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21.11.2017 : 14:28 : +0100

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»Wären Sie nicht auch depressiv, wenn Sie alt wären?« J. C. Nelson (2001) begann mit dieser provokanten Formulierung seinen Vortrag über Diagnose und Therapie der Depression bei älteren Menschen beim APA 154th Annual Meeting am 06. Mai 2001 in New Orleans, USA. Im selben Jahr schrieben G. E. Vaillant und K. Mukamal (2001) im American Journal of Psychiatry über »Successful Aging«: »… the term ›aging‹ also conveys change, a relatively neutral meaning. Analogous to the transformation of trees from spring to winter, our hair changes from chestnut to white, our waistline becomes portly, our eyes acquire crow’s feet, and our frequency of making love shifts from three times a week to twice a month. But equally important, our ability to love and be loved does not diminish with age. At the beach we pick up grandkids instead of sweethearts, but our capacity for joy is undiminished« (839/840). Wir sind uns sicher einig, dass die Empfehlung, sich mit der körperlichen Veränderung und der reduzierten Sexualität abzufinden, in Liebe und Geliebtwerden zu transformieren und Freude an den Enkelkindern zu haben, wichtige Aspekte eines »erfolgreichen Alterns« sind, wenngleich sicher nicht die einzigen. 
    Nun gelingt es wohl nicht allen Menschen in gleicher Weise, sich in das Altern hineinzuentwickeln. Die Prävalenz depressiver Erkrankungen bei älteren Menschen liegt in der Duderstadt-Studie (Welz 1994) bei 27,4%, in der Berliner Altersstudie (Helmchen et al. 1996) bei 9,1% – subdiagnostisch kommen noch 17,8% hinzu – und in der Altenheimstudie von SchulzeMönking und Hornung (1998) bei 26%. Nach Cole & Dendukuri (2003) findet man unter den älteren Menschen in amerikanischen Gemeindestichproben 1–3% depressiv Kranke und zusätzlich 8–16% mit klinisch relevanten depressiven Symptomen. Die Autoren finden in ihrer Metaanalyse der damals vorliegenden Studien als wichtigste Prädiktoren für die Entwicklung einer depressiven Erkrankung das Eintreten einer Behinderung, das Auftreten einer neuen medizinischen Erkrankung, einen insgesamt schlechten Gesundheitszustand, Depressionen in der Vorgeschichte, die Wahrnehmung der eigenen Gesundheit als schlecht, Schlafstörungen sowie Trauerprozesse. Während bei den Prävalenzraten depressiver Erkrankungen im mittleren Lebensalter üblicherweise die Frauen im Verhältnis von 2:1 überwiegen, scheint mit zunehmendem Alter (Adams 1998) ein Ausgleich zwischen den Geschlechtern bzw. eine Zunahme der depressiven Erkrankungen bei den Männern stattzufinden, vereinzelt wird auch ein Überwiegen der Depressionen bei alten Männern beobachtet.
