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20.11.2017 : 21:48 : +0100

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Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern.

Indes wie blasser Kinder Todesreigen,
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Georg Trakl: »Der Verfall« 1913 (3. und 4. Strophe)

Der alternde Körper und wir – der alternde Körper als Abstraktum oder als Gegenstand unserer wissenschaftlichen Betrachtung und als Gegenstand unserer therapeutischen Bemühungen? Der alternde Körper losgelöst von der alternden Psyche? Wir wissen gut Bescheid über den Körper als Organisator der Entwicklung im Alter (Heuft 1994), mit dem sich Ältere mehr beschäftigen als mit dem Tod. Vielleicht wird durch die Beschäftigung mit den eintretenden körperlichen Veränderungen auch die Ohnmacht und die Angst vor dem Tode abgewehrt. Eine bekannte Bemerkung Freuds ist, dass im Grunde niemand an seinen eigenen Tod glaube (Freud 1915c, 149). Ist es mit den körperlichen Veränderungen, solange sie nicht unübersehbar in unser Leben einbrechen, ähnlich? Solange man sich gesund fühlt und jung genug ist, ist es leicht, klug und tiefgründig über die typischen, mit zunehmendem Alter häufiger auftretenden Krankheiten zu reflektieren: Herzinfarkt, Schlaganfall, Schmerzen, Arthrose, Osteoporose, Rheuma und Tumorerkrankungen sowie Krankheiten aus dem urologischen und gynäkologischen Fachgebiet wie Impotenz und Inkontinenz.
    Wenn jedoch der Herbst des Lebens allmählich eintritt, ist es meist vorbei mit dem objektivierenden Abstand der Professionalität. Diese Entwicklung, das ist eine Binsenweisheit, geschieht meist unmerklich als schleichender Prozess. Oft sind es nur Berufssportler, denen die eigenen Leistungseinschränkungen frühzeitig auffallen – sie können, je nach Sportart, bekanntlich schon ab dreißig nicht mehr mithalten. Schicke Brillen, unauffällige Hörgeräte, Zahnimplantate, Prothesen und die Hilfen der plastischen Chirurgie helfen lange, die Illusion andauernder Jugend aufrecht zu erhalten. Sinnvoll ist aber sicher, durch gezielte Ernährung und Sport Alterungsprozesse aufzuhalten und Entstellungen beseitigen zu lassen.
   Das populäre Bild vom aktiven Alten bezieht sich auf die jungen Alten, die sich im Dritten Lebensalter befinden und die bei körperlicher Gesundheit aktiv an Bildungsangeboten, ehrenamtlichen Tätigkeiten und Reisen teilnehmen. Meist handelt es sich dabei um Angehörige der oberen Mittelschicht, die halbwegs gesundheitsbewusst gelebt haben. Sie sind aber nicht repräsentativ für den körperlichen Zustand älterer Menschen: Jeder Hausarzt kennt auch Patienten, die schon ab Mitte vierzig gravierende körperliche Defizite haben. Vielleicht sind sie extrem selbstschädigend mit dem eigenen Körper umgegangen, vielleicht sind sie auch Schichtarbeiter oder sonst beruflich starken körperlichen Beanspruchungen ausgesetzt gewesen.
   An der Schwelle zum sogenannten Vierten Lebensalter beginnt jene Phase, in der sich körperliche Veränderungen und Defizite nicht mehr kompensieren lassen. In dieser Phase werden die Betroffenen zunehmend abhängig von Betreuung und Pflege. Dies kann zur Reaktivierung von ungelösten Konflikten aus der Kindheit und Jugend führen. Persönlichkeitsstörungen können sich beim Eintreten einer körperlichen Behinderung zuspitzen. Der Unwille alter Menschen, notwendige Hilfsmittel einzusetzen, hat manchmal auch mit einer narzisstischen Haltung zu tun: Lieber einen Sturz in Kauf nehmen, als Gehhilfen zu benutzen, lieber Vereinsamen als Hörgeräte einzusetzen.
