Sie sind hier: Archiv > Zeitschriften-Archiv > 2014 > Heft 1
DeutschEnglishFrancais
20.11.2017 : 21:50 : +0100

Archiv

Angelika Trilling und Inge Bierbrauer:

CIF - Council of International Fellowship

Internationaler Austausch von Fachkräften der Sozialen Arbeit

»So kehrten nun moderne Ideen der Gruppenarbeit und der Sozialarbeit, die einmal in den Jahren von Weimar ihren Ausgang von Deutschland genommen hatten und in einem Führerstaat keine Heimstatt mehr haben durften, die insbesondere in den USA wissenschaftlich und praktisch weiterentwickelt worden waren – mit Henry – an ihren Ausgangspunkt zurück um segensreich für die neue Generation zu wirken« (Westphal 1980, zitiert in Wisbar 2005, 14).

Geschichte

 »Mein Leben wurde gerettet. Ich möchte mein Leben dem Grundsatz widmen, dass etwas wie der Holocaust nie mehr geschieht. Der Mensch, besonders die Jugend, muss frühzeitig lernen, religiöse, rassische und andere Unterschiede zu respektieren, sich zu verstehen und zusammenzuleben.« So formulierte Henry B. Ollendorff nach Aussage seiner Frau Martha die Beweggründe für das von ihm 1956 geschaffene »Cleveland International Program« (CIP ), das junge Deutsche mit den Grundlagen demokratischen Zusammenlebens in den USA vertraut machen sollte. Ollendorff, 1907 in Esslingen geborener, sozialdemokratischer Jurist jüdischer Herkunft, konnte 1938 aus Deutschland emigrieren und wurde, wie seine ihm später folgende Frau, amerikanischer Staatsbürger. Da ihm seine rechtswissenschaftliche Ausbildung in den USA keine Zukunft bot, studierte er in New York Soziale Arbeit und wirkte im Anschluss in Cleveland, Ohio, bei der Neighbourhood Settlement Bewegung, die in benachteiligten Stadtteilen soziale Gruppen- und Gemeinwesenarbeit aufbaute.
   1954, in der letzten Phase des Re-Education-Programms, entsandte ihn das US-Außenministerium nach Deutschland, um der ersten Generation der Jugendleiter und Sozialarbeiter der neu gegründeten Bundesrepublik den Anschluss an eine dem demokratischen und freiheitlichen Zusammenleben verpflichtete soziale Arbeit zu ermöglichen. Schnell erkannte Ollendorff, dass sich die hierfür erforderlichen komplexen Lernerfahrungen am besten in seiner neuen Heimat Amerika machen ließen.
   Schon 1955 konnte er mit finanzieller Förderung von US-Regierung, der Fulbright Foundation und dem Bundesjugendministerium 25 Nachwuchskräften aus Jugend- und Sozialarbeit einen viermonatigen Studienaufenthalt in Cleveland ermöglichen. Besonders prägend erwies sich dabei die Unterbringung in Gastfamilien, die den Stipendiaten unmittelbar Zugang zum »American Way of Life« gewährten. »Für unsere Gruppe junger Menschen war die Zeit eines Auslandsaufenthalts in den USA zur Fortbildung, nur 11 Jahre nach dem Kriegsende, ein unvorstellbar bewegendes Erlebnis. Zu diesem Zeitpunkt war kaum einer je außerhalb Deutschlands gewesen, schon gar nicht in Übersee« (Gerdes 2005, 48).
   Bereits während der zehntägigen Schiffspassage waren die Teilnehmer zu einer Gruppe zusammengewachsen, die sich nach ihrer Rückkehr nicht nur ihrem Förderer Ollendorff, sondern auch der Fortentwicklung seiner Ideen verpflichtet fühlten. Sie regten an, das Programm schon im folgenden Jahr auf weitere europäische Länder auszudehnen  und organisierten eine erste Fachtagung. Bei der 1960 in Hamburg durchgeführten »Ehemaligen«-Tagung gründeten fünf der deutschen zusammen mit drei nicht-deutschen Teilnehmern sowie Henry B. Ollendorff die »Cleveland International Fellowship« (CIF), eine Alumni-Organisation, die den internationalen Austausch auf eine verlässliche und erweiterte Basis stellen sollte.

