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20.11.2017 : 21:54 : +0100

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Für alle im Altersbereich Tätigen stellt sich die Aufgabe, historisch zu denken!

Die Beiträge dieses Heftes verdeutlichen, dass viele der heute über 60-Jährigen schwerwiegende und oft traumatisierende Erfahrungen erleben und durchleiden mussten. Gleichzeitig fordern die Artikel dazu auf, unseren eigenen Wissens- und Erfahrungsstand zu überdenken.Der Begriff Trauma wird derzeit in auffallend unterschiedlicher Bedeutung insgesamt inflationär benutzt. Er wird auf sexuellen Missbrauch, Geburts-, Belastungs- und Kriegstraumen sowie auf Traumen durch Entzug von Kontakt und sinnlicher Wahrnehmung (Deprivation) bezogen. Häufig werden Traumafolgen nicht klar von anderen pathogenen Ursachen, schwerwiegenden Frustrationen oder anhaltendem pathologischen psychischen Stress unterschieden. Weiterhin ist eine Differenzierung zwischen dem Prozess der Traumatisierung, dem traumatischen Zustand und den bleibenden pathologischen Veränderungen notwendig.
    Generell ist »das Trauma ein Konzept, das ein äußeres Ereignis mit dessen spezifischen Folgen für die innere psychische Realität verknüpft« (Fischer u. Riedesser 1998).
    Aus psychoanalytischer Perspektive stellt ein psychisches Trauma ein Ereignis dar, »das die Fähigkeit des Ichs, für ein minimales Gefühl der Sicherheit und integrativen Vollständigkeit zu sorgen, abrupt überwältigt und zu einer überwältigenden Angst oder Hilflosigkeit oder dazu führt, dass diese droht und es bewirkt eine dauerhafte Veränderung der psychischen Organisation« (Cooper 1986, S. 44). Die Reaktionen des Ichs kommen zu spät, sie erfolgen nicht als Antwort auf eine drohende Gefahr, sondern nachdem die schreckliche Realität eintrat und das Ich ihr passiv ausgeliefert war. Dabei ist der zentrale Faktor die erlebte Hilflosigkeit. Durch sie ist es für das Ich unmöglich, das traumatische Erleben seelisch zu integrieren (Überblick bei Bohleber 2000). Eine weitere zentrale anhaltende Wirkung besteht darin, dass das Urvertrauen zerstört wird und sich eine »dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses« (Fischer u. Riedesser 1998, S. 79) ergibt.
    Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, d. h. die Zeit von 1900 bis 1950, gilt inzwischen als die am intensivsten erforschte Phase deutscher und europäischer Geschichte. Die Forschungen bezogen sich zunächst auf die Ereignisse und deren Abläufe, später auf die Täter und deren Schuld und schließlich auf die schrecklichen und langanhaltenden Folgen bei den Opfern. Die derzeitige intensive öffentliche Diskussion – sich artikulierend in der Novelle von Günter Grass Im Krebsgang (2002) und in dem Buch von Jörg Friedrich Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945 (2002) – weist auf eine weitere Dimension hin, nämlich auf die Geschichte durchlebten Leidens. Diese umfasst Erfahrungen zahlreicher Verluste (von Vater/Mutter, Geschwistern, Ehepartnern und weiteren Angehörigen sowie von Haus, Umwelt und Heimat) und brutaler Gewalt in vielfältiger Form. Erst allmählich werden die Erfahrungen dieser Katastrophen und ihre Auswirkungen erkannt und anerkannt – jetzt auch von Seiten der historischen Wissenschaften (Beitrag Reulecke in diesem Heft).
    Die seit 1999 durchgeführten Forschungen (Übersichten bei Radebold 2000, 2003) belegen für die Jahrgänge 1929–1945 langanhaltende psychische, psychosoziale und auch körperliche Folgen. Der körperliche Alterungsprozess bringt erneut die Gefahr mit sich, hilflos ausgeliefert zu sein (Beitrag Heuft). Und damit entsteht die Gefahr der Trauma-Reaktivierung sowie der Re-Traumatisierung.
    Im Gegensatz zu diesen jetzt beginnenden Forschungen bei der Gruppe der nach 1927 geborenen Jahrgänge – also der passiven Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg – wird bisher in der Bundesrepublik über die Folgen des Krieges für die vor 1927 geborenen Jahrgänge – also für die möglichen aktiv Beteiligten und damit die möglichen (Mit)Täter – wenig geforscht. Bei einer Untersuchung von pflegebedürftigen Senioren in Hamburg, die durchschnittlich 81 Jahre alt waren, fand sich ein hoher Anteil fortbestehender Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen, die häufig mit traumatischen Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges assoziiert waren (Teegen u. Cizmic 2003). Erst kürzlich wurde vermutet, dass der hohe Anteil depressiver Symptomatik bei Untersuchungen in München und Berlin im Vergleich zu anderen europäischen Städten »auf die anhaltenden Folgen des 2. Weltkrieges zurückzuführen sein könne« (Copeland et al. 2004, S. 47).
    Die durchlebten schrecklichen Ereignisse und Verluste haben nicht generell zu einer noch bis heute anhaltenden Traumatisierung geführt. Auch damals gab es positive, beschützende (protektive) Einflüsse wie stabile Mutter-Kind-Beziehungen, Ersatzväter und heile Großfamilien-Situationen sowie aktive Bewältigungs- bzw. Coping-Mechanismen. Vieles konnte auch im weiteren Leben durch stabile, Sicherheit gebende Partnerschaften ausgeglichen werden.
    Leider kam es auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu politisch bedingten traumatisierenden Erfahrungen wie in der ehemaligen DDR (Beitrag Trobisch-Luetge). Zahlreiche Migranten aus dem Balkan und aus Asien und Afrika haben häufig noch schlimmere traumatisierende Erfahrungen gemacht. Weiterhin entsteht auch die Frage, ob nicht Ältere, die hilfebedürftig geworden sind, durch Formen vielfältiger Gewalt traumatisiert werden (siehe Beitrag Hirsch).
    Generell stellt sich für alle im Altersbereich tätigen Berufsgruppen die Aufgabe, historisch zu denken. Zusätzlich zur psycho-bio-sozialen Perspektive ist eine psycho-historische Sichtweise notwendig. Aus dieser Sichtweise ergibt sich ein neues Konzept des Verstehens, das in folgenden Schritten erarbeitet werden kann:

