Sie sind hier: Archiv > Zeitschriften-Archiv > 2004 > Heft 4
DeutschEnglishFrancais
21.11.2017 : 14:40 : +0100

Archiv

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.« Diesen biedermeierlichen Worten Jean Pauls kann man heute so uneingeschränkt nicht mehr zuzustimmen, sind an der paradiesischen Unschuld der Erinnerungen wie an ihrer sicheren Bewahrung doch zu viele Zweifel aufgetaucht. Allerdings lassen sich allenthalben Lust und Zwang sich zu erinnern beobachten. Und es tun sich gewisse Spannungen auf zwischen dem »biedermeierlichen« Schwelgen in der guten alten Zeit und dem inquisitorischen Bohren nach dunklen Vergangenheitsflecken. Dies hat in unserem Lande natürlich seine historischen Gründe. So zeigen sich die Teilnehmer an Fortbildungsveranstaltungen zur biographischen Arbeit mit Älteren immer wieder besorgt, unbedacht an Wunden und Traumen zu rühren, denen sie sich »therapeutisch« nicht gewachsen fühlen. Sie haben Angst vor dem, was man als Nachgeborener zu hören kriegt, »wenn die Abwehrschranken fallen«, wie Jan Wojnar (2000) schreibt.
    Behandlung, Betreuung und Beratung älterer Menschen bewegen sich also nicht im gesellschaftlich luftleeren Raum; sie sind eingebunden in Zeitgeschichte und Kultur. Angesichts der Beschleunigung der Geschichte und der Globalisierung der Lebens-umstände spricht der französische Philosoph Paul Nora von einer »Erinnerungsver-pflichtung«. Hier sieht er das »manische Sammeln« begründet, mit dem zu konservieren gesucht wird, was vom Vergehen bedroht ist. Gleichzeitig stellt er eine »Demokratisierung der Geschichte« fest, die alle gesellschaftlichen Gruppen auffordert, »ihre« Erinnerung festzuhalten und Zeugnis von Identität und Einzigartigkeit abzulegen (2000). Von der feministischen Geschichtsschreibung (»Her-story« statt »History«) bis zu ethnischen Minoritäten (»Black Studies«) reklamieren die unterschiedlichsten Gruppen ihr Recht auf eigenständige Geschichtsschreibung und damit die Anerkennung eigener Kultur und Würde.
    PiA ist mit dem Anspruch angetreten, das Älterwerden auch unter dem Aspekt seiner Kompetenzen und Ressourcen zu betrachten. Kaum ein Thema bietet sich hier so an wie die Erinnerung – wächst ihr Schatz doch automatisch mit der Zahl der gelebten Jahre und ist der Erinnernde allemal ihr Experte und ihr Rezensent. So kann die Berücksichtigung der Biographie und ihre kreative Bearbeitung präventiv wirken und weit im Vorfeld von Psychotherapie und Psychoanalyse ansetzen.
    Was aber meinen wir, wenn wir vom Erinnern sprechen? Welches Erinnern kann den Entwicklungsprozess Älterer unterstützen, welches behindern? Welche Erfahrungen liegen über erinnerungsbezogene Kommunikation im Alter vor und was wissen wir über den Nutzen (oder den Schaden) bestimmter Methoden?
    Die Beiträge in diesem Heft geben Antworten auf etliche dieser Fragen und werfen gleichzeitig manch neue auf. Da ist von Theaterarbeit (Schweitzer) ebenso die Rede wie von der musealen Inszenierung von Lebensgeschichten (Link). Wirksamer als Worte, mit denen die klassische Psychoanalyse in ihrer Erinnerungsarbeit operiert, sind die Sinne. Musik (Muthesius und Sonntag) und künstlerisches Gestalten (Narr) sprechen das Gedächtnis vor allem auch dann noch erfolgreich an, wenn die Fähigkeiten zur sprachlichen Verständigung schwinden.
    Vielfältig sind die Begrifflichkeiten, mit denen sich die Autoren dem Phänomen des Erinnerns nähern. Die Anstrengungen und Zumutungen bei der Aufarbeitung und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit werden schon in den Worten »Biographie- oder Erinnerungsarbeit« deutlich. Bei der »Reminiszenz-Therapie« erwartet man ein professionelles Setting, während die »Erinnerungspflege« auf ein genussvolles Schwelgen in der Vergangenheit verweist. Letztere schließt gleichzeitig die Chancen für vor-professionelles und freiwillig-freundschaftliches Teilen und Mitteilen von Lebensgeschichte(n) (Steiner) ein.
    Wer sich selbst erzählt, schafft die Voraussetzung, sich selbst auch zu lieben, schreibt Dieter Thomä (1998, S. 36). Wie könnte man diese Quelle des Wohlbefindens vernachlässigen und die Chance vergeben, auch von anderen gemocht, wenn nicht geliebt zu werden? Die Anlässe und die Fähigkeiten, »sich selbst zu erzählen«, sind also allemal der Pflege wert.
    Wir wünschen bei der Lektüre Genuss und Neugier auf eigene und fremde Erinnerungen!

Literatur

Nora P (2000) Erinnern und kollektive Identität. In: Sinclair-Haus-Gespräche, Bad Homburg (Herbert–Quandt-Stiftung) 20–22.
Thomä D (1998) Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem. München (Beck).
Wojnar J (1999) Wenn die Abwehrschranken fallen. Erinnerung, Demenz und Nazizeit im Pflegeheim. In: Schulz-Jander E et al (Hg) Erinnern und Erben in Deutschland. Kassel (Euregio-Verlag) 139–145.