CIF - Council of International Fellowship

Zeitgleich mit der Gründung der internationalen CIF-Organisation schufen die niederländischen Mitglieder ihre eigene nationale Unterorganisation (Branch) – ein Beispiel, dem bis 2013 insgesamt 31 Länder folgten. CIF-Deutschland entstand 1972 und ist mit aktuell 151 Mitgliedern der stärkste Branch. In Ländern ohne eigenen Verband stellen sich meist ehemalige CIP-Teilnehmer als Ansprechpartner für neue Interessenten zur Verfügung.
   Zweimal jährlich informiert CIF-International mit einem Newsletter über aktuelle Entwicklungen, jedes Jahr treffen sich die Vorsitzenden der Länderorganisationen zum Austausch und alle zwei Jahre lädt eines der Länder zu einer internationalen Konferenz ein. Die letzte fand im Juni 2013 in Ankara unter dem Motto »Begegnungen in einer globalen Welt – Bedrohungen und Chancen für Soziale Arbeit und soziale Berufe« statt.
   1983 luden die Niederländer – wiederum als Erste – zu einem eigenen Austauschprogramm ein. Mehr und mehr Branches folgten, sodass CIF 2014 Lernaufenthalte in 20 Ländern – von Argentinien bis Indien – für insgesamt bis zu 130 Teilnehmer anbieten kann. All diese Programme folgen Henry B. Ollendorffs erfolgreicher Mixtur von theoretischen und praktischen Lernelementen verbunden mit der Unterbringung in Gastfamilien. Dank der ausschließlich ehrenamtlich geleisteten Organisationsarbeit fallen für die Teilnehmer neben den Reisekosten nur Gebühren von 250 bis maximal 500 Euro an . Für Gäste aus Schwellenländern bemüht man sich um Stipendien und hilft bei der Visabeschaffung.

CIP heute

Als die US-Regierung nach 1990 ihre außenpolitischen Prioritäten neu definierte, zog sie sich aus der Unterstützung des CIP-Programmes zurück. Das CIP-Büro, das seinen Sitz nach wie vor in Cleveland hat, sichert den Fortbestand des Programms seither über Spenden und die Gebühren der Stipendiaten. Die Austauschangebote wurden flexibilisiert, die Aufenthalte verkürzt und für immer mehr Berufsgruppen geöffnet. Unverändert wichtig sind das hohe ehrenamtliche Engagement bei der Organisation und die Unterbringung in Gastfamilien.
   Privilegiert sind die deutschen Teilnehmer, für die das Bundesfamilienministerium weiterhin jährlich zehn Stipendien für einen USA-Aufenthalt finanziert und eine intensive Vor- und Nachbereitung sicherstellt. Nachdem hiermit jahrzehntelang die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe AGJ (Wisbar 2013) betraut war, ging die Verantwortung 2013 an die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz)  über.
   CIP und CIF arbeiten bei der Auswahl und fachlichen Begleitung der Stipendiaten durch die nationalen Branches eng zusammen, was besonders ins Gewicht fällt, seit sich die US-Konsulate aus der praktischen Unterstützung zurückziehen mussten. Die Familie des charismatischen Henry B. Ollendorff ist nach seinem Tod 1979 eng mit CIF und CIP verbunden geblieben, sie fehlte bislang bei keiner der CIF-Konferenzen.

