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23.9.2017 : 4:05 : +0200

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Ältere Männer und Psychotherapie - Fehlanzeige?

Nachdem S. Freud gerne mit seiner Äußerung zitiert wird, dass Psychotherapie bei über 40-Jährigen nicht mehr möglich sei, hat sich, wie die Existenz der Zeitschrift Psychotherapie im Alter zeigt, in den letzten Jahren viel getan. Im vorliegenden Heft wird auf eine potenziell untertherapierte Subpopulation eingegangen, nämlich auf die Männer in der zweiten Lebenshälfte. Es handelt sich bei ihnen nicht um eine monolithische Kohorte, wie die Unterteilung in junge Alte und alte Alte erkennen lässt. Es gibt bei ihnen stark divergierende Problemstellungen und die jungen Alten sehen sich häufig noch im besten Erwachsenenalter, sie grenzen sich von den alten Alten ab, bei denen die körperliche Gebrechlichkeit und kognitive Einschränkungen im Vordergrund stehen. Dem insbesondere für Männer nicht unproblematischen Lebensabschnitt
des Berufsendes und des privaten Umbruchs wurden auch schon die Themenhefte »Die alte Jungen« (PiA 5(4) 2008) und »Die neue Generation 50+« (PiA 8(2) 2011) gewidmet.
   Männern, die sich über Kraft, Belastbarkeit und Ausdauer definierten, nehmen altersbedingte Einbußen besonders schmerzlich wahr, wie Herbert Grönemeier in seinem Liedtext »Männer« dies besingt. So stehen dieser »außen ganz harten und innen ganz weichen« Gruppierung nicht immer die adäquaten Bewältigungsstrategien zur Verfügung. Besonders Männer im fortgeschrittenen Lebensalter, die das männliche Ideal, »flink wie ein Wiesel und hart wie Krupp-Stahl« zu sein, mit auf den Weg bekommen oder die Kinderbuch-Philosophie, »ein Indianer kennt keinen Schmerz«, verinnerlicht haben, werden einem psychotherapeutischer Weg zunächst fremd gegenüberstehen. Psychotherapie, bei der über eigene Konflikte und Gefühle gesprochen werden soll, ist für sie durchaus ungewohnt und oft auch belastend. Moderne Therapieverfahren, wie modifizierte tiefenpsychologische Konzepte (Radebold 1997, Heuft et. al 2006), das Modell der selektiven Optimierung und Kompensation, die moderne Verhaltenstherapie (Forstmeier 2011) oder die Reminiszenstherapie, gehen mehr von den Ressourcen aus und verlassen die defizitäre Sichtweise zugunsten eines aktiven, reflektierenden oder handlungsorientierten Zugangsweges.
   Für ältere Männer wird es aber nicht einfacher. Denkweisen und vermeintlich unumstößliche Lebenskonzepte ändern sich immer schneller. Lebens- und Berufserfahrungen zählen weniger als die schnelllebige Adaptationsfähigkeit an eine globalisierte Welt oder an brandneue Kenntnisse in der Medien- und Kommunikationstechnologie. Die heute junge Generation hat solche Fertigkeiten und Denkweisen bereits »mit der Muttermilch« aufgesogen, während Männer in der zweiten Lebenshälfte ihr Wissen dadurch erworben haben, dass sie in der Schule von der Wandtafel abgeschrieben bzw. mit Karteikärtchen gelernt haben. Sie tun sich oft mit den neuen digitalen Technologien schwer, Burn-out und Finalstimmung treten bei ihnen nicht selten auf. Der Übergang von der beruflichen Welt in den »Ruhestand« oder sogar vom beruflichen Zenit in die nachberufliche Phase stellt eine Herausforderung dar (vgl. Loriots Kultfilm Papa ante portas).
   Heißt dies nun, dass Männer in eine niedergeschlagene Grundstimmung verfallen müssen? Soll ein »Männerheft« nur auf die ansteigende Suizidrate, die berufliche Trauerarbeit oder die Benachteiligungen bei einer Ehescheidung im Alter eingehen? Nein! Eine umfassende niederländische Studie macht deutlich, die die ZEIT in ihrer Neujahrsausgabe 2012 zum Leitthema Glück zitiert, dass nach Durchlaufen eines Stimmungstales im mittleren Lebensalter die älteren Jahrgänge wieder den Zufriedenheitsgrad der jüngeren Erwachsenen erreichen.
   Vielleicht spielt bei dieser Zufriedenheit zunächst eine gewisse Abgeklärtheit oder sogar Weisheit eine Rolle. Bisher nicht gekannte Lebensgefühle, von harter Arbeit entlastet zu sein und mehr Selbstbestimmung zu haben, können dazu beitragen wie auch die neue Rolle als Großvater. Auch darf nicht vergessen werden, dass es der älteren Generation und damit den alt gewordenen Alleinverdienern finanziell derzeit besser geht, als allen Generationen zuvor.
   Im vorliegenden, auch von den Mitherausgeberinnen mit Spannung erwarteten »Männer-Heft« wird versucht, die vielseitige Thematik aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten. In seiner Übersicht geht M. Peters auf veränderte psychotherapeutische Sichtweisen von älteren männlichen Patienten und ihrer Therapeuten ein, R. Mann rückt dann die Rolle des Großvaters in ein neues Licht und E. Hammer geht der Frage des nachberuflichen Lebens nach, in dem soziale Beziehungen neu definiert werden müssen.
   M. Langehennig gibt einen Einblick in die persönliche Entwicklung pflegender Männer und S. Eichhorn, L. Spangenberg, G. Henrich und E. Brähler vergleichen in ihrer empirischen Arbeit männliche Lebenszufriedenheit heute mit der vor zwei Dekaden. R. Rösing beschreibt diagnostische und therapeutische Probleme der männlichen Sexualität im Alter. Strafrechtliche Aspekte alter Täter werden von K. Hoffmann beschrieben und, last not least, entführt uns T. Spiekermann in die Welt der Dramen. Wir hoffen, mit diesen Themen nicht nur unseren männlichen Lesern neue Impulse zu geben.
   Zum Schluss verweisen wir noch auf die unten stehende Einladung, an den geplanten Themenheften als Autoren mitzuarbeiten. 

Literatur

Forstmeier S, Mortby M, Maercker A (2011) Kognitive Verhaltenstherapie im höheren Lebensalter – Ein Überblick. Psychotherapie im Alter 8: 9–25.
Heuft G, Kruse A, Radebold H (2006) Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. 2. Aufl. München (Reinhardt).
Radebold H (1997) Kurzzeitpsychotherapie bei Erwachsenen im höheren und hohen Alter. Schweizerisches Archiv für Neurologie und Psychiatrie 148: 215–220.