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30/6/2022 : 20:43 : +0200

Archiv

Cornelia Harrer:

Von »Stollwercksmädcher« und Omas gegen Rechts

Ältere hinterlassen Spuren im bürgerschaftlichen Engagement

Eine Erinnerung

Mitte der 1980er Jahre. In Köln steht die Schokoladenfabrik Stollwerck in der Südstadt zum Abriss. Das Stollwerckgelände wird besetzt. Die Stimmung ist stark aufgeladen, die erbosten Bürger kämpfen gegen die Sanierung eines urkölschen Stadtteils. Sie erzwingen unter anderem ein Bürgerzentrum, das zunächst provisorisch im alten Fabrikgebäude entsteht. Hier organisiert sich der Bürgerprotest.
   Zu der Zeit studiere ich Pädagogik und absolviere ein Praktikum im Bürgerhaus. Ich soll »irgendetwas« mit den alten Leuten aus dem Sanierungsgebiet machen! Ein Freund und ich entwickeln das Projekt »Geschichte durch Geschichten«, denn wir sind begeistert von der Idee der oral history. Zu unserem eigenen Erstaunen finden sich schnell ein Dutzend ehemaliger Fabrikarbeiterinnen (ja, es waren mehrheitlich Frauen, die damals in der Schokoladenfabrik schufteten), die Lust haben, uns zu erzählen, wie das Leben in der Südstadt und in der Fabrik war. Wir sichten Fotoalben, alte Tagebücher und Feldpostbriefe und immer wieder ziehen wir durch das Quartier zu Originalschauplätzen.
   Das Projekt findet seinen vorläufigen Abschluss in einer Ausstellung, die wir organisieren. Eingeladen sind unter anderen Jugendliche der benachbarten Kirchengemeinde, die die »Verzällcher« (Anekdoten) der Alten aufmerksam verfolgen. Ein Höhepunkt der Veranstaltung stellt Julchen dar, die mit 86 Jahren das Lied vom Kammellestrunk (Bonbonform) auf der Gitarre begleitet.
   Später kommt der Kunsthistoriker Prof. Vaclav Hepner dazu; er soll im Auftrag der Familie Imhoff, die später das berühmte Schokoladenmuseum am Rheinufer baut, die Historie der Fabrik aufarbeiten. Eigentlich sollte er uns etwas über die Geschichte des Stollwercks erzählen; als ihm klar wird, wer vor ihm sitzt, bricht er seinen Vortrag ab und befragt die Frauen und Männer nach ihren Erlebnissen.
   Die mehrjährige Arbeit mit den Stollwercksmädcher war meine »Einstiegsdroge« in die Altenarbeit, der ich seit 35 Jahren treu geblieben bin. Prägend für mich war und ist die Überzeugung, dass ältere und alte Menschen mehr brauchen als Beschäftigung oder Aktivierungsangebote. Mindestens genauso wichtig ist es ihnen, etwas weiterzugeben an die nächste Generation, Geschichte und Zeitläufte mitzugestalten und mit ihren Erfahrungen gehört zu werden.

Generativität und bürgerschaftliches Engagement

Generativität, also der Wunsch und die Bereitschaft, Verantwortung für die Nächsten beziehungsweise die nachfolgendende Generation zu übernehmen, ordnet Erikson (1973) als zentrale Entwicklungsaufgabe dem mittleren Erwachsenenalter zu. In der Gerontologie hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass Generativität nicht mit dem Eintritt ins Rentenalter oder dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, endet. Im Gegenteil, gerade Studien zur Hochaltrigkeit belegen, dass die Sorge für die Nächsten bestehen bleibt, selbst wenn man über 85 Jahre alt ist: »[W]eil Alte nicht nur ›nehmen‹, sondern auch ›geben‹ wollen« (Generali Hochaltrigenstudie – Generali Zukunftsfond und Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg 2014, 11).
   Aktiv zu bleiben ist ein Wunsch alter und hochaltriger Menschen, aber auch, sich trotz körperlicher Einschränkungen weiterhin geistig, prosozial oder punktuell zu engagieren (ebd., 16). Laut Generali Hochaltrigenstudie engagieren sich 45 Prozent aller 65- bis 85-Jährigen in elf Bereichen.  Jede*r Vierte wird erstmalig nach dem Austritt aus dem Berufsleben ehrenamtlich tätig. Erst im sehr hohen Alter und dann oft durch Immobilität erzwungen, nimmt das Engagement deutlich ab; vermutlich würden viel mehr Hochaltrige engagiert bleiben, wenn man ihnen Engagementmöglichkeiten ins Haus brächte, aber dazu später mehr.
   Mit bürgerschaftlichem Engagement bezeichne ich im Folgenden alle Formen des Engagements, die sich vor allem durch Freiwilligkeit, Selbstorganisation und einen starken (sozialpolitischen) Gestaltungswillen auszeichnen. Damit stehen sie im Gegensatz zum traditionellen Ehrenamt, das stärker auf Hilfe für andere Menschen ausgerichtet und durch die Zugehörigkeit zu einer Institution gekennzeichnet ist.  Gerade das bürgerschaftliche Engagement bietet aus meiner Sicht eine besondere Chance, generativ zu wirken, Spuren zu hinterlassen, sich »zu verewigen«. Dabei spielt es keine Rolle, ob man dies für die nachfolgenden Generationen, eine Idee oder für das Umfeld tut, in dem man lebt.
   Dieser Beitrag wird drei Aspekte beleuchten:

