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20.11.2017 : 21:51 : +0100

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Dieser Band »Beziehungswelten« widmet sich dem Thema der produktiven Gestaltung zwischenmenschlicher und »außermenschlicher« Beziehungen. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen braucht hier nicht erläutert zu werden, worum handelt es sich aber bei „außermenschlichen“ Beziehungen? Hiermit sind Beziehungen zu nicht-menschlichen Objekten gemeint, das heißt Beziehungen zu Dingen (z.B. Modelleisenbahn, Briefmarken usw.), aber auch zu Pflanzen und Tieren, zu Lebensräumen (Wohnung, Orte, Landschaften), Symbol-Werken (z.B. Bilder, Lieder, Gedichte), Symbol-Systemen (z.B. Kunst, Musik, Literatur, Philosophie) oder Symbol-Arbeiten (z.B. Malerei, Gartengestaltung). Beziehungen zu nicht-menschlichen Objekten haben nicht nur für Menschen im Ruhestand, sondern auch über die gesamte Lebensspanne eine hohe Bedeutung. Bereits im Säuglings- und Kleinkindalter blicken diejenigen, die spielen und sich engagiert mit ihrer Umwelt beschäftigen können, zufriedener in die Welt und werden von ihrer Umwelt als »pflegeleichter« wahrgenommen als diejenigen, die dazu nur wenig in der Lage sind. Ein Individuum, das interessiert und intentional in Wechselwirkung mit seiner Umwelt agiert, das Objekte dieser Umwelt libidinös zu besetzen vermag, fühlt sich unabhängig vom Lebensalter zu Tätigkeiten herausgefordert. Es wirkt gestaltend auf seine Umwelt ein – sei die Tätigkeit oder Aufgabe auch noch so klein –, es strebt nach »beantwortetem Wirken« im Sinne einer Beziehungs- und Befindlichkeitsqualität (Willi 1996). Selbst Hochbetagte in Alters- und Pflegeheimen empfinden Befriedigung, wenn sie kleine Aufgaben übernehmen und sich darin bestätigen können (ebd.).
   Die Großelternschaft stellt derzeit die beliebteste Tätigkeit in Deutschland dar, sowohl für die Altersgruppen zwischen 55 und 69 Jahren als auch für die zwischen 70 bis 85 Jahren (Kohli u. Künemund 2000, 290). Aus soziologischer Perspektive gilt die Betreuung von Kindern und Enkeln neben der Pflegetätigkeit und neben der ehrenamtlichen Tätigkeit als »produktiv«, da sie Werte für die Gesellschaft schafft. Gemessen an der Zunahme der Lebenszeit jenseits der Erwerbsarbeit und an der Ressourcenausstattung der Älteren gilt es allerdings als unstrittig, dass die »gesellschaftliche Produktivität des Alters unterentwickelt« ist (Tews 1996, 193). Drei vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ins Leben gerufene Initiativen sind in diesem Sinne auch als Anstöße zu verstehen, die Potenziale Älterer zu nutzen, nicht zuletzt im Interesse der intergenerationellen Gerechtigkeit. Unter dem Thema »Alter schafft Neues«, flankiert von der Informationskampagne »Zähl Taten, nicht Falten«, sollen derzeit drei Programme positive Bilder der Fähigkeiten älterer Menschen in die Öffentlichkeit transportieren:

  1.  »Aktiv im Alter«: Hier sollen Projekte entstehen, in denen ältere Menschen für das Gemeinwesen aktiv werden.
  2. Generationenübergreifende Freiwilligendienste«: Institutionen und Organisationen wie Kindergärten, Schulen, Familien, Stadtteilzentren, stationäre Einrichtungen und Hospize sollen für die Integration von bürgerschaftlich interessierten Menschen gewonnen werden.
  3. »Wirtschaftsfaktor Alter«: Bei diesem Programm geht es sowohl um die Erhöhung der Lebensqualität älterer Menschen durch nutzerfreundliche Produkte und Dienstleistungen, als auch um die Stärkung von Innovation, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung.

