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23.9.2017 : 4:04 : +0200

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Christiane Schrader: Editorial zum Themenheft "Hartmut Radebold zum 75. Geburtstag"

Hartmut Radebold zum 75. Geburtstag - eine Festschrift

Dieses Heft ist eine Festschrift für Hartmut Radebold anlässlich seines 75. Geburtstages. Das Thema des 22. Symposiums »Psychoanalyse und Altern«: »75 – und was nun? Entwicklung, Psychodynamik und Psychotherapie in einer wenig bekannten Lebensphase«, hatte er sich gewünscht. Die Vorträge und die jetzt vorliegenden Artikel wurden von Kollegen, Kolleginnen und Weggefährten verfasst, die Hartmut Radebold in einer langjährigen Zusammenarbeit verbunden sind. Die Themen stehen im Zusammenhang mit seinen Arbeitsfeldern, die er im Verlauf seines langen beruflichen Wirkens als Wissenschaftler und Wegbereiter der Alterspsychotherapie in Deutschland, als Psychoanalytiker, Öffentlichkeitsarbeiter und Initiator von Fort- und Weiterbildung in Sachen Gerontopsychiatrie und –psychotherapie bearbeitet hat.
   Seine berufliche Laufbahn, seine Kreativität und Produktivität sowie die vielfältigen Initiativen, die von ihm ausgegangen sind, würdigt Martin Teising in seiner Laudatio. In einem sehr ausführlichen Interview gibt Hartmut Radebold auf die Fragen von jüngeren Gesprächspartnern Auskunft über sein Leben, seine Entwicklung, seine Erfahrungen, aber auch über seine Träume und deren Verarbeitung.
   »75 und was nun? Entwicklung, Psychodynamik und Psychotherapie in einer wenig bekannten Lebensphase« standen zur Diskussion – ein schwieriges Thema wie sich zeigte. Helmut Luft konnte als Einziger einen Selbsterfahrungsbericht dazu beitragen. Als nun 85-Jähriger blickt er darin auf die Malaisen der vergangenen Jahre zurück, zeigt aber auch, dass Fantasie und Träume lebendig bleiben.
   In den darauf folgenden Beiträgen werden die unterschiedlichen Themen Hartmut Radebolds aufgegriffen, wie die Auswirkung und Behandlung von Traumata, die Folgen von Kriegskindheit und Vaterlosigkeit und die Entwicklung der Geschlechtsidentität und der Geschlechterspannung. Die Auseinandersetzung mit dem Tod und – last but not least – die Würdigung des Humors als Ressource im Leben wie im Alter kommen hinzu. Dass bei einigen Beiträgen eher die Vergangenheit, die Zeitgeschichte und traumatische Folgen in den Vordergrund rücken, verwundert nicht. Über die Vergangenheit von 75-Jährigen ist mehr bekannt, sie ist in der Erinnerung äußerst lebendig und bisweilen schien sie in der Diskussion auch von größerem Interesse zu sein als die nicht nur ungewisse, sondern auch bedrohlich wirkende Zukunft.
   Die Forschungslage zum Übergang zur Hochaltrigkeit und zur Hochaltrigkeit selbst ist im Vergleich zu den »gewonnenen Jahren« und der »späten Freiheit« des Dritten Lebensalters noch spärlich. So vorsichtig man mit Jahresangaben angesichts der im Alter besonders ausgeprägten individuellen Variabilität sein muss, mit 75 kommen die Schwierigkeiten des hohen Alters unweigerlich ins Blickfeld. Viele Menschen können mit 75 Jahren ihr autonomes und aktives Altern zwar noch ziemlich unbeschwert fortführen, aber andere spüren vorrangig die Anzeichen einer zunehmenden Verletzlichkeit und Fragilität.
   Manche werden vielleicht erst jetzt Großeltern und für fast die Hälfte der Über-75-Jährigen ist die Großelternschaft »sehr wichtig« (Motel-Klingebiel et al. 2010). Die Mehrheit lebt noch in einem relativ stabilen Netz aus familialen Beziehungen, was umso wichtiger ist, wenn Lebenspartner, Angehörige und Freunde sterben. Umfragen zeigen, dass die Gesundheit ab 75 definitiv zum wichtigsten Thema wird, während die Sicherheit der Familie und die Sorge um Angehörige nun an die zweite Stelle rücken. Die Anzahl der körperlichen Erkrankungen nimmt zu, auch wenn später geborene Generationen/Kohorten gesünder ins hohe Alter kommen.