 

  1. Welche Formen des Engagements eignen sich ganz besonders dafür, Spuren zu hinterlassen, und welche Rollen eignen sich dafür ganz besonders?
  2. Mit welchen Strukturen können diese Formen des Engagements gefördert, gestärkt und begleitet werden?
  3. Und was ist, wenn ein Engagement nicht mehr möglich ist? Provokativ formuliert: Muss irgendwann auch mal Schluss sein?

Wer engagiert sich eigentlich wie?

Das Bedürfnis nach »Weltgestaltung«, wie es Andreas Kruse nennt, hört nicht auf, nur weil man 65 Jahre alt oder im Ruhestand ist (Generali Hochaltrigenstudie – Generali Zukunftsfond und Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg 2014, 16). Ganz im Gegenteil: Gerade die sogenannten jungen Alten engagieren sich häufig sehr bewusst für eine bessere (Nach-)Welt, zum Beispiel als »Grannies for future« oder »Omas gegen Rechts«. Bürgergruppen und Bürgerinitiativen werden oft von über 60-Jährigen gegründet, sie setzen sich für autofreie Innenstädte, für Geflüchtete im Stadtteil oder für ein Kulturzentrum im Quartier ein. Gerade die »Alt-68er«, so haben es meine Recherchen ergeben, suchen sich nicht nur die Themen aus, für die sie sich engagieren wollen, nein, sie wollen sich die Organisations- und Protestformen auch nicht vorschreiben lassen! »Altern heißt ja auch, weniger Kompromisse machen müssen, im Guten wie im Schlechten«, so drückt es eine ältere Aktivistin aus Köln aus und betont, dass es vielen von ihnen, die sich lange in Institutionen abgerackert haben, wichtig ist, »sich nicht mehr an Hierarchien abzuarbeiten«. Insofern sind viele von den jüngeren Alten nicht mehr ansprechbar für klassische Formen des Ehrenamts, aber aufgeschlossen für alle Formen des Engagements, die Freiheit, Selbstgestaltung und Eigensinn erfordern. Wichtig ist ihnen vor allem, dass sie mit ihrem Engagement etwas bewirken und Sichtbares hinterlassen.
   Eine andere Gruppe Älterer, das sind vor allem die etwas »Stilleren«, manche nennen sie auch »silent generation«, möchte auch Spuren hinterlassen, aber weniger laut und »wild«. Diese fühlen sich ganz besonders angesprochen von Mentoren- und Patenprogrammen, aber auch von Aufgaben als Lotsin oder Lotse, Brückenbauer*in, Dorfmoderator*in oder Zeitzeugin respektive Zeitzeuge. Ihnen ist es wichtig, mit ihrer Lebenserfahrung wahr- und ernst genommen zu werden. Im Gegensatz zu der Gruppe, die sich selbst auf den Weg macht und eigene Organisationen und Verbünde gründet, schätzen sie es, wenn man ihnen ein Angebot macht und sie gezielt für ein derartiges Engagement anspricht.
