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19.9.2017 : 17:12 : +0200

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Arbeitsfähigkeit im Alter

Ein Minenfeld in Psychotherapie und Sozialmedizin

Es ist eine Binsenweisheit, dass Älterwerden Teil unseres menschlichen Schicksals ist. Manche gehen davon aus, dass lebenslängliche Arbeit genauso schicksalsgegeben sei. Das Arbeitsleben – unvermeidlich oder freiwillig gewählt – löst nun keineswegs nur Unlust aus, wie es sich bei Sigmund Freud nachlesen lässt. Freud hat in seinem Aufsatz »Das Unbehagen in der Kultur« nicht nur das Unbehagen mit der Berufsarbeit zum Thema gemacht, sondern die Arbeit auch als potenziellen Weg zum Glück beschrieben:
   »Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerlässlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab« (Freud 1930, 438).
   Aus der Überlegung Freuds ergibt sich also das Spannungsfeld zwischen libidinös besetzten, sinn- und identitätsstiftenden Tätigkeiten auf der einen Seite (»Ich arbeite, also bin ich«) und den ungeliebten oder als sinnlos erlebten Tätigkeiten auf der anderen Seite. Eine derartige Unterscheidung findet sich auch in den slawischen Sprachen, die für das Wort arbeiten zwei Bezeichnungen haben. Im Tschechischen beispielsweise steht prazovat für arbeiten aus Freude, aus Interesse an der Arbeit – eher selbstbestimmt; roboten hingegen steht für die aufgezwungene Arbeit, für die Maloche – die fremdbestimmte Arbeit.
   Der medizinische Fortschritt hält uns länger arbeitsfähig, und es gibt angeblich einen höheren Bedarf an Älteren in der Berufswelt, deren Potenziale zu nutzen sind. Dank des Gefühls gebraucht zu werden können viele Ältere eine neue Wertschätzung erfahren. Im Falle des glücklichen Zusammentreffens von Beruf und Berufung entstehen ganz neue Perspektiven. Der »Kampf der Generationen« ist hier offensichtlich aufgehoben. Könnte die Nützlichkeitsperspektive auch ein Zeichen für die Dominanz der Ökonomie über andere Wertmaßstäbe sein? Wie kann eine neue, eine andere Arbeitskultur aussehen?
   Vielen älteren Menschen gelingt es, ihr Arbeitsleben zu verlängern oder neue, sinnstiftende Tätigkeiten zu übernehmen. Andere, die ihren Beruf als Berufung empfinden, denen aber die Möglichkeit fehlt, weiterhin tätig zu sein, erleben den Ruhestand in der Regel als eine schmerzliche oder kränkende Zäsur, die sogar in eine Krankheit münden kann. Viele von ihnen sind jedoch in der Lage, den Verlust zu bewältigen, zumindest nach einer Übergangszeit. Wie aber ergeht es denjenigen, deren Arbeitsfähigkeit frühzeitig nachlässt oder infrage gestellt wird, die infolge technologischer und ökonomischer Veränderungen nicht mehr gebraucht werden oder aus anderen Gründen auf die »Abschussliste« geraten? Folgen auf sinnentleerte Arbeit dann regressive Rentenwünsche? Als Psychotherapeuten sind wir selten Zeugen des Gelungenen, sondern vielmehr mit Problemen und Scheitern konfrontiert. Hier tut sich ein psychotherapeutisches und sozialmedizinisches Spannungsfeld auf, das es neben zweifellos positiven Entwicklungen zu beleuchten gilt.
   Das Thema »Arbeitsfähigkeit« stand im Mittelpunkt der 26. Arbeitstagung Psychoanalyse und Altern, die Ende des Jahres 2014 in Kassel stattfand. Die Referenten der Tagung haben freundlicherweise zugestimmt, ihre Vorträge als Beiträge in diesem Heft zu publizieren. Zum Tagungsprogramm gehörte auch eine Podiumsdiskussion zum Thema »Altwerden als PsychoanalytikerIn: Arbeit bis zum Umfallen oder was?« Diese Diskussion war aus vielen Gründen denkwürdig: Die Podiumsteilnehmenden begeisterten sich für ihren Beruf, für die Neugier auf andere Menschen und die Freude an Erkenntnis. All das gipfelte in der Frage: »Warum etwas aufgeben, das weiterhin Freude macht?« Für das Publikum wurde allerdings auch eine Atmosphäre der Atem- und Rastlosigkeit spürbar sowie eine fast beängstigende Leichtigkeit, mit der andere Wünsche hintangestellt und auf später verschoben wurden – sicher durchaus im Bewusstsein des Risikos, dass vielleicht nie etwas daraus wird. Schließlich wurde die Diskussion sehr abrupt beendet, eigentlich abgebrochen ohne die sonst übliche Verabschiedung – wie das plötzliche und unerwartete Ende eines Feuerwerks. Erst nach der Podiumsdiskussion fiel auf, dass gar nicht gefragt worden war, was eigentlich ansteht, wenn die Arbeitsfähigkeit doch mal versiegen sollte. Was bleibt dann? Was kommt dann? Vielleicht geht es irgendwann gar nicht mehr weiter? Am Ende stand lediglich die Frage des Moderators an die Organisatoren: Wie geht es nun weiter? Damit war zwar nur ein logistisches Detail der Veranstaltung gemeint – aber diese Frage könnte für das gesamte Tagungsthema gelten. Im Nachhinein entstand der Eindruck, Zeuge der Inszenierung des Themas geworden zu sein.
   Spätestens an dieser Stelle, hoffentlich nicht zu spät, kommt einem nicht nur die »vita activa«, der aktive Ruhestand, in den Sinn, sondern auch die »vita contemplativa«: Wie könnte eine solche »vita contemplativa« aussehen und wer ist dafür geeignet? Vielleicht wäre es den Versuch wert, statt sich vorschnell ein neues Programm aufzuerlegen, zunächst eine Art von Vakuum auszuhalten, sich einfach eine Pause zu gönnen? Wir möchten anregen, den problemlastigen Begriff »Vakuum« durch die positive Bezeichnung »verpflichtungsfreier Lebensraum« zu ersetzen. Der »verpflichtungsfreie Lebensraum« hat in Kassel die Runde gemacht: Er lädt ein, sich für die Zeit nach dem Arbeitsleben neue Optionen zu eröffnen.
   Es ist den Beiträgen dieses Hefts zu wünschen, dass Sie als Leserinnen und Leser zu dieser Frage »Wie geht es weiter?« vielfältige Anregungen finden.

Literatur

Freud S (1930) Das Unbehagen in der Kultur. GW XIV. Frankfurt (Fischer) 419–506.