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21.11.2017 : 14:43 : +0100

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Konflikte sind uns als leicht gegenläufige bis heftig widerstreitende Kräfte im Seelischen vertraut. Sie gehören zur Dynamik der Psyche und zu unserer alltäglichen Erfahrung, sie bewegen uns und können dazu anregen, unser Erleben zu erkunden, uns selbst zu befragen, Entscheidungen zu treffen und Lösungen zu finden. Etwas von einer solchen inneren Bewegung sehen wir bei Marthe, der »Klatschmohnfrau«, deren Geschichte im gleichnamigen Roman von Noëlle Châtelet erzählt wird. Als ältere Witwe trifft sie in einem Bistro unverhofft Felix, einen gleichaltrigen Mann. Erst vorsichtig dann rasch ermutigt lernen sie sich kennen und beginnen, sich ineinander zu verlieben. Da bemerkt sie, dass dies dem freundlichen Kellner des Bistros offenbar nicht entgangen ist. Eine Bemerkung von ihm irritiert sie, seine »Aufmerksamkeit bringt sie durcheinander. Ihr wird auf einmal bewusst, dass sie zwischen dem Wunsch, sich zu zeigen, und der Befangenheit, gesehen zu werden, schwankt, zwischen dem Vergnügen, einen Vertrauten zu haben, und der Lust, geheim zu halten, was sie erlebt.« (44f) Ohne Umschweife tadelt sie innerlich den Kellner, obwohl sie ihn für einen »Verbündeten« hält: Er hätte »seine rührende Anteilnahme etwas unauffälliger, um nicht zu sagen, taktvoller zeigen können, denkt sie « (45).
    Im Treppenhaus versperrt ihr die neugierige Concierge den Weg, die sie herausfordernd auf ihre Ausflüge anspricht. »Marthe fühlte sich ertappt, wie eine Schülerin. Ist das etwa eine hinterlistige Bemerkung? Aber, was weiß die Concierge eigentlich? Dass Marthe öfters als sonst das Haus verlässt und zwar zu Zeiten, die für eine alte Dame mit festen Angewohnheiten und einem ziemlich häuslichen Leben ungewöhnlich sind, das ist alles!«(46). Durch diese Überlegungen verändert sich ihre Irritation. Sie gibt nicht sich sondern der Concierge die Schuld, grenzt sich innerlich ab und »begnügt sich mit einem rätselvollen Kopfnicken und schlägt der Spötterin die Tür vor der Nase zu…«(46). Aber selbst noch im Konflikt, ob sie ihren lebendig werdenden Liebesgefühlen und Wünschen trauen und nachgeben soll, und wohin dies führen könnte, sucht sie nach »Verbündeten« und »Gegnern«. Bis sie Felix kennen lernt, wird ihr Konfliktschicksal im Roman als das einer traditionell erzogenen Frau skizziert, die gewohnt war, ihre Wünsche denen ihres früheren Mannes, mit dem sie verheiratet wurde, unterzuordnen. Durch die neue Liebesbeziehung verändert sich dies.
    Aber jenseits dieser milden Konflikte und beglückender Affekte erlebt sie bald einen heftigen Konflikt, der sie körperlich und seelisch schmerzt und fast zerreißt. In ihrer neu gewonnenen Lebenslust wird sie zutiefst schockiert, als sie Felix unverhofft mit einer anderen Frau in ihrem Bistro sieht. Als sie glaubt, ihn und sich selbst durch diesen Verrat verloren zu haben, richten sich ihre Wut und ihr Schmerz erst einmal gegen sie selbst, sie verliert ihr neues Selbstgefühl und zieht sich schützend in die alte Marthe zurück. Aber die Geschichte geht doch noch gut aus.