   Auch Hochaltrige engagieren sich freiwillig, wenn ihre Gesundheit und Mobilität es zulassen. Sind ältere Menschen nicht oder nur unter großen Anstrengungen in der Lage, das Haus zu verlassen, verlieren sie nicht nur viele soziale Kontakte, sondern auch ihre Rolle als Engagierte, »vielleicht ihre letzte offizielle Rolle«, bemerkt Mara Dehmer, Referentin für Kommunale Sozialpolitik beim Paritätischen Wohlfahrtsverband und Familientherapeutin. Dieser Verlust wurde besonders sichtbar während der Pandemie. Hier wurden Alte und Hochaltrige vor allem als schutz- und hilfsbedürftig angesehen und behandelt. Man half beim Einkaufen, schickte ihnen Pakete mit Rätselheften und Schokolade oder erkundigte sich telefonisch nach ihrem Befinden. Ob sie sich einbringen oder engagieren wollen, wurden sie nicht gefragt. Eine Gruppe hochaltriger Frauen, die während des ersten Lockdowns Masken nähte und Marmelade für bedürftige Familien einkochte, machte mir dieses strukturelle Defizit deutlich. Vielleicht können wir aus dieser Erfahrung lernen und zukünftig gezielt Engagementmöglichkeiten nach Hause bringen? Tätigkeiten gäbe es genug, so vieles kann von zu Hause erledigt werden: nähen, kochen und backen, übersetzen, Trostbriefe schreiben, vorlesen per Telefon, die Dorfgeschichte aufschreiben, beraten, trösten, eine Stadtteilzeitung machen …
   Ältere sind nicht nur Sorgeempfangende, sondern auch Sorgegebende, das ist ja eine der zentralen Aussagen der Hochaltrigenstudie. Doch diese Erkenntnis braucht offensichtlich noch mehr Fürsprecher.
   Bis ins ganz hohe Alter ist das Engagement als Zeitzeugin oder Zeitzeuge möglich. Dieses erlebt gerade eine Renaissance. In den 1990er Jahren, unter dem Stichwort »biografisches Arbeiten in der Erwachsenenbildung«, entstanden erste Erzählcafés wie das in der Freien Altenarbeit in Göttingen. Das »Age Reminiscence Theatre« (www.reminiscencetheatrearchive.org.uk) in London verknüpfte biografisches Arbeiten und theaterpädagogischen Konzepte und brachte Biografien auf die Bühne. Das Altentheaterensemble des Freien Werkstatt-Theaters in Köln war viele Jahre ähnlich unterwegs und erreichte mit seinen gleichermaßen unterhaltsamen wie tiefgründigen Stücken viele junge Menschen. Viele Jahre hörte man wenig von diesen Ansätzen; seit wenigen Jahren gibt es Initiativen, die gezielt Alte und Hochaltrige als Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Studierende gründeten zum Beispiel 2014 die Initiative Heimatsucher, die seit 2020 »Z(weit)zeugen« heißt und als