  Die genannte soziologische Definition »produktive Tätigkeiten« ist selbstverständlich nicht unwidersprochen geblieben. So lassen sich unter »produktiv« nicht nur Tätigkeiten verstehen, die einen instrumentellen Nutzen für andere, sondern auch Auswirkungen emotionaler oder motivationaler Art auf die soziale Umwelt haben. Zum Beispiel kann die Beschäftigung mit einem Hobby zum individuellen Wohlbefinden beitragen, sie ermöglicht aber auch ein »Expertenwissen« und ist so nicht nur inhaltlich, sondern auch durch soziale Kontakte zu anderen Menschen im weiteren Sinne produktiv (Staudinger 1996, 345).
   Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits in der Ottawa-Deklaration von 1986 betont, dass eine selbstständige und selbstverantwortliche sowie persönlich sinnerfüllte und aktive Lebensgestaltung sehr bedeutsam für ein gesundes Altern ist. Statistische Erhebungen zu den Aktivitäten im Ruhestand beziehen sich in der Regel auf die Quantität dieser Aktivitäten. So werden gemäß der Berliner Altersstudie (Maier/Baltes 1996) folgende Aktivitäten von den 70- bis 84-Jährigen am häufigsten genannt: Reisen (69%), Restaurantbesuche (66,1%), Ausflüge machen (59,9%), kulturelle Ereignisse (56,2%) und Sport (43,2%) – selten dagegen: künstlerische Aktivitäten (5,8%), politische Aktivitäten (8,5%), Weiterbildung (13,6%), ehrenamtliche Tätigkeiten (14,4%) und Hobbys (14,7%). Über die Qualität dieser Aktivitäten und über die libidinöse Besetzung der Objekte, die bei diesen Aktivitäten eine Rolle spielen, gibt es weder Zahlen noch Daten.
   Nun unterscheidet sich die Liebe zu nicht-menschlichen Objekten ganz wesentlich von der Liebe zu anderen Menschen, wie uns der Baseler Philosoph Hans Saner in seiner logischen Betrachtung der Liebe (1999) nahe gebracht hat. Die Liebe zu nicht-menschlichen Objekten ist weniger komplex, weil sie in der Regel einseitig ist bzw. immer ein asymmetrisches Verhältnis beinhaltet. Einseitigkeit bedeutet: der Mensch liebt ein Objekt, dieses kann jedoch die Liebe nicht erwidern. Es kann auch nicht untreu werden, die Beziehung aufkündigen oder davon laufen. Der Mensch befindet sich gegenüber dem Objekt in einer machtvollen, hierarchisch überlegenen Position. Sogar die Liebe zu Tieren ist häufig einseitig. Allenfalls höhere Tiere, wie Hunde und Katzen, erwidern offensichtlich menschliche Zuneigung, sodass hier die Beziehung zumindest in Ansätzen wechselseitig ist, sie ist aber immer asymmetrisch, der Mensch befindet sich in der überlegenen Position.
   Zwischenmenschliche Liebesbeziehungen sind komplexer, da sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Zwei Menschen sind sowohl Subjekt als auch Objekt der Liebe, also Liebende und Geliebte zugleich. Gemäß Hans Saner stellt die Zwischenmenschlichkeit nicht nur das Krisenfeld der Liebe dar, sondern gilt auch als Grund ihrer Krisenanfälligkeit, da der andere Mensch gleichfalls ein Wesen mit eigenen Freiheitsmöglichkeiten ist. Der Andere kann nie ganz unter Kontrolle gebracht werden, und Kontrollversuche wirken sich sogar schädlich auf Liebesbeziehungen aus. Die Liebesbeziehung zweier Menschen ist allerdings auch nur im idealtypischen Fall symmetrisch, im Alltag bestehen immer Asymmetrien, da Menschen sich gegenseitig beeinflussen, d.h. Einfluss nehmen und dem Anderen Einfluss zugestehen. Wer die Möglichkeit hat, Andere zu beeinflussen, kommt in eine Machtposition unabhängig von seiner Intention. Das Wechselspiel von Macht und Ohnmacht ist ein Merkmal menschlicher Beziehungsformen.