Zu den (Nach-)Wirkungen eines internationalen Fachaustausches

»Ich habe mich seit 1956, von Beginn des Programms an, stets glücklich und privilegiert gefühlt, zur Teilnahme ausgewählt worden zu sein und glaube, dass meine persönliche und berufliche Entwicklung hierdurch entscheidend geprägt worden ist.« Diese Aussage von Anita Gerdes (2005, 52) nach einem halben Jahrhundert CIP/CIF-Erfahrung dürfte für die Mehrzahl der Stipendiaten Gültigkeit haben. Da sich die Programme von CIP wie von CIF ausschließlich an Menschen mit Berufserfahrung wenden, sprechen sie einen Personenkreis an, der derartige Angebote sehr gezielt nutzt. In der Regel haben die Interessenten hierfür – unabhängig von den Kosten – einige Hürden zu überwinden: Die längerfristige Beurlaubung am Arbeitsplatz ist durchzusetzen und die Abwesenheit in Berufs- wie Privatleben zu regeln. Vor allem aber heißt es, im Gastland sowohl als Vertreter der Profession wie der Herkunftskultur aufzutreten. Stellt die Arbeit in sozialen Berufen per se schon die Anforderung, sich einer möglichst vorurteilsfreien Begegnung mit Anderen zu öffnen und eigene Positionen kontinuierlich zu überprüfen, so bieten die von CIP und CIF organisierten Programme dies in hochkonzentrierter Form: Berufliche Rollen, unhinterfragte Strukturen und nicht zuletzt fachliches Selbstverständnis erfahren eine wohltuend-irritierende Relativierung und führen im besten (und häufigsten) Falle zur Bereitschaft, bisheriges Alltagshandeln und Alltagswissen auf den Prüfstand zu stellen.
   Die obligaten Erfahrungsberichte der Teilnehmer dokumentieren eindrucksvoll ihre vielschichtigen Lernerfahrungen und Einstellungsänderungen. Entsprechend schreibt CIF Deutschland auf seiner Website: »Es ist nicht nur der eigentliche Auslandsaufenthalt für jeden Einzelnen sowohl beruflich als auch privat förderlich, die ›Spätwirkungen‹ oder auch die sogenannte Nachhaltigkeit der Programmteilnahme für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind oftmals weitreichender.« Etliche der CIF-Mitglieder haben Arbeiten vorgelegt, in denen sie die spezifischen Wirkungen der Programme zu fassen suchen und dabei insbesondere den so dringlich erforderlichen, wie empirisch schwer zu fassenden Faktor der interkulturellen Kompetenz hervorheben (AGJ 2005 u. Kruse 2010). Bedauerlich finden es die meisten Teilnehmer allerdings, dass sie mit ihren Auslandserfahrungen im unmittelbaren Kollegenkreis und bei den Vorgesetzten nur auf geringes Interesse stoßen (AGJ 2005).