   Nicht selten hat der alternde Körper eine Funktion als Übergangsobjekt wie bei jungen Borderline-Patienten (Hirsch 1989). Der eigene Körper steht hierbei einerseits für ein begleitendes Mutterobjekt, dessen Präsenz lebensnotwendig ist, andererseits aber auch für eine verfolgendes und feindliches Mutterobjekt, das es zu beherrschen gilt. Mit dieser ambivalenten Einstellung erklären einige Autoren das Phänomen der körperlichen Selbstbeschädigung (Pao 1969, Simpson 1977, Sachse 1987).
   Bei alten Menschen wirkt in der Form, wie sie oft schon mit eigenen leichten Gebrechen umgehen, außerdem eine vom Nationalsozialismus geprägte Perfektions- und Disziplinierungstradition nach: Die klassisch humanistische Tradition, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohne (mens sana in corpore sano) wird im destruktiven Sinne uminterpretiert: Der geschädigte Körper habe keine Daseinsberechtigung mehr, man müsse dem Leben ein Ende setzen, um nicht der Allgemeinheit zur Last zu fallen. Diese Nachwehen einer schrecklichen Tradition werden in oberflächlichen Euthanasiedebatten oft übersehen.
   Selbstschädigendes Verhalten im Alter bei passivem Einfordern von Versorgung und Pflege kann aber auch frühe Versorgungsdefizite widerspiegeln. Sie zeigen sich vor allem bei alten Menschen, die im Krieg und in der Nachkriegszeit kumulative Traumatisierungen, Flucht und Vertreibung miterlebt haben und früh mit Gewalt und Tod konfrontiert wurden. So sagte mir ein schwerkranker Diabetiker, der im Krieg seine Mutter bei einem Bombenangriff verloren hatte, als ich ihn auf seinen Alkoholmissbrauch ansprach, mit einer autodestruktiven Verbitterung: »Gesehen habe ich genug, aber nicht gesoffen!« Alptraumhaft können auch, wenn die körperliche Hinfälligkeit im Alter stärker wird, Erinnerungen an traumatische Erlebnisse aus der Kriegs- und Nachkriegszeit aktiviert werden.
   Schließlich, um auf das »und wir« im Titel zurückzukommen, stellt der alternde Körper ein Memento mori für die Angehörigen therapeutischer Berufe dar. Von diesen ist bekannt, dass viele von ihnen die Rolle des mächtigen Helfers einnehmen, um eigene Ohnmachtsgefühle abzuwehren (Eckstedt 1999). Körperlich Gebrechliche halten uns einen Spiegel vor, wie wir selbst werden können. Vor den damit verbundenen Ängsten schützen kein Arztkittel und keine analytische Abstinenzhaltung. Die unmittelbare Konfrontation mit körperlichen Gebrechen stellt daher für viele Professionelle eine schwere Belastung dar. Vielleicht ist es Ausdruck professioneller Verleugnung und Verdrängung, dass in manchen Artikeln, die sich mit dem alternden Körper beschäftigen, der Eigenbezug nur sehr indirekt zu erschließen ist?
   Wenn der alternde Körper immer mehr zum Organisator der Entwicklung im Alter wird, so liegt es nahe, dass ein Ziel der Psychotherapie im Alter (Radebold et al. 1994) darin liegt, in der Auseinandersetzung mit Altersverfall und Verlusten praktische Lösungen in der Gegenwart zu erarbeiten. Bei vielen Patienten kann dieses Ziel nur bruchstückhaft erreicht werden. Für Therapeuten gilt es dann, die eigene Ohnmacht auszuhalten. Wenn wir uns bewusst werden, wie schwer uns selbst der Blick in den Spiegel, in dem sich unser Altern abzeichnet, fällt, und dies anerkennen, hilft dies, therapeutische Schritte mit unseren Patienten zu gehen. Authentizität in der Ohnmacht und die Anerkenntnis, auf viele existenzielle Fragen keine Antwort zu haben und eben nicht souverän mit dem eigenen körperlichen Altern umzugehen, schafft mehr hilfreiche Nähe als die narzisstische Illusion vom allmächtigen Helfer, der auf jede angstvolle Frage eines Patienten eine formelhafte Beschwichtigungsplattitüde zur Hand hat. Vielleicht können die Artikel in diesem Band helfen, mit dieser manchmal bedrohlichen Nähe zum (eigenen) Altern und letztlich auch mit den eigenen Ängsten, die mit dem körperlichen Altern zusammenhängen, etwas gelassener umzugehen.