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21.11.2017 : 14:42 : +0100

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Daniel Strub:
Was hätte Paracelsus (1493-1541) zur Alterspsychiatrie im ehemaligen Kloster St. Pirminsberg wohl gesagt? -
Die Alterspsychiatrie der Psychiatrie-Dienste St. Gallen Süd (Ostschweiz)

Paracelsus gehörte im Mittelalter zu den Ersten, die Medizin nicht mehr als verstaubtes akademisches Wissen verstanden sondern das Heilen damals schon als »bio-psycho-soziale« Aufgabe betrachteten. Die akademischen Dogmen waren ihm teils zuwider. Vielmehr überprüfte und benutzte er das tradierte Volkswissen, behandelte individuell – heute würde man vielleicht sagen »personenzentriert«. Paracelsus liebte das Reisen. So entdeckte er auch die landschaftlichen Reize von Pfäfers, das dortige Kloster St. Pirminsberg und dessen heilende Quelle. Dem damaligen Abt stellte er sogar ein ärztliches Konsilium aus, das heute noch gelesen werden kann!
   Der gotische Bau ist mittlerweile abgebrannt, die imposante Barockkirche ist aber auch schon mehr als 300 Jahre alt. Trotzdem oder vielleicht deswegen: St. Pirminsberg fasziniert, die dicken Gemäuer strahlen Sicherheit und Geborgenheit aus, für viele ist das ehemalige Kloster ein Kraftort. Die Klinik Pfäfers wirkt wunderbar abgelegen. Allerdings fährt man nach Zürich oder St. Gallen lediglich 60 Minuten, zur deutschen Grenzen eine dreiviertel Stunde, nach Österreich noch weniger.
   Heute ist die Klinik Pfäfers Teil des psychiatrischen Versorgungsnetzes für den südlichen Teil des Kantons St. Gallen. Zwischen Bodensee und Zürichsee stehen den rund 180.000 Einwohnern nebst der Klinik (143 Betten) drei ambulante Regionalzentren zur Verfügung, zwei davon mit einer Tagesklinik.
   Das alterspsychiatrische Angebot bettet sich in dieses Gefüge ein und umfasst stationäre und ambulante Dienste, die eng miteinander zusammenarbeiten. Es ist ein selbstverständlicher Teil der stationären Akutversorgung mit jährlich 300 Aufnahmen. Die Arbeit ist weit entfernt von der früheren Tradition der Gerontopsychiatrie, in der diese noch als Langzeitpsychiatrie verstanden wurde!

Das stationäre Angebot

Stationär hat die Alterspsychiatrie drei Stationen mit insgesamt 43 Betten. Die bei Bedarf geschlossene Aufnahmestation (14 Betten) und eine permanent offene Rehabilitations- und Psychotherapie-Station (14 Betten) bilden die Abteilung 50+, weil dort Patienten der zweiten Lebenshälfte in Empfang genommen werden. Nicht nur betagte Patienten sondern auch solche »im reiferen Alter« schätzen die etwas ruhigere Atmosphäre. In der psychotherapeutischen Arbeit müssen teils auch die spezifischen Probleme dieser Generationen angegangen werden, etwa Konflikte mit den eigenen Eltern und Kindern (Sandwich-Generation) oder die Chronifizierung später im Leben aufgetretener psychiatrischen Erkrankung.
   Ziel der Behandlung ist die psychopathologische und psychosoziale Stabilisierung. Dazu werden nebst der Pharmakotherapie die begleitende Bezugspersonarbeit (Pflege), Einzel- und Gruppengespräche (Psychologin und Arzt), das Vermitteln von Fachinformation durch den Arzt (»Patientengruppe«), das Haushaltstraining und die Bewegungs- und Aktivierungstherapie eingesetzt. Bei Bedarf wird auch eine angepasste Wohnmöglichkeit gesucht, sicher aber immer für die ambulante Nachbehandlung gesorgt. Die oberärztlich geführte Angehörigenvisite bildet das Kernstück der psychotherapeutischen Arbeit in der Abteilung 50+. Dabei werden, wenn immer möglich, Angehörige und Bezugspersonen in diese Visite mit einbezogen und beraten.
   Manchmal begleiten wir auch sterbende Patienten, was interdisziplinär in enger Zusammenarbeit mit dem Nachbarspital geschieht (Palliative Care).
   Die stationäre Alterspsychiatrie umfasst auch eine Memory-Station (15 Betten) für Demenzkranke (Alzheimer, Parkinson-Demenz, Alkohol-induzierte Demenz etc.), bei denen zusätzliche psychiatrische Probleme auftreten (Depression, Delir, Wahnstörung) und für die eine weitere Diagnostik und Behandlung notwendig ist. Zur Abklärung gehören Labor und Bilddiagnostik (MRI), das Demenzscreening (Pflege) und bei Bedarf eine umfassende neuropsychologische Testabklärung (Neuropsychologin). Zu diagnostischen aber auch zu therapeutischen Zwecken versuchen wir ausserdem möglichst detailliert, die frühere Persönlichkeit des Patienten zu erfassen (Pflege, Arzt). Zur psychosozialen Abklärung ist prinzipiell eine enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen, aber auch mit den umliegenden Alters- und Pflegeheimen unabdingbar. Therapeutisch nimmt die Bezugspersonarbeit (Pflege) mit einem Schwerpunkt im ROT (Realitätsorientierungs-Training) und in der SET (Selbsterhaltungstherapie) einen wichtigen Platz ein. Bei leichten Demenzformen wird eine den kognitiven Einschränkungen angepasste Psychotherapie praktiziert (Arzt und Psychologin). Wichtig sind im Weiteren die Bewegungstherapie und die Aktivierungstherapie, die auf der Station durchgeführt wird und eine eminente Rolle in der Tagestrukturierung einnimmt.
   Die Unterstützung der Angehörigen ist bei Demenzpatienten zentral. So informieren wir sie über die Medikation ihres Familienmitglieds und bieten Angehörigenschulungen durch die Pflege an, in denen vor allem Informationen und Ratschläge zum Umgang mit dem kranken Familienmitglied vermittelt werden.
   Auch auf dieser Memory-Station werden immer wieder unheilbar kranke Patienten bis zu ihrem Versterben palliativ behandelt und begleitet.