»gemeinnütziger Verein […] (junge) Menschen anhand einfühlsam weitererzählter Holocaust-Überlebensgeschichten die Wesentlichkeit von Akzeptanz lehrt. Wir ermutigen sie, durch das Weitergeben der Geschichten selbst zu zweiten Zeug*innen, zu Zweitzeug*innen zu werden, sich gegen Rassismus wie Antisemitismus stark zu machen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen« (https://zweitzeugen.de).

 

Strukturen, die Engagement fördern

 

Schon seit Mitte der 1990er Jahre legten Landes- und Bundesministerien Projekte und Programme auf, die ältere Menschen motivieren, ihre Erfahrungen und Kompetenzen aktiv in das Gemeinwesen und für die nachfolgenden Generationen einzubringen.
   Mit dem Bundesmodellprogramm Erfahrungswissen für Initiativen, kurz Efi (www.erfahrungswissen-für-initiativen.de), würdigte das BMFSJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) den Wunsch vieler Älterer, mit ihrem Lebenswissen und Erfahrungsschatz Kommunen mitzugestalten. Mit erheblichen Fördermitteln finanzierte der Bund von 2002 bis 2012 die Weiterbildung zu sogenannten »Senior Trainern«. Diese sollten nach einer übrigens sehr anspruchsvollen Qualifizierung und einem Coaching neue Verantwortungsrollen in Kommunen übernehmen. Das heißt, sie sollten sich nicht »nur« als Einzelperson engagieren, sondern ein Projekt mit kommunaler Strahlkraft initiieren, zum Beispiel »Zeit für Kinder«, eine Vermittlungsagentur, in der Kinder ohne Großeltern mit einer Wunschoma oder einem Wunschopa in Verbindung gebracht werden.
   Auch die Seniorenbüros , die vor allem nach den 2000er Jahren Fahrt aufnahmen, verfolgen die Idee, ältere Menschen für die Gestaltung des Gemeinwesens zu gewinnen. Viele Kommunen unterhalten Seniorenbüros, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Ältere dabei zu unterstützen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen für das Gemeinwohl einzubringen, zum Beispiel indem sie ein Repaircafé gründen, eine Foodsharing Station aufbauen und betreuen oder einen Stadtteilpodcast machen.
   Interessanterweise gehen vom BMFSJ derzeit keinerlei Impulse aus, die Potenziale des Alters auszuschöpfen. Alter und Altern wird stattdessen wieder verstärkt auf Pflegebedürftigkeit reduziert. Einsamkeit durch Digitalisierung zu verhindern, das ist derzeit ein Ziel der bundespolitischen Seniorenpolitik, nicht die systematische Stärkung von Engagement und Generativität.
   Doch es gibt viele freie Träger und Initiativen, die ältere Menschen mit ihrem Wunsch, etwas zu hinterlassen, abholen.  Besonders stark nachgefragt sind Paten- oder Mentorenprojekte. Die Paten e.V., ein Seniorenbüro in Köln, ist seit vielen Jahren auf solche Projekte spezialisiert. Sie vermitteln schulmüden Jugendlichen in den Abschlussklassen der Hauptschulen ältere Pat*innen, die sie beim Übergang von Schule zu Beruf begleiten. Sie vermitteln Ankommenspatenschaften für Geflüchtete, Lesementor*innen an Grundschulen und Ausbildungspat*innen, die junge Erwachsene durch die Ausbildung begleiten. Der Verein übernimmt die Auswahl und Qualifizierung der Pat*innen, begleitet das Matching zwischen Pat*innen und Paten»kindern« und bietet regelmäßigen kollegialen Austausch, unter anderem mit der Unterstützung durch erfahrene Psychotherapeut*innen.
   Allen Projekten gemein ist, dass es sich bei der Patenrolle offensichtlich um eine »gute« Rolle handelt, die von den Älteren als äußerst befriedigend wahrgenommen wird: »Die Aufs und Abs beim Mentee sind eine neue Erfahrung, es fordert heraus, immer etwas Neues zu entwickeln, um den Berufsfindungsprozess am Laufen zu halten, es ist spannend und sehr zufriedenstellend«, so die Aussage einer Patin.
   Auch wenn es nicht einfach ist, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ihren zum Teil schwierigen Biografien zu begleiten, gibt es vonseiten der Älteren nur selten einen Abbruch der Beziehung. Nach Melanie Demor, Projektleiterin der Patenprojekte, schätzen die Älteren vor allem die Rollenvielfalt, die mit dieser Aufgabe verbunden ist: Pat*innen ermuntern und schenken Vertrauen, auch wenn keiner an das Patenkind mehr glaubt; sie vermitteln Sprachkenntnisse, organisieren Nachhilfe, legen bei Behörden, Lehrer*innen und Meister*innen ein gutes Wort für den Schützling ein, üben Bewerbungsgespräche oder begleiten einen Jugendlichen beim ersten Theaterbesuch seines Lebens. Dabei schöpfen sie vor allem aus den Erfahrungen, die sie im Laufe ihres Berufslebens sammeln konnten; deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Patenrolle besonders gern und häufig von Männern wahrgenommen wird. Pat*innen und Mentor*innen schätzen ganz besonders, so zeigen alle internen Auswertungen, dass sie etwas für die nachfolgende Generation tun können und sinnstiftend tätig sind.
   Nach Melanie Demor fassen Frauen und Männer ihre Rolle und Bedeutung unterschiedlich auf. Männer messen den Erfolg einer Patenschaft an einem vermittelten Ausbildungsplatz oder daran, dass eine Jugendliche durchgehalten hat; Frauen können sich zum Beispiel daran erfreuen, dass ein Jugendlicher stabiler geworden ist und gehen mit dem Scheitern ihrer Patenkinder gelassener um als Männer.

Muss trotzdem irgendwann Schluss sein?