   Zwischen 70 und 79 Jahren wird häufig eine krisenhafte Phase der Anpassung an nachhaltige körperliche Veränderungen beobachtet und parallel dazu ein Nachlassen der Lebenszufriedenheit. Letztere nimmt mit der Bewältigung dieser Veränderungen jedoch wieder zu (Heuft et al. 2006). Auch die Bilder vom Alter ändern sich jenseits des 75. Lebensjahres. Negative Fremd- und Selbstbewertungen nehmen zu, die positive Sicht eigener Entwicklungsmöglichkeiten nimmt ab (BMFSFJ 2010).
   Auch in der Öffentlichkeit hat das hohe Alter eine schlechte Presse. Es hat sich ein Bild etabliert, das das hohe Alter weitgehend mit demenziellen Erkrankungen und mit Pflegebedürftigkeit assoziiert. Bei der Berichterstattung in der Tagespresse dominieren defizitorientierte Darstellungen (Grebe 2011). Entwicklungsmöglichkeiten und Konflikte, die ja Entwicklungen anstoßen können, werden ebenso wie Potenziale und Ressourcen des Einzelnen im hohen Alter viel weniger bis gar nicht gesehen.
   Die subjektiv empfundenen Potenziale und Möglichkeiten der Konfliktbewältigung sind aber auch im hohen Alter entscheidend. »Mit 75 hab ich promoviert«, erzählte mir kürzlich eine alte Dame, »und wenn ich Hilfe brauche«, bemerkte sie mit Hinweis auf ihre Gehbehinderung, »dann spreche ich die Leute direkt an.« Auch wenn Herr Luft seine Beschwerden nicht verschweigt, seine Freude an Lektüre und geistiger Arbeit, am Sich-Erinnern, Schreiben, Ausdrücken und Weitergeben seiner Erfahrungen ist ebenso ein Potenzial des hohen Alters wie sein spürbarer Humor und seine Toleranz für Ambivalenzen und Konflikte des Alters. 100-Jährige, so zeigen Studien, zeichnen sich trotz Multimorbidität und körperlicher Einschränkungen durch Optimismus aus und durch ihre Überzeugung, dass ihr Leben einen Sinn hat (Rott 2011). Nicht zu vergessen und mit zunehmendem Alter immer unverzichtbarer ist dabei eine anregende und unterstützende Umwelt.
   Das innere Pendeln zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit Ausflügen zu einer projizierten Zukunft verschiebt sich in seinen Proportionen über den Lebenslauf hinweg. Die grenzenlos erscheinende Zukunft der Kindheit schrumpft im Alter. Dann wird der Rückblick auf die Reichtümer des gelebten Lebens zur Quelle von Gefühlen der Lebendigkeit, der Freude und von neuen Ideen. In der Erinnerung werden auch hochaltrige Menschen wieder jung, und die Rückbesinnung auf die Lebensgeschichte hilft, auch im Alter Traumata zu verarbeiten. Sollten wir nicht gerade im Hinblick auf das hohe Alter unseren Blick darauf richten, welche Bewegungen zwischen unvermeidlichen Veränderungen und Verlusten und verfügbaren Potenzialen möglich sind, die sich nicht in der Erinnerung an früher erschöpfen?

Literatur

BMFSFJ (2010) Altersbilder in der Gesellschaft. Sechster Bericht zur Lage der älteren Generation in der BRD (BT-Drucksache 17/3815).
Grebe H (2011) »Der Preis für unsere zunehmende Langlebigkeit heißt Demenz …« Über ein mediales Schreckensbild vom hohen Alter. (unveröffentlichtes Vortragsmanuskript).
Kruse A, Heuft G, Radebold H (Hg) (2006) Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. München (Reinhardt).
Motel-Klingebiel A, Wurm S, Tesch-Römer C (Hg) (2010) Altern im Wandel. Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Stuttgart (Kohlhammer).
Rott C (2011) Zwischen Vitalität und Pflegebedürftigkeit: Stärken und Schwächen des hohen Alters. In: Petzold HG, Horn E, Müller L (Hg) Hochaltrigkeit – Herausforderungen für persönliche Lebensführung und biopsychosoziale Arbeit. Wiesbaden (VS Verlag).