  • Erkunden möglicher traumatisierender Ereignisse: Geburtsorte sollten hinsichtlich ihrer historischen Bedeutung reflektiert werden. Bei der Erwähnung bestimmter Ereignisse ist gezielt nachzufragen. Häufig kommen spezifische Hinweise erst bei einer länger bestehenden, verlässlichen Beziehung zum Vorschein.
  • Differenzieren: Die Zugehörigkeit zu bestimmten Geburtsjahrgängen gibt Hinweise, welche Erfahrungen gemacht werden konnten und welche Verluste eingetreten sein könnten. Hier sind dann nach den Auswirkungen auf die weitere Persönlichkeitsentwicklung auch unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu suchen.
  • Anerkennen: Die betroffenen damaligen Kinder und Jugendlichen der Jahrgänge 1927–1945 haben schreckliche Erfahrungen durchlebt, an denen sie nicht schuld waren.
  • Annehmen: Es ist wichtig, die so Betroffenen mit ihrer Lebensgeschichte, ihren möglicherweise verstörenden Erlebnissen und insbesondere mit den damit verbundenen Gefühlen von Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit und Verlorensein ernst zu nehmen. (Übernahme einer Holding- und Container-Funktion). Möglicherweise kann erst jetzt – nach so vielen Jahren – Trauer sowohl bei Frauen als auch bei Männern zugelassen werden!
  • Verknüpfen: Eine Klärung des Zusammenhangs zwischen den damaligen spezifischen Erfahrungen und den heutigen Symptomen bzw. der heutigen Lebenssituation ist notwendig. Das Angebot einer derartigen Sichtweise kann auf die langanhaltenden Folgen damaliger Ereignisse entlastend wirken.
  • Gemeinsam suchen: Die (psycho-)therapeutischen Hilfsmöglichkeiten, die stabilisieren und Sicherheit geben, sind durch gemeinsame Reflexion hinsichtlich der aktuellen Lebenssituation auszuwählen.

    Inzwischen stehen für traumatisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene im jüngeren und mittleren Alter zahlreiche psychotherapeutische Konzepte und erprobte Hilfsmöglichkeiten zur Verfügung. Die weiteren Beiträge dieses Heftes belegen, dass diese Konzepte selbstverständlich auch bei über 60Jährigen wirksam genutzt werden können. In ihnen sind unterschiedliche Zugangswege (Beitrag Maercker u. Müller) und unterschiedliche Aufgabenstellungen ( für Holocaust-Angehörige: Beitrag Tauber u.Vyssoki; für DDR-Traumatisierte: Beitrag Trobisch-Luetge; für sexuell traumatisierte ältere Frauen: Beitrag Böhmer und aktuell Traumatisierte: Beitrag Burgmer u. Heuft) dargestellt. Außerdem stehen insbesondere in Krisensituationen stationäre Behandlungsmöglichkeiten (Beitrag Reddemann) zur Verfügung.
    Das Wissen über das Ausmaß und die Folgen der bei älteren Menschen anzutreffenden Traumatisierung kann uns möglicherweise dabei helfen, die unbewusste intergenerationelle Weitergabe bestimmter psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten an die nächste Generation, also an die Kinder der Kriegskinder zu verstehen. Ein vermuteter derartiger Zusammenhang muss allerdings sehr sorgfältig abgeklärt werden.
    Die Einführung der psycho-historischen Perspektive bringt für die professionell im altersbereich Tätigen zusätzlich die Aufgabe mit sich, ihre politische und auch moralische Einstellung gegnüber den ehtue über 60-Jährigen zu reflektieren. Nur, wenn nicht mehr -  wie lange Zeit – nur vorwurfsvoll gefragt wird: »Was habt ihr damals gedacht und getan?«, sondern auch: »Was habt ihr erlebt und erlitten?« wird ein anderer Zugang möglich. 

Hartmut Radebold    

Literatur   
Bohleber W (2000) Die Entwicklung der Traumatheorie in der Psychoanalyse. Psyche 54: 797–839.
Cooper A (1986) Toward a limited definition of psychic trauma. In: Rothstein A (Hg) The Reconstruction of Trauma. Its Significance in Clinical Work. Madison (IUP), S. 41–56.
Copeland J et al (2004) Depression among older people in Europe: The EURODEP studies. World Psychiatry 3:45–49.
Fischer G, Riedesser P (1998) Lehrbuch der Psychotraumatologie. München (Reinhardt).
Radebold H (2001) Abwesende Väter – Folgen der Kriegskindheit in Psychoanalysen. 2. Aufl., Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Radebold H (Hg.) (2003) Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. Psychosozial 26:1–101.
Teegen F & Cizmic L–D (2003) Traumatische Lebenserfahrungen und heutige Belastungsstörungen pflegebedürftiger alter Menschen. Z. Gerontopsychol Gerontopsychiat 16:77–91.    

Korrespondenzadresse   
Universitätsprofessor Dr. Hartmut Radebold
Habichtswalder Str. 19
34119 Kassel