furchtobjekte nicht bewusst zugänglich sind (Verlust symbolischer Ressourcen; siehe hierzu Kessler in diesem Heft). Die dafür erforderliche psychische Auseinandersetzung mit der conditio humana bedarf nicht zuletzt psychischer Kapazitäten, die mit Altern einhergehenden Ambiguitäten wahrzunehmen, anstatt sie negativ oder vorbehaltlos positiv zu bewerten. Die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion zum Thema Demenz findet in Extremen statt: Die eine Seite – hauptsächlich vertreten von Politiker/innen, ethisch orientierten Fachleuten und Angehörigen – entdeckt Kategorien des Menschseins jenseits aller Rationalität neu und hebt die Potenziale eines sinnerfüllten Lebens auch unter dem Diktum von kognitivem Verfall hervor. Die andere Seite bleibt weiterhin im Sinne einer Entwicklung, die den Betroffenen ein menschenunwürdiges Dasein entzieht, auf diesen Verfall fixiert.
   Insgesamt betrachtet ist der Umgang mit Altern sowohl eine sozialkulturelle als auch eine emotionale Herausforderung für jedes Individuum. Aus der Motivationspsychologie ist bekannt, dass Menschen dann am meisten zu Leistung motiviert sind, wenn sich Furchtkomponente – zum Beispiel Furcht vor Misserfolg – und Hoffnungskomponente – zum Beispiel Hoffnung auf Erfolg – in ihrer Intensität annähernd gleichen (Heckhausen 1980). Bezogen auf Alter(n) könnte dies so übersetzt werden: Wir werden die individuelle und gesellschaftliche Entwicklungsaufgabe »demografischer Wandel« dann am erfolgreichsten bewältigen, wenn wir ihr mit Hoffen und Bangen begegnen.
   Diese Ausgabe der Psychotherapie im Alter versucht, einen weitgespannten Blick auf das Phänomen Altersangst zu richten.
   Anne Dutt und Hans-Werner Wahl widmen sich dem subjektiven Alterserleben und zeigen auf, wie sehr Vorstellungen, aber auch zukunftsbezogene Ängste den Alterungsprozess betreffend auf das psychische Wohlbefinden einwirken können. Je positiver der Blick auf das eigene Älterwerden ist, umso höher sind Lebenszufriedenheit und emotionale Stabilität. Dieser Befund findet eine Entsprechung in der soziologischen Arbeit von Stefanie Graefe, die den Einfluss der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Alters in Hinblick auf stigmatisierende Altersbilder beschreibt. Wenn eine Probandin ihrer qualitativen Studie sagt, »selbstbestimmtes Leben ist einfach wunderschön, und Abhängigkeit ist schlimmer wie ’ne Todsünde oder der Satan, nein«, so bezeichnet sie angstvoll einen in der Zukunft des hohen Alters gewähnten Zustand, der dem klassischen Altersbild von Abbau, Abhängigkeit und Leiden entspricht.
   Die weiteren Arbeiten dieses Heftes widmen sich verschiedenen Ängsten und Angststörungen im Alter. Simone Salzer und Charline Logé zeigen auf, dass körperliche Symptome häufiger mit der generalisierten Angststörung verbunden sind. Diese führt die Patienten in die hausärztliche Behandlung, wo die psychische Störung erkannt werden muss. Das Phänomen der stärkeren Somatisierung teilt die generalisierte Angststörung mit anderen psychischen Erkrankungen im Alter. Reinhard Lindner entwirft eine Psychodynamik der Sturzangst vor dem Hintergrund der beiden Freud’schen Angsttheorien und plädiert anhand eines Fallbeispiels für einen psychodynamisch-physiotherapeutischen Behandlungsansatz. Eva-Marie Kessler beschreibt eine häufige Befürchtung Älterer, an Demenz zu erkranken, die »dementia worry«, die sich ihren Untersuchungen nach auf ein Konglomerat aus allgemeiner psychischer Belastung, Krankheitsängsten und allgemeiner Altersangst zurückführen lässt. Konkrete Beratung und Unterstützung bei Angst vor Demenz wird unter der Rubrik »Eine Institution stellt sich vor« von Doris Reinhard beschrieben.
   Die Herausgeber dieser Ausgabe der Psychotherapie im Alter bedanken sich bei den Autorinnen und Autoren für die engagierte Mitarbeit und bei der geschäftsführenden Herausgeberin Astrid Riehl-Emde für ihre sorgfältige und freundliche Begleitung des Revisionsprozesses.

Literatur

Andreas S, Schulz H, Volkert J, Dehoust M, Sehner S, Suling A, Ausín B, Canuto A, Crawford M, Da Ronch C, Grassi L, Hershkovitz Y, Munoz M, Quirk A, Rotenstein O, Belén Santos-Olmo A, Shalev A, Strehle J, Weber K, Wegscheider K, Wittchen HU, Härter M (2016) Prevalence of mental disorders in elderly people: the European MentDis_ICF65+ study. The British Journal of Psychiatry 210(2): 125–131.
Heckhausen H (1980) Motivation und Handeln. Lehrbuch der Motivationspsychologie. Berlin (Springer).