   Hans Saner geht davon aus, »dass die Liebe zu außermenschlichen Objekten stabiler und somit in der Regel dauerhafter ist und in der Folge oft einen Lebenslauf nachhaltiger bestimmt als die zwischenmenschliche Liebe« (387). Und er geht sogar noch weiter: »Wir müssen die Frage wagen, ob die zwischenmenschliche Liebe nicht oft dadurch gerettet werde, dass wir noch anderes als Menschen lieben, das die Liebe zu einzelnen Menschen aus dem Druck befreit, das alleinige Zentrum unserer Humanität zu sein« (ebd.). Wenn die Liebesbeziehung zweier Menschen krisengeschüttelt ist oder verflacht, kann die Liebe zu nicht-menschlichen Objekten fortbestehen und indirekt sogar die Liebesfähigkeit zu Menschen retten. Insofern geht es in der Paartherapie häufig darum, äußere Herausforderungen – Aufgaben und Beziehungen zu anderen Menschen – anzuregen, um damit die Zweierbeziehung zu entlasten.
   Selbst wenn die Botschaft nicht ganz neu ist, ungewöhnlich ist die klare Sprache des Philosophen. Saner kann in Anbetracht der Verletzlichkeit zwischenmenschlicher Liebe Hoffnung wecken und Optimismus erzeugen: Die auf Liebe basierende Paarbeziehung, bevorzugte Option für Menschen aller Altersstufen, kann durch die gemeinsame Liebe zu etwas Drittem, gemeint ist hier ein nicht-menschliches Objekt – z.B. Haus, Garten, gemeinsames Hobby, eine kulturelle oder soziale Aufgabe – stabilisiert, in ihren Wechselfällen und Ambivalenzen entlastet und über Krisen gerettet werden. Dabei geht es nicht um passiven Konsum, sondern vor allem um aktives Tun, nicht primär um Leistung, sondern um das Genießen einer Tätigkeit, die Sinn und Wert erschließt und sowohl das individuelle als auch das Paarleben bereichert. Wer nicht in einer menschlichen Liebesbeziehung lebt, kann über die Liebe zu Objekten seine Liebesfähigkeit erhalten. Und wer auf Liebesbeziehungen zu erwachsenen Partnern verzichtet, kann dank der Fähigkeit, nicht-menschliche Objekte libidinös zu besetzen, das Leben weniger krisenanfällig gestalten – eine bisweilen hilfreiche Option bei vulnerablen Persönlichkeiten. Nicht-menschliche Beziehungswelten haben insgesamt einen außerordentlich hohen Stellenwert als Ressource, nicht nur um mit den Zumutungen des Alterns umzugehen, sondern auch um Individuen und Paare vor Leere und Langeweile zu schützen.
   In diesem Heft kann nur ein kleiner Ausschnitt solcher Beziehungswelten thematisiert werden. Die Übersichtsarbeit der Arbeitsgruppe um Hans-Werner Wahl zur Wohnumwelt als »Hülle« von Beziehungswelten verdeutlicht das Eingebundensein menschlicher Beziehungen in räumlich-dingliche Kontexte. Darüber hinaus werden zwischenmenschliche Beziehungen thematisiert, Beziehungen im Heim und junge Beziehungen von Paaren mit großem Altersunterschied, ein Thema, zu dem noch wenig Literatur vorliegt. Hier werden einerseits im einfühlsamen Gespräch zwischen Angelika Trilling und einer Heimbewohnerin und andererseits aufgrund therapeutischer und persönlicher Erfahrung von Hans Jellouschek Krisenfelder zwischenmenschlicher Beziehungen beleuchtet.