Manche Ehrenämter sind an eine Altersgrenze geknüpft. So stieß ich kürzlich auf diese Ausschreibung: »Kölner Telefonseelsorge sucht ehrenamtliche Mitarbeiter zwischen 20 bis Mitte 60.« Für mich schimmert beim Lesen durch, dass man nicht mehr in alte und hochaltrige Ehrenamtliche investieren will – schließlich muss sich die zweijährige Ausbildung ja auch auszahlen! Seltsam, wo gleichzeitig geklagt wird, dass immer weniger Menschen ein freiwilliges Engagement übernehmen wollen, vor allem wenn es nicht projektgebunden ist, sondern Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit erfordert. Gejammert wird allerorten auch über die vielen alten Männer, die in Vorständen von Bürger- und Sportvereinen den Jüngeren keinen Platz machen. Eine Entwicklung, der wir uns stellen müssen, allerdings nicht indem wir Alte »bashen«, sondern über Strukturen nachdenken, wie Engagement heute strukturell anders aufgestellt werden muss. Holger Wittig-Koppe, der über sechs Jahre Bürgernetzwerke in Schleswig-Holstein begleitet hat, plädiert dafür, Vereine und Vorstände durch Servicestellen zu entlasten und zu stützen (Wittig-Koppe 2019, 23f). Sicher hilft es auch, darüber nachzudenken, wie jüngere Menschen für gemeinwohlorientiertes Engagement gewonnen werden können, zum Beispiel durch Service-Learning (Lernen durch Engagement) an Schulen.
   Trotzdem ein paar Gedanken zu der Frage, ob es irgendwann einen Zeitpunkt gibt, aus dem Engagementleben auszusteigen. Aus der Praxis weiß ich, dass Ehrenamtskoordinator*innen berichten, dass sich Ältere und Hochaltrige dem Engagement nicht mehr gewachsen fühlen, Fehler machen, Aufgaben vergessen, Termine verschusseln oder nicht mehr aufhören zu reden … sich überfordert zeigen, aber nicht auf die Idee kommen, das Engagement aufzugeben. Ich kenne auch alte Menschen, die sich fragen, ob sie sich mit 85 noch mal für ein Vorstandsamt zur Verfügung stellen sollen, oder zweifeln, ob sie den Anforderungen noch gerecht werden können.
   Dazu ein paar Anregungen:

  • »Schon beim Einstieg den Ausstieg thematisieren«  und jährliche Gespräche vereinbaren, in denen beide Seiten das Engagement aufkündigen können.
  • Ausstiegsszenarien entwickeln: Gibt es vielleicht ein Engagement, das leichter ist, besser zu bewältigen als das bestehende?
  • Ein Ehrenamt im Duo kann zur Entlastung beitragen.
  • Trotz Ausstieg der oder dem Ehrenamtlichen weiterhin Teilhabe/Mitsprache ermöglichen; sie bzw. er bleibt weiter Teil des Systems, der Institution, wird weiter eingeladen, gefragt und wertgeschätzt.
  • Gelassenheit im Umgang mit Fehlern von Freiwilligen; sie machen die Organisation/die Gruppe sympathisch und sorgen für einen insgesamt entspannten Umgang mit Fehlern.

Je älter ich werde, desto milder schaue ich auf die Hochaltrigen, die sich bis zum letzten Atemzug einbringen, engagieren und mitgestalten wollen. Ich bewundere die, denen es gelingt, sich »früh genug« zurückzuziehen und mit weniger Applaus, Resonanz und Außenorientierung klarzukommen. Beides kann gut und richtig sein, vielleicht liegt der Part der Jüngeren darin, würdevolle Engagementmöglichkeiten zu schaffen. So schlägt der Krisenmanager der Stadt Oberhausen, Prof. Harald Karutz, vor, Hochaltrige, die die Kriegs- und Nachkriegszeit gemeistert haben, zu befragen, wie wir gut durch die Coronakrise kommen können.

Fazit

In einer Gesellschaft des langen Lebens, wo die nachberufliche Zeit so lang ist wie noch nie in der Menschheitsgeschichte, wo jährlich eine Million Menschen in den sogenannten Ruhestand gehen, könnten wir noch mehr Fantasie, Elan und Ideen aufbringen, um Engagementmöglichkeiten und -gelegenheiten für alte und hochaltrige Menschen zu schaffen.

Literatur

Erikson HE (1973) Identität und Lebenszyklus. Frankfurt a.M. (Suhrkamp).
Generali Zukunftsfond und Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg (2014) Der Ältesten Rat. Generali Hochaltrigenstudie, Teilhabe im hohen Alter. Eine Erhebung des Instituts für Gerontologie. https://www.uni-heidelberg.de/md/presse/news2014/generali_hochaltrigenstudie.pdf (Aufruf 28.07.2021).
Wittig-Koppe H (2019) Engagement im Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation und Fremdbestimmung. Bilanz aus 6 Jahren Erfahrungen in dem Projekt »Bürgernetzwerke für Schleswig-Holstein«. https://www.paritaet-sh.org/projekte/buergernetzwerke.html (Aufruf 28.07.2021)