Weiterentwicklung der ambulanten Versorgung

Ambulant wurden in den letzten Jahren diverse Angebote ins Leben gerufen:
   Seit 1997 werden dezentrale Sensibilisierungsnachmittage für das Personal von Alters- und Pflegeheimen organisiert, die mittlerweile sehr beliebt sind und bei denen jährlich mehrere hundert Pflegefachleute aus Heim- und Hauspflege (Spitex) zusammenkommen. Alters- und Pflegeheime haben oft nur wenig Geld für hausinterne Weiterbildungen bei einem großen Bedarf an alterspsychiatrischen Kenntnissen vor Ort. Um diesem Problem entgegenzuwirken, bieten die Psychiatrie-Dienste Süd zusammen mit einem Privatanbieter ein Qualifizierungsprogramm zur psychiatrischen Begleitung in Alters- und Pflegeheimen an.
   Gleichzeitig wurden Treffen für Angehörige von psychisch kranken Alterspatienten, genannt »Pirminsberger Gespräche«, ins Leben gerufen. Die dreistündigen Abendveranstaltungen beginnen meist mit einem Impulsreferat. In Kleingruppen oder beim Abendessen werden dann vielfach auch die persönlichen Grenzen und Nöte besprochen – der eigentliche Sinn der Sache!
   Seit 1999 werden in unserem Einzugsgebiet zwei ambulante Gedächtnissprechstunden durchgeführt, die eine Sprechstunde in der Klinik selbst im Sinne eines komplementären Angebots zur stationären Memory-Station, die andere in einem Psychiatrie-Zentrum zusammen mit einem Regionalspital. Von dieser Sprechstunde ausgehend werden pro Patient 1 1/2-tägige Untersuchungen mit anschliessender Beratung durchgeführt. Es handelt sich um eine interdisziplinäre Arbeit, in die pflegerisches und psychiatrisches Wissen sowie Erkenntnisse aus der Verhaltensneurologie und Neuropsychologie einbezogen werden.
   2001 war Startschuss des Projekts »Alterspsychiatrie vor Ort«, das sich den Aufbau einer flächendeckenden alterspsychiatrischen Versorgung der Alters- und Pflegeheime des Einzugsgebiets zum Ziel setzte. Praktisch wollten wir mehr Heimpatienten den Zugang zu einer fachlich fundierten Behandlung anbieten. Auch lag uns das Coaching des Pflegepersonals sehr am Herzen, namentlich durch fallbezogene Supervision, aber auch Konsiliar- und Liaison-Arbeit. Untersuchungen zeigen nämlich, dass unter den Heimbewohnern eine hohe Prävalenz von psychischem Leid zu finden ist. In Grossstudien in den USA (Reichman 1998) waren ca. 40% der Heimbewohner psychisch belastet, bei 25% lag eine Depression vor. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ältere Leute bei psychischen Problemen bedeutend weniger als Junge den Weg zum Spezialisten finden. Diese Realität ist bei den weniger mobilen Heimbewohnern noch ausgeprägter. Diese Pionierarbeit wurde mittlerweile in 40 der 55 Heime unseres Einzugsgebiets etabliert und ist zum unverzichtbaren Bestandteil der psychiatrischen Grundversorgung geworden.

Weitere Entwicklung

In den kommenden Jahren ist eine Erweiterung der alterspsychiatrischen Angebote geplant. Es werden spezialisierte Sprechstunden in den regionalen Zentren und neue regionale Tageskliniken in den regionalen Spitälern aufgebaut. Nach jahrelanger Zurückhaltung bekommt die Alterspsychiatrie bei uns auch politische Rückendeckung, was sehr erfreulich ist. So wird 2010 außerdem auf dem Klinikareal ein »Zentrum für Alterspsychiatrie« eröffnet. In Zukunft werden gute Versorgungsstrukturen und Räumlichkeiten weniger ein Problem darstellen, als die Rekrutierung von motiviertem und gut ausgebildetem Personal. Im Unterschied zu anderen deutschsprachigen Nachbarländern gibt es in der Schweiz seit Mitte 2006 die Möglichkeit, einen berufspolitisch anerkannten medizinischen Schwerpunkt »Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie FMH« zu erlangen – ein Schritt also in die gute Richtung.
   Paracelsus würde sich wohl sehr über diese Entwicklungen freuen: St. Pirminsberg lebt weiter und die gemeindenahe Versorgung erreicht immer besser das ihm so liebe »Fußvolk«.

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