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19.9.2017 : 17:20 : +0200

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Isabella Justiniano und Bernd Ibach: Editorial zum Themenheft "Persönlichkeitsentwicklung"

Persönlichkeit als Ressource im höheren Lebensalter

»… um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein, man muss ja dazu sagen.«
H. Hesse (1990) Mit der Reife wird man immer jünger

Das Thema Persönlichkeitsstörungen im Alter hat sehr viele Facetten. Die Anforderungen an die Persönlichkeit sind im Alter besonders vielfältig: Es geht dabei um Lebensgestaltung und Lebensgeschichte, Beziehungsgestaltung und Beziehungsgeschichte, Lebens- und Anpassungsstrategien, Lebensqualität, Belastungen, Kränkungen, psychische Widerstandfähigkeit, Zwiesprache mit dem alternden Körper und Geist sowie um den Umgang mit Grenzen, Krankheit, Verlust, Trauer und am Ende um den Umgang mit dem Tod. Die Persönlichkeit wird geprägt durch die genetische Ausstattung sowie durch lebenslange Erfahrungen, Lebensereignisse und Krankheiten. Sie spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.
   Jeder neue Lebensabschnitt stellt spezielle Anforderungen. Zur Bewältigung der damit verbundenen Lebensaufgaben sind wir auf unsere Stärken angewiesen, um notwendige Anpassungen bewusst und unbewusst auf der physischen, psychischen und sozialen Ebene vornehmen zu können. Niemand kann vom jungen Erwachsenenalter bis ins hohe Alter mit immer denselben psychischen Qualitäten alle Lebensaufgaben meistern. Was im Jugendalter eine Stärke ist, kann sich später als Schwäche erweisen und umgekehrt. Auf Französisch sagt man: »Nous avons les défauts de nos qualités et les qualités de nos défauts.«
   Eine erstaunliche Entwicklung im höheren Alter setzt ein, wenn Körper und Geist weniger leistungsfähig werden und uns damit Grenzen bewusst werden, die uns dazu zwingen, Prioritäten zu formulieren. Sowohl auf der somatischen als auch auf der psychischen Ebene gehen auch in dieser Lebensphase Entwicklungs- und Veränderungsprozesse stetig weiter. Mut und Vertrauen sind notwendig, um Altes und Vergangenes loszulassen, Abschied von Altvertrautem zu nehmen und Platz und Energie für Neues zu schaffen. Neue Qualitäten werden erforderlich und grundlegende Veränderungen können oder müssen in Gang kommen. Wir selektieren bewusst und unbewusst unsere Ziele, optimieren die Wege, die wir dafür gehen müssen, und kompensieren Einschränkungen mit der Fantasie unseres Geistes und den heute zur Verfügung stehenden medizinischen und technischen Möglichkeiten. Es gilt dabei, die Ziele weise auszuwählen. Hierzu können wir aus unserem stetig wachsenden Wissensschatz und aus den Erinnerungen, die wir über viele Jahrzehnte hinweg erworben haben, geistige Kraft schöpfen – das Tempo geht allerdings nach.
   Nachdem über viele Jahre hinweg Solidarität von uns eingefordert wurde, kommt nun die Zeit, in der es möglich ist, uns auf unsere eigenen Anliegen zu zentrieren. Im Alter muss vieles infrage gestellt und maßgebende Werte müssen neu definiert werden. Nicht mehr nur Autonomie und Individualismus sind gefragt, sondern auch die Fähigkeit, bewusst Ressourcen der Gesellschaft zu beanspruchen und anzunehmen. Beziehungen werden in ihren Konturen und Inhalten kritischer wahrgenommen und neu bewertet. Je nachdem, wie bedrohlich oder wohltuend wir Beziehung im Allgemeinen einstufen, können wir Abhängigkeit mehr oder weniger gut zulassen. Haben wir dabei Vertrauen in uns selbst und können wir Alleinsein gut ertragen?
   Unser Körper altert und erlegt uns Begrenzungen wie auch Kränkungen auf. Er ist als Matrix eng mit der Psyche und deren Entwicklung verwoben. Doch der Körper altert nicht nur, er bleibt gleichzeitig auch jung. Denn er trägt in sich all die Spuren unserer Jugend, unseres bisher gelebten Lebens, vor allem auch die Erinnerungen an alle früheren Zärtlichkeiten und Liebesgesten. Und diese werden bei einer Berührung neu aktiviert. Hier besteht ein großes Potenzial für eine körperorientierte psychotherapeutische Arbeit.
   Doch zurück zur Persönlichkeit mit ihren Ecken und Kanten, die unsere Stärken und Schwächen ausmachen. Schwächen sind entweder fehlende oder zu spitze Ecken und Kanten. Das merkt man ganz besonders in nahen Beziehungen. Meist lieben wir die Menschen gerade wegen ihrer Ecken und Kanten, die das Zusammenleben zugleich erschweren können. Unmerklich kommt mit der körperlichen Schwäche das Auf-den-anderen-angewiesen-Sein mehr in den Vordergrund, damit verbunden ist die Notwendigkeit, näher zusammenzurücken. Die Ecken und Kanten des andern können dann unerträglich werden. Der Lebensweg im Alter in eine zunehmende Abhängigkeit ist mit gegensätzlichen Bedürfnissen verbunden: sowohl begleitet zu werden als auch allein zu sein.