     Bekanntlich ist das im wirklichen Leben nicht immer so. Auch ältere und alte Menschen sind keineswegs jenseits von Konflikten, von anregenden – wie bei Marthe –, von milden, die sie im Fluss ihres Selbsterlebens eher passager beschäftigen, aber auch von solchen, die Lebensentscheidungen erfordern oder ihre Existenzgrundlage erschüttern. Was ältere Menschen betrifft, werden Abschied, Verlust, Trauer und Tod sowie Sinnsuche und Transzendenz weit mehr betont als die Bedeutung von Konflikten – obwohl sie auch diesen Themen inhärent sind. So kann der Verlust von Kompetenzen zu Selbstwertkonflikten führen oder solche verstärken aus Angst, dem eigenen Ideal und den Forderungen Anderer nicht mehr gerecht werden zu können. Wenn aber abgewehrte Ambivalenzkonflikte anerkannt und durchgearbeitet werden, können blockierte Trauerprozesse wieder in Fluss kommen und Entwicklungschancen sich auftun. Die heute betonten Freiheiten und Möglichkeiten der Altersphase bergen Konfliktpotentiale, etwa Loyalitäts- und Überichkonflikte, die beim Verlassen tradierter Erwartungen und Wege in der eigenen Lebensgestaltung auftreten.
    Die Psychoanalyse hat auf das Unbewusste überhaupt und auf unbewusste Konflikte in jedem Lebensalter aufmerksam gemacht. Unbewusste Konflikte sind einmal begründet durch die prinzipielle Unvereinbarkeit von Lust- und Realitätsprinzip. Ihre individuelle Ausgestaltung entsteht in der Kindheit, wenn aufkommende Triebregungen und Wünsche aufgrund von Reaktionen der Umwelt abgewehrt werden. So etwas geschieht, wenn z.B. nach einem rigorosen Plan gefüttert und dabei der eigene Rhythmus des Säuglings übergangen wird oder wenn eine aggressive Selbstbehauptung aufgrund von Ängsten oder Normvorstellungen der Eltern verboten wird. Solche Impulse werden dann nicht integriert und die damit verbundenen Wünsche und Affekte werden unbewusst. Angst, Hemmungen und anderen Symptomen kommen dann auf, wenn später die Befriedigung solcher Wünsche erlaubt ist. So wird das Verständnis von Triebkonflikten in den Kontext der Entwicklung der Objektbeziehungen gestellt. Konflikte sind aus psychoanalytischer Sicht ein zentrales Agens der psychischen Entwicklung, sie werden im Laufe des Lebens immer dann erneut durchgearbeitet, wenn bedeutsame Lebensereignisse neue Erfahrungen notwendig machen. Pathogene Auswirkungen entfalten sie, wenn das Ich in seiner Bezogenheit auf andere und in seiner Einbettung in die Umwelt sie nicht integrieren oder bewältigen kann.
    Ältere und alte Menschen können vielfältige Konflikte haben, bewusste und unbewusste, innere mit sich selbst, äußere mit der Umwelt, akute wie solche, die früh verinnerlicht wurden und sich in beeinträchtigenden Wiederholungsmustern oder verfestigten Charakterhaltungen zeigen. Eine allgemeine Tendenz zum Nachlassen von Konflikten im Alter ist fraglich. Im Einzelfall hängt dies von vielen Faktoren ab, welche Konflikte gemildert werden und welche bestehen bleiben oder sich verstärken. Rivalitäts- und Neidkonflikte finden sich zwischen Geschwistern, Paaren und den Generationen. Triebkonflikte bleiben auch im Alter bestehen oder nehmen vielleicht noch zu, wenn eine Triebbefriedigung sich weniger realisieren lässt. Außerdem treten narzisstische Konflikte mehr in den Vordergrund, wenn die Gefahr droht, abhängig zu werden. Diese Erkenntnis war der Anlass, die Bedeutung von Konflikten und Konfliktschicksalen zum Thema des 18. Kasseler Symposiums 2006 zu machen. Eine Reihe der Vorträge liegen hier in überarbeiteter Form vor.
     Verinnerlichte, unbewusste Konflikte führen insbesondere dann zur Freisetzung von Angst, wenn die bisherigen Abwehrmodi nicht mehr ausreichen oder nicht mehr ›greifen‹, weil entweder die Fähigkeiten des Ichs beeinträchtigt sind oder die Beziehungen und Umwelteinflüsse sich verändern. Entstehende Symptome, wie psychosomatische Störungen, dienen der Bindung von Angst und von anderen Affekten.
