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15.12.2019 : 12:09 : +0100

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Von intergenerationellen Beziehungen sprechen wir, wenn die Großelterngeneration (Generation 1, G1) mit deren Kindern (Generation 2, G2) oder Enkelkindern (Generation 3, G3) interagiert und andersherum. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Angehörige anderer psychosozialer Professionen erleben es tagtäglich, dass diese intergenerationellen Beziehungen die Entwicklung des Individuums und seine Beziehungen zu Außenstehenden beeinflussen. Für den Kontext der Psychotherapie steht in allen Psychotherapieansätzen die Beziehung zwischen Generation 1 und 2 bzw. 2 und 3 im Vordergrund, also die Frage, in welcher Weise die Eltern des/der PatientIn seine/ihre Entwicklung – meist in negativer Hinsicht – mitbeeinflusst haben. Die Beziehung zwischen Generation 1 und 3 wird dagegen seltener beachtet und genutzt.
   In diesem Band von Psychotherapie im Alter werden sowohl die intergenerationellen Beziehungen G1-G2 als auch G1-G3 näher betrachtet. Dabei sollen sowohl entwicklungs- bzw. gerontopsychologische Grundlagen als auch klinische Anwendungsaspekte berücksichtigt werden.
   Die länger zurückliegende Schlussfolgerung von Baltes u. Silverberg (1994), dass die Beziehung zwischen Kindern zu ihren Eltern (G1-G2) sich über die Lebensspanne von der Dependenz des Kindes- und Jugendalters über eine Phase der Interdependenz des Erwachsenenalters zu einer erneuten Dependenz im Alter entwickelt, wird im Beitrag von Heike Buhl und Sabrina Sommer mit vielen aktuellen Studienergebnissen untermauert. Diese Veränderung der Beziehung über die Lebensspanne zeigt sich beispielsweise in der Kontakthäufigkeit, im Austausch von sozialer und materieller Unterstützung, in den Rollenerwartungen, in der Weitergabe von Werten und in der gegenseitigen Wertschätzung.
   Die meisten Beiträge in diesem Band befassen sich mit der bisher weniger beachteten Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern (G1-G3). Eigentlich ist diese Vernachlässigung überraschend, da die Enkelkinder für die Großeltern (und andersherum) zum System gehören (siehe den Beitrag von Susanne Kiepke-Ziemes u. Jan Gramm) und für diese sowohl eine große Ressource als auch eine Quelle von Stress sein können. Wenn wir an die wichtigsten Entwicklungsaufgaben in den jeweiligen Altersgruppen denken, so ist die Entwicklungsaufgabe der Identitätsbildung bei den Kindern und Jugendlichen komplementär ergänzend zu der Entwicklungsaufgabe der Generativität bei den Großeltern (Kessler u. Staudinger 2007). Ältere Menschen haben häufig ein starkes Bedürfnis, sich über die eigene Person hinaus der jungen Generation zuzuwenden und sie in ihrem Sein und in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Das fängt schon bei ganz praktischer Unterstützung an, z.B. bei der Betreuung der Enkelkinder. Es geht aber auch um die symbolische Weitergabe von Wissen, also beispielsweise um das Erzählen von Geschichten oder das Geben von Ratschlägen. Jugendliche, die sich auf ihre Zukunft vorbereiten, sind umgekehrt sehr interessiert daran, zu lernen, wie alte Menschen ihr Leben gelebt haben. Diese Passung zwischen dem Etwas-Weitergeben aufseiten der Älteren und dem Etwas-wissen-Wollen, Etwas-erfahren-Wollen bei den Jüngeren lässt es hier zu einer hochinteressanten Konstellation kommen. Und schließlich müssen sich Menschen, wenn ihre Zeithorizonte kleiner werden, damit auseinandersetzen, wer sie sind und wie sie geworden sind. Das heißt, da gibt es auch Überschneidungen in den zentralen Motiven der Identität und der Integrität.