CIF und der gesellschaftlich-politische Wandel

CIF ist inzwischen zu einem kleinen – wenn auch beispielhaften – Global Player der Verständigung geworden, der, getragen vom persönlichen Engagement seiner Protagonisten, aufzeigt, wie die Hervorbringung einer gemeinsamen Kultur des sozialen Lernens in der »einen Welt« gelingen kann. Ging es den Initiatoren ursprünglich um den Nachwuchs der Jugendarbeit im Nachkriegs-Europa, so streut die Altersstruktur der Teilnehmenden inzwischen recht weit und zeigt, dass der demografische Wandel auch hier angekommen ist. Entsprechend ist inzwischen die Altenhilfe häufig Bestandteil von fachlichem Austausch und Vernetzung (Demme 2005).
   Schon in den Hochzeiten des Kalten Krieges schaffte es Ollendorff, Teilnehmern aus Ungarn, der damaligen Tschechoslowakei und Polen den Weg in die CIP-Programme zu ebnen. Mit dem Zerfall des Ostblocks erfolgte eine breite Öffnung nach Osten und die ersten Stipendiaten, die nach der Wende an den Programmen in den USA teilnahmen, schildern eindrucksvoll, was diese Reise für sie bedeutete und wie viel Interesse ihnen entgegengebracht wurde (Poersche 2005). 2006 entstand in Kirgisistan als erstem der ehemaligen Ostblockstatten eine nationale CIF-Organisation, 2008 folgte ein russischer Branch. Die baltischen Staaten organisieren inzwischen ein gemeinsames Programm, Russland lädt in Partnerschaft mit Finnland ein, Italien mit Slowenien und Österreich mit Tschechien.
   Noch können die Teilnehmer der ersten CIP-Austauschprogramme als Zeitzeugen eindrucksvoll über die für sie prägende Auslandserfahrung und die Begegnung mit Henry B. Ollendorff berichten. Diese europäische Nachkriegsgeneration der Sozialen Arbeit stand vor der Herausforderung, nach den Verwüstungen des Krieges zu einem neuen Miteinander und einem partnerschaftlichen, wenn nicht gar freundschaftlichen Dialog zu finden. Besonders für die jungen Deutschen lag hierin der besondere Reiz. Geprägt vom Nationalsozialismus und seinem Menschenbild, ging es für sie mehr und weniger um die Entwicklung einer neuen beruflichen Identität innerhalb eines sich eben erst konstituierenden Systems der sozialen Sicherung und Jugendhilfe. Gleichzeitig wurden sie mitunter mit der ablehnenden Haltung der westeuropäischen Programmteilnehmer konfrontiert (Demme 2005, 59). Mehr als einmal wird allerdings auch berichtet, wie berührt die deutschen Stipendiaten von der freundlichen Aufnahme in jüdischen Gastfamilien waren. In ihrer Rede anlässlich der Feier 50-jährigen Bestehen von CIF thematisierte Inge Bierbrauer diese historische Besonderheit: »Die Gründer/innen des CIF waren wirkliche Pioniere: Sie gingen hinaus in die Welt, stellten sich den Herausforderungen, mit denen sich Deutsche nach der Nazizeit konfrontiert sahen und bauten zugleich Brücken, die für die damalige Zeit eigentlich kaum vorstellbar waren. Sie waren ihrer Zeit weit voraus. […] Ich habe großen Respekt vor dieser Leistung angesichts des damals vorherrschenden Zeitgeistes in Deutschland« (Bierbrauer 2010).
   Längst ist es nichts Besonderes mehr, in entfernteste Länder zu reisen, auf Menschen der unterschiedlichsten Kulturen zu treffen und schon in der Ausbildung zählen Auslandssemester oder Praxisphasen in Übersee fast zum Standard. Zudem machen es die neuen Informationsmedien immer leichter, Kontakte zu pflegen und Austausch über große Distanzen aufrecht zu erhalten. Damit scheinen sich zwei Lebensphasen herauszukristallisieren, in denen die CIF Programme besonders an Attraktivität gewinnen: Zum einen bei der vielen Fachkräften der Sozialen Arbeit vertrauten Neubesinnung im mittleren Berufsleben, wenn familiäre Pflichten geringer werden und/oder Fragen einer Veränderung anstehen, zum anderen nach dem Ende der Erwerbstätigkeit, wenn Menschen neue Ziele suchen. CIF ist also zu einem Programm des lebenslangen Lernens und Engagements geworden, das bis weit ins dritte Alter reicht. Entsprechend finden sich in den ehrenamtlichen Vorständen auf nationaler und internationaler Ebene überproportional viele Personen jenseits des Berufslebens.
   In Rückbesinnung auf seine friedensstiftenden Anfänge lud CIF International 2011 drei palästinensische Fachkräfte zu seiner Internationalen Konferenz nach Zypern ein, wo sie über ihre Situation berichteten . Beflügelt von dieser eindrucksvollen Erfahrung lädt CIF Italien seit 2012 jeweils gezielt einen Teilnehmer aus den palästinensischen Gebieten und einen aus Israel in sein Austauschprogramm ein und übernimmt die Kosten. Innerhalb der CIF-Familie wird das italienische Beispiel mit großer Aufmerksamkeit verfolgt , stellt es doch den internationalen Fachkräfteaustausch wieder in den Kontext ganz aktueller Versöhnungsbemühungen zwischen verfeindeten Völkern.

Literatur

Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe – AGJ (Hg) (2005) Leben und Lernen international. 50 Jahre CIP. Berlin.
Bierbrauer I (2010) CIF International and the German Zeitgeist in the Fifties. unveröff. Manuskript. Hamburg.
Demme D (2005) Building Bridges for Peace and Understanding. In: AGJ (Hg) Leben und Lernen international. 50 Jahre CIP. Berlin, 58–65.
Gerdes A (2005) Spectamos eadem astra – CIP 1956. In: AGJ (Hg) Leben und Lernen international. 50 Jahre CIP. Berlin.
Kruse E (2010) Internationaler Austausch in der sozialen Arbeit. Entwicklungen – Erfahrungen – Erträge. Dokumentation erster Ergebnisse eines Forschungsprojektes an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Berlin.
Pörschke H (2005) After the Wall – Nach der Wende. In AGJ (Hg) Leben und Lernen international. 50 Jahre CIP. Berlin, 116–127.
Wisbar R (2013) Die Programme ISP und CIP. In: AGJ (Hg) Dokumentation eines internationalen Fachkräfteaustausches der Kinder- und Jugendhilfe. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe. Berlin.

Homepage:
www.cif-germany.de
www.cifinternational.com