    Durch altersbedingte Veränderungen können verinnerlichte Konflikte erneut oder auch erstmals im Alter derart aktualisiert werden, so dass Krankheiten entstehen. Solche Entwicklungen werden in den Arbeiten von Kipp, Bergstein und Jüttemann-Lembke, Imhorst und von der Stein beschrieben. Im jungen und mittleren Lebensalter stehen zumeist Ressourcen, Befriedigungs- und Kompensationsmöglichkeiten zur Verfügung, die die verinnerlichten Konflikte entschärfen. Johannes Kipp geht von Parins Konzept der Anpassung an soziale oder berufliche Rollen aus und diskutiert deren kompensatorische Funktion im Vergleich zu Coping und Reszilienz. Das Ende der Berufstätigkeit und der Wegfall der Berufsrollen können alte Konflikte verschärfen und zur Dekompensation führen. Veronika Bergstein und Amelie Jüttemann-Lembke stellen anhand prototypischer Fälle die Konfliktschicksale von Autonomie-Abhängigkeitskonflikten bei Frauen dar, die erst im dritten Lebensalter erkrankten und Hilfe suchten. Aufgrund altruistischer Abtretungen und pseudo-autonomer Abwehrmodi waren sie zuvor psychisch stabil und konnten ein erfolgreiches Leben führen. Elisabeth Imhorst rekonstruiert die Geschichte und die Konfliktschicksale eines 66-jährigen Mannes, der nach mehreren Psychotherapieversuchen wegen seiner schweren, chronischen Depression eine Analyse begann. Regression und Vermüllung im Alter setzten bei ihm ein, nachdem er wichtige Beziehungspersonen und Lebensbereiche verloren hatte. Auch Patienten mit Persönlichkeitsstörungen entwickeln unter dem Druck von Verlusten im Alter oft erstmals Krankheitssymptome. Persönlichkeitsstörungen entstehen aus früh verinnerlichten Konfliktschicksalen. Bertram von der Stein arbeitet heraus, dass diese im Alter oft nicht erkannt werden und dass auch eine späte Bearbeitung früher Konflikte sinnvoll ist.
    Warum unintegrierte und erneut aktualisierte Konflikte im Alter bei Frauen vermehrt in funktionellen Körpersymptomen Ausdruck finden können, wird in meinem Beitrag diskutiert. Der Körper wird als Konfliktpartner aufgefasst, weil er lebenslang auch bei alters- oder krankheitsbedingten Veränderungen als Ausdrucksorgan nicht integrierter psychischer Konflikte, Affekte und seelischer Schmerzen dient. Der psychotherapeutische bzw. psychoanalytische Umgang mit dem Körperlichen ist behandlungstechnisch häufig komplexer und bedrängender als in Therapien mit Jüngeren; Konzepte, die nützlich sind, um die Mehrschichtigkeit der körperlichen Mitteilungen in ihrer Konflikthaftigkeit zu verstehen, werden diskutiert.
    Schließlich greift Meinolf Peters in seinem Beitrag narzisstische und Schamkonflikte auf. Ausgehend von dem Theaterstück Die Stühle von E. Ionescu wird die Schamproblematik im Alter an zwei klinischen Fällen beleuchtet. Am Ende wird die Frage nach der Möglichkeit eines reifen Narzissmus im Alter aufgeworfen.
    Zwei freie Arbeiten beleuchten Konflikte und Konfliktverarbeitung aus einer anderen Perspektive. Ulla Hetemann berichtet über ein Verfahren, das sie als Kunsttherapeutin in einer gerontopsychiatrischen Klinik zur Behandlung von Patientinnen entwickelte, die in der Folge von Trennungs- und Verlusterlebnissen depressiv geworden waren. Helmut Luft untersucht die Altersbilder bei Shakespeare, der in mehreren Dramen alte Menschen als Protagonisten dargestellt hatte. Dabei wird deutlich, dass viele Alterskonflikte zeitlos sind, so dass die Beschäftigung mit Shakespeares Dramen auch unter diesem Blickwinkel heute noch spannend ist.
    Menschen sind auch im Alter durch psychischer Konflikte und Konfliktschicksale geprägt; Konflikte regen einerseits psychische Entwicklungen an und können aber auch pathogene Kräfte entfalten. Das vorliegende Themenheft soll dazu anregen, sich mit dieser Dynamik, die lebenslang erhalten bleibt, auseinanderzusetzen.

Literatur

Noëlle Châtelet (2001) Die Klatschmohnfrau. Kiepenheuer & Witsch, Köln (Link)