   Vielfach werden in Forschung und Praxis vor allem die intergenerationellen Beziehungen (G1-G3) innerhalb der Familie betrachtet. Doch auch außerhalb der Familie können Begegnungen zwischen der jungen und alten Generation für beide bereichernd sein. Im Beitrag von Julia Franz u. Annette Scheunpflug wird beispielsweise ein intergenerationelles Theaterstück vorgestellt als Ort, an dem über Themen wie die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft, Altern und Tod reflektiert werden kann. Intergenerationelle Dialoge zwischen älteren Menschen und Schülern, wie sie Sonja Ehret beschreibt, können besonders dann nachhaltigen Eindruck hinterlassen, wenn gemeinsame Tätigkeiten wie Arbeiten, Kreativität und Spiel stimuliert werden. An derartige intergenerationelle Begegnungen werden häufig große Erwartungen gestellt – besseres gegenseitiges Verständnis, Vermitteln positiver Altersbilder, Vorbereiten auf das eigene Altern u.v.m. Allerdings gibt es auch hier Grenzen, z.B. wo das gegenseitige Zuhören ermüdend wird, wo ein Moderator vermitteln muss und wo unpassende »Paarungen« von Kindern und älteren Menschen vermieden werden müssen.
   Wenn wir über transgenerationelle Beziehungen sprechen, kommen auch die Auswirkungen historischer Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg ins Spiel. Radebold et al. (2008) haben den Begriff der transgenerationalen Weitergabe kriegsbedingter Belastungen eingeführt. Diese klinische Beobachtung beschreibt Günter Reich in seinem Beitrag als Grundlage einer Mehrgenerationen-Familientherapie. Großeltern sind in vielen Familien eine wertvolle Konstante gerade für die Enkelkinder, die auch bei Trennung und Scheidung der Eltern eine Quelle von Ressourcen bleiben. Andererseits können Großeltern auch eine problematische Rolle in Familien spielen, z.B. wenn sie unzuverlässig, spaltend, selbstbezogen oder fordernd sind. In beiden Fällen, den hilfreichen und den problematischen Großeltern, kann ihr Einbezug in eine Psychotherapie wertvoll sein.
   Eine besondere intergenerationelle Beziehung zwischen G1 und G3 ist diejenige zwischen einer älteren PatientIn und einer jüngeren PsychotherapeutIn. Annika Boschmann u. Eva-Marie Kessler schlussfolgern, dass die Unterschiede in den Sozialisationserfahrungen eine kritische Reflexion und das Erlernen gerontopsychologischer Inhalte in der Psychotherapeutenausbildung notwendig machen. Kritisch reflektiert werden muss auch immer wieder die auftretende Enkelkind-Großeltern-Übertragung und entsprechende Gegenübertragungsphänomene. Wenn dies geschieht, erleben junge TherapeutInnen immer wieder die therapeutische Beziehung zu älteren PatientInnen als gewinnbringend für beide Seiten.
   Wir wünschen den Leserinnen und Lesern dieses Bandes viele positive Erfahrungen in intergenerationellen Beziehungen. Theodor Fontane (2011, S. 64) formuliert es auf folgende Weise:

»Man hört nie auf, erziehungsbedürftig zu sein;
ich gehe jetzt noch in die Schule und lerne von Leuten,
die meine Enkel sein könnten.«

Literatur

Baltes MM, Silverberg SB (1994) The dynamics between dependency and autonomy: Illustrations across the life span. In: Featherman DL, Lerner RM (Hg) (1994) Life-span development and behavior. Hillsdale, NJ (Erlbaum) 41–90.

Fontane T (2011) Meine Kinderjahre. Frankfurt a.M. (Fischer).

Kessler EM, Staudinger UM (2007) Intergenerational potential: Effects of social interaction between older people and adolescents. Psychology and Aging 22: 690–704.

Radebold H, Bohleber W, Zinnecker J (Hg) (2008) Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Weinheim (Juventa).