    Die Diskussion, ob es eine spezifische Depression im Alter gebe, wird immer wieder geführt. Sie endet immer wieder in der gleichen Feststellung, dass es eine solche nicht gibt, dass aber psychopathologische Akzentuierungen besonderer Art bei älteren Menschen vorliegen, welche durch das Alter an sich hervorgebracht werden (Wolfersdorf u. Schüler 2005, Baldwin 1997). Häufig wird angeführt, dass die depressive Herabgestimmtheit im Hintergrund stehe. Fragt man nach, so beantworten Patienten dies im Rahmen eines eigenen Defizitmodells vom Alter mit der Gegenfrage: »Was soll denn im Alter noch freuen?« Auch eine Neigung zu ängstlicher Klagsamkeit, häufig abwehrend als »Jammerdepression« bezeichnet, wird beschrieben, wobei körperbezogene Klagen einschließlich der Überbewertung vorhandener bzw. durch körperliche Erkrankungen bewirkter Einschränkungen betont sein sollen. Auch sollen häufig episodenüberdauernde Restsymptome und Befindlichkeitsstörungen vorhanden sein, die sich manchmal als Schlafstörung, Schwindel, Spannungszustand oder andauerndes Morgentief zeigen. Hinsichtlich der Häufigkeit einer depressiven Wahnsymptomatik bei Ersterkrankungen im höheren Lebensalter besteht keine Einigkeit. Häufig handelt es sich dann um psychodynamisch ableitbare Schuld- und Verarmungsinhalte, als erkenne der depressiv Kranke beim Rückblick auf das bisher gelebte Leben vertane Chancen, nicht erfolgte Entwicklungen und eine eingeschränkte Umsetzung der geplanten Lebenskonzepte. Eindeutig dagegen ist die erhöhte Suizidrate vor allem bei alten Männern, wobei diese auch bei alten Frauen seit einiger Zeit höher wird. Depression und Demenz gehören nicht zum Alter(n). Bei depressiv Kranken finden sich allerdings (Müller-Spahn 2002) zu einem hohen Anteil depressive Anpassungsstörungen (z.B. bei 50–70% der Patienten mit Seh- und Hörstörungen, bei 40–70% mit degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates, bei 30–50% mit kardiovaskulären Erkrankungen, bei 40–70% mit Krebserkrankungen und bei 30–60% mit chronischen Schmerzsyndromen) aber auch bei 1–2 Drittel der Patienten hirnorganische Erkrankungen. Depressionen treten bei 10–20% der Patienten mit Alzheimer-Demenz, bei 30–50% mit Parkinson-Krankheit, bei 40–50% mit Multipler Sklerose usw. auf. In der Ätiopathogenese bei depressiver Erkrankungen jenseits der Anpassungsstörungen kommen immer hirnorganische und psychoreaktive Elemente zusammen. Solche psychoreaktiv wirksamen Elemente sind eine aktuell erlebte Lebensbedrohung, die Anforderung, mit einer Krankheit zu leben, Veränderungen der Lebenskonzeption, der Beziehungsgestaltung und des Rollenverständnisses, befürchteter Autonomieverlust, befürchtete Abhängigkeit von sozialen Systemen und ein damit verbundenes reduziertes Selbstwertgefühl. Dass es auch eine Reihe von Medikamenten gibt, deren Einnahme mit depressiven Störungen einhergehen kann, sei nur am Rande erwähnt.
    Die wichtigsten Fehler, neben den Fehlern, die in der psychotherapeutischen Kommunikation gemacht werden können, sind die Nichtbeachtung der somatischen Situation, die Nichtbeachtung psychosozialer und psychodynamischer Faktoren, wie soziale Isolation und erlebte Vereinsamung, und die fehlende Berücksichtigung von Lebenskonzeptionen mit Perspektivenverlust (z.B. Altern als Defizitmodell), die aus einer chronisch narzisstischen Kränkung oder einer existenziellen Bedrohung herrühren (insbesondere wenn sie mit entwertender Armut und sozialer Abhängigkeit einhergehen). 
    Die Themen Alter, Krankheit, Siechtum und Tod in der Kommunikation mit alten Menschen und insbesondere auch mit alten depressiv kranken Menschen zu vermeiden, gehört zu den »Unterlassungssünden« jüngerer Therapeuten und Menschen. Es ist notwendig, die Frage nach dem subjektiven Sinn des weiteren Lebens zu stellen. In der psychotherapeutisch orientierten Kommunikation kann ebenso wie im Alltagsumgang mit alten – insbesondere depressiven – Menschen diesen Fragen nicht ausgewichen werden. Sie sollten auch nicht an den Klinikpfarrer oder an die Gemeindepfarrer delegiert werden. Arbeit mit älteren und alten depressiv kranken Menschen rührt an Grundfragen des menschlichen Selbstverständnisses.