   Wenn das, was bisher galt, infrage gestellt werden muss, können Orientierungslosigkeit oder sogar Verwirrung auftreten. Umso wichtiger wird es, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um ein neues Selbstbild auch dann zu entwickeln, wenn dies anderen unverständlich ist und als Bruch mit dem früheren Leben erscheint. Die neuen Werte müssen innerlich verankert werden. Im Bemühen um Kohärenz müssen verschiedene Kapitel der Lebensgeschichte neu zusammengeführt werden. In den letzten Kapiteln können manch einem die Unstimmigkeiten und Mängel im eigenen Leben offenkundig werden, sie zeigen an, was neu zu gestalten, welche Verbindung zu lösen und in welche noch zu investieren ist. Indem Prioritäten und Bedürfnisse neu und klar definiert werden, können wir den Lebensplan anpassen und versuchen, mit dem familiären und sozialen Umfeld zufriedenstellende Kompromisse auszuhandeln.
   Menschen, die ihr Leben bis in den dritten oder vierten Lebensabschnitt gemeistert haben, besitzen viele Persönlichkeitsressourcen. Es geht darum, diese zu mobilisieren, wenn sich unsere Patienten mit den Lebensanforderungen im Alter überfordert sehen. Im Begriff Persönlichkeitsstörung verbirgt sich die Gefahr, die vorhandenen Ressourcen nicht zu berücksichtigen. Das hängt teils auch mit dem bestehenden Konzept der Persönlichkeitsstörungen zusammen, das lebenslang bestehende und überdauernde Störungen definiert und damit ein Bild der Erstarrung vermittelt. Diese Persönlichkeitseigenschaften stehen aber nicht nur für Schwächen sondern auch für Stärken. Es geht also darum, aus welchem Blickwinkel diese als krank definierten Eigenschaften betrachtet werden, um neben ihrem zerstörerischen Potenzial, das wir geschult sind wahrzunehmen, auch ihr schöpferisches Potenzial zu entdecken.
   Der Großteil der hier publizierten Beiträge widmet sich dieser Komplexität von Persönlichkeitsstörungen im Alter. Diagnostik, psychotherapeutische Rehabilitation, die Wechselwirkungen von Psychotherapie und somatischen Erkrankungen und die Rolle der durch organische Beeinträchtigungen und Krankheiten veränderte Beziehungen werden thematisiert und die Zusammenhänge von Persönlichkeit und Störungen im Alter beschrieben.
   Im therapeutischen Prozess stellt sich die Frage, inwiefern es auch der Blick der jüngeren Therapeuten – unser Blick – ist, der einseitig die Pathologie sieht und gleichsam erstarrt ist und vielleicht unsere Patienten erstarren lässt. Wir sind es vielleicht, deren Blick zu eng ist, um die Stärken der uns anvertrauten lebenserfahrenen Menschen überhaupt entdecken und stützen zu können. Um die Komplexität der Persönlichkeit anderer Menschen wahrzunehmen, ist ein außergewöhnlich hohes Maß an Kenntnis der eigenen Person erforderlich. Diese Aussage gilt ganz besonders in Bezug auf alte Menschen, deren Wesen von einer jahrzehntelangen individuellen Geschichte geprägt wurde. Die sich daraus ergebenden Fragestellungen, Lösungsansätze und Entwicklungsaufgaben – sie werden qualitativ und quantitativ durch die demografische Entwicklung regelrecht potenziert – führen zu neuen Herausforderungen an die psychotherapeutische Arbeit. Ziel muss es sein, Menschen dabei zu unterstützen, vorhandene Ressourcen innen und außen wahrzunehmen und weiterzuentwickeln, Schwächen in Stärken umzuwandeln, um sich selbst besser helfen zu können und Hilfe anderer anzunehmen oder anzufragen. Dabei gilt es, mit früher nie da gewesenen Abhängigkeiten umzugehen und die Gestaltung des Lebens trotz notwendiger Anpassung im Alter selbst zu bestimmen.
   Die Psychotherapie im Alter bewirkt natürlich keine Wunder, kann aber wunderbare Verwandlungen ermöglichen, wenn sie dazu ermutigt, sich und anderen etwas zuzumuten und sich selbst etwas zuzutrauen, sodass es möglich wird, das Altern trotz schwieriger äußerer Umstände als Zeit der Verluste kreativ und aktiv mitzugestalten. Alt werden und teilhaben können am privaten und öffentlichen Leben, das sollte der anzustrebende Lebensplan von jedermann sein. Psychotherapie kann zu einem erfolgreichen Altern beitragen und eine effiziente Prävention im Rahmen krankheitsbedingter Behinderung im Alter leisten.