   Bei den nicht-menschlichen Beziehungen geht es schwerpunktmäßig um die Bedeutung von Tieren, fokussiert auf Tierszenen in der psychoanalytischen Behandlung, sowie um die Beziehung älterer und alter Menschen zur Musik und zu Musikinstrumenten. Ute Michel-Keller zeigt, dass Tiere auch bei älteren und alten Menschen Veränderungsprozesse befördern können und zur psychischen Stabilisierung beitragen. Die Beispiele von Sigmund Freud, der im Alter ein besonders inniges Verhältnis zu seinen Chow-Hündinnen pflegte, und Thomas Mann, der seine autobiografische Erzählung »Herr und Hund« am Ende des Ersten Weltkriegs verfasst hat, sprechen dafür, dass diese beiden berühmten Männer sich in kritischen Lebensphasen besonders der Liebe zu Tieren geöffnet haben. Im Beitrag »Musik und Altern« beschreibt Rosemarie Tüpker, dass ein Musikinstrument im Alter verfügbar bleiben kann: falls dessen Aneignung schon immer Mühe und Aufwand verlangte, quasi erkämpft werden musste, wird sich der ältere Mensch entweder weiterhin davon herausfordern lassen oder er wird es aufgegeben. Bestenfalls gelingt es ihm, das entstehende Vakuum durch die libidinöse Besetzung eines anderen Objektes zu kompensieren.
   Auf ein Objekt der besonderen Art verweist das Bild vom »Wunderknäuel Leben«, das Lou Andreas-Salomé in ihrem Gratulationsbrief anlässlich von Sigmund Freuds 71. Geburtstag ganz verheißungsvoll beschreibt, vermutlich befördert vom ersten strahlend-sommerlichen Tag des Jahres 1927: »Ich dehne und strecke meine alten Knochen in der heutigen Sonne, und mein Mann tut desgleichen. Wir sprachen uns dabei darüber aus, dass das Alter auch wirklich ›Sonnenseiten‹ habe, die man sonst nicht ebenso zu spüren kriegt. Bei mir geht es ja in der Tat so weit, dass ich noch immer geradezu neugierig bin, was im Wunderknäul Leben es wohl noch alles abzustricken geben wird, so dass die drein eingegarnten Überraschungen einem dabei in den Schoß fallen«.
   Dieses Zitat stammt aus dem Beitrag von Heidi Gidion. Das Bild vom Wunderknäuel, so die Autorin, sei überaus bezeichnend für die damals 66-jährige Lou Andreas-Salomé. Das Wunderknäuel ist ein Gegenstand aus ihrer Kindheit, das der Aufmunterung strickfauler Mädchen diente, da das Wollgarn eines solchen Knäuels beim Abstricken Süßigkeiten oder kleine Spielfiguren freigab. Die Metapher »Wunderknäuel« für das Leben ist ein Bild voller positiver Konnotationen und Überraschungen. Es wird etwas geschenkt, solange man an seinem Leben weiterstrickt und sich von Aufgaben herausfordern lässt.
   Was hat das Alter noch Spezifisches zu verschenken? Diese Frage drängt sich in Anlehnung an diesen Briefwechsel auf. Wir wissen einerseits schon viel, andererseits noch immer relativ wenig über das Älterwerden. Beziehungen zwischen Menschen und zu nicht-menschlichen Objekten zeigen beim Älterwerden ein wandelbares und facettenreiches Schicksal, und hierzu besteht ein erheblicher Forschungs- und Erkundungsbedarf. Lassen Sie sich herausfordern?!

Astrid Riehl-Emde (Heidelberg)

Literatur

Künemund H (2000) »Produktive« Tätigkeiten. In: Kohli M, Künemund H (Hg) Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Surveys. Opladen (Leske + Budrich).
Maier KU, Baltes PB (1996) Die Berliner Altersstudie. Berlin (Akademie-Verlag).
Saner H (1999) Über die Liebe zu außermenschlichen Objekten und ihren Folgen für das Leben. Familiendynamik 24: 382–394.
Staudinger UM (1996) Psychologische Produktivität und Selbstentfaltung im Alter. In: Baltes MM, Montada L (Hg) Produktives Leben im Alter. Frankfurt/M (Campus) 344–373.
Tews HP (1996) Produktivität des Alters, In: Baltes MM, Montada L (Hg) Produktives Leben im Alter. Frankfurt/M (Campus) 184–210.
Willi J (1996) Ökologische Psychotherapie. Göttingen (Hogrefe).