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20.11.2017 : 22:00 : +0100

Archiv

Im Atemhaus wohnen
eine Menschenblumenzeit.

                                     Rose Ausländer

Altwerden in Heim und Welt

Wohnen im Alter? Soll man diesem Thema wirklich einen Beitrag, gar ein ganzes Themenheft widmen? Braucht es das noch angesichts all der einschlägigen gerontologischen Forschung und der davon abgeleiteten Normen, Konzepte und Empfehlungen für das »richtige Wohnen im Alter«? Längst haben die Stadtplaner hier ein weiteres Tätigkeitsfeld entdeckt, Bauherrn, Handwerker und Kapitalanleger einen vielversprechenden Markt erschlossen. Vor allem aber definieren die Älteren mit Selbstbewusstsein und mitunter viel Einsatz an Kreativität und Kapital ihre Wohnwünsche und schrecken trotz des althergebrachten Spruchs vom »alten Baum, den man nicht verpflanzt«, nicht vor Veränderungen zurück.

PiA ist weder Fachzeitschrift für Seniorenimmobilien noch Informationsblatt für Umzugsinteressierte. Entsprechend geht es in diesem Heft nicht um Regeln und Tipps für das altersgerechte Wohnen, sondern um die Erkundung der psychischen Phänomene, die das existenzielle Bedürfnis nach Wohnung begleiten. Uns Herausgeberinnen verlangte dieser Anspruch dann allerdings neben einem gewissen Spürsinn einige Überzeugungskraft ab, bis sie Vertretern der therapeutisch-helfenden Berufe das Thema als eines bewusst gemacht hatten, das ihr Tätigkeitsfeld durchaus berührt. Diese Zurückhaltung mag indes eher Folge der Semantik denn des Desinteresses gewesen sein, ist doch das »Wohnen« so eng mit dem »Leben« verknüpft, dass beides in der therapeutischen Praxis verschmilzt und das »Wohnen« als scheinbar nachrangiges Sujet aus der Wahrnehmung verschwindet. (Immerhin warb ein großes Möbelhaus jahrelang für seine Produkte mit der Suggestivfrage: »Wohnst du noch oder lebst du schon?«)
   Umso mehr freuen wir uns, dass es gelungen ist, in diesem Heft Beiträge zusammenzustellen, die das Wohnen aus unterschiedlichen Facetten beleuchten. Im einführenden Beitrag fragen Angelika Trilling und Birgit Jansen nach anthropologischen Konstanten, zeitgeschichtlichen Aspekten und psychiatrisch relevanten Dimensionen des Wohnens im unauflöslich dialektischen Spannungsverhältnis von »Heim und Welt« (Andritzky 1999).
   Aus der Fülle der Daten hat Christina Kühnemund zusammengetragen, was näher Auskunft darüber gibt, wie die Menschen im Alter wohnen und wie breit das Spektrum der sich ihnen bietenden Wohnalternativen inzwischen ist. Reden wir vom »Wohnen«, geht es auch um das Umfeld, in dem dieses Wohnen stattfindet. Entsprechend thematisiert der Stadtplaner Christian Kopetzki die Verwerfungen, die sich bundesweit aufgrund des demografischen Wandels ergeben und die dem Einzelnen wie der (kommunalen) Politik neben Kreativität einigen Entscheidungsmut abverlangen.
   Die praxisbezogenen Darstellungen stellen dann auf die eine oder andere Weise die sich mit dem Älterwerden aufdrängende Frage nach dem »Bleiben oder Gehen«. Birgit Jansen hat hierfür rechtliche Betreuer über ihre oft heikle Rolle bei der Wohnungsauflösung und die Gefühle, die für sie selbst damit verbunden sind, sprechen lassen. Boris Mitric schildert, wie er bei der Behandlung eines bosnischen Kriegsflüchtlings gezielt die gemeinsamen kulturellen Wurzeln und sein Wissen um die historischen Verwerfungen des Balkans als Ressource nutzte, bis der Patient schließlich in der Lage war, die sich ihm mit der Berentung aufdrängende Frage nach seiner zukünftigen »Beheimatung« zu klären.
   Im Gespräch mit Angelika Trilling rekonstruieren ein Psychotherapeut und seine Patientin eine mehrjährige Behandlung, bei der die Suche nach der richtigen Wohnform den roten Faden für die Reflexion von Lebensgeschichte und aktuellen Krisen bildet.

Anhand der eindrucksvollen Schilderungen einer Tochter vom Umzug ihrer Mutter in ein Seniorenstift und der Rolle, die sie selbst dabei übernahm, arbeiten Birgit Jansen und Angelika Trilling die Potenziale heraus, die diese recht typische Aufgabe des mittleren Erwachsenenlebens für die Selbstvergewisserung und Entwicklung der nächsten Generationen birgt.
   Als Institution präsentiert Alfred Hoffmann das ursprünglich in England aus Bürgerengagement entstandene Wohnkonzept »Abbeyfield« und die mühseligen Versuche, es auch in Deutschland umzusetzen.
Besondere Aufmerksamkeit wünschen wir dem Fotobook »Ein Leben« von Knut Wolfgang Maron und dem daraus entnommenen Titelbild. Auf einfühlsame Weise kommentiert der renommierte Fotokünstler, was vom Wohnen bleibt, wenn die Bewohner nicht mehr sind. Bertram von der Stein hat das Buch in seinem Beitrag zum Titelbild besprochen.

Inzwischen hat der Topos des Wohnens durch die vielen Hunderttausende von Menschen, die gegenwärtig und wohl bis auf Weiteres nach Europa – und gerne auch nach Deutschland – kommen, an dramatischer Aktualität gewonnen, an einer Aktualität, die zum Zeitpunkt der Konzeptionierung des Heftes und den Wochen, in denen unsere Autoren die Beiträge verfassten, nicht zu erahnen war. Inzwischen lässt sich erkennen: Diese Menschen, die der schieren Gefahr für Leib und Leben oder auch »nur« dem wirtschaftlichen Elend im Heimatland zu entkommen suchen, werden auch für das Wohnen im Alter neue Perspektiven »zwischen Heim und Welt« eröffnen – wenn nicht erzwingen. Beispielhaft hierfür ist das alte Paar, das in seinem groß und leer gewordenen Haus anstelle der längst ausgezogenen Kinder einem syrischen Flüchtling Obdach gibt.