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23.9.2017 : 3:55 : +0200

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Sehen im Alter

 
Ein prominentes Thema nicht nur in Kunst und Literatur

Sehen im Alter ist ein prominentes Thema, könnte man meinen. Denn betrachtet man das Phänomen Sehverlust im Alter in seiner kunst-und literaturwissenschaftlichen Rezeption, entsteht der Eindruck eines vielschichtigen Themas, von dem Einiges ausgeht.
   In der Kunstgeschichte haben altersbedingte Augenerkrankungen berühmter Maler uns neuartige Sichtweisen eröffnet. So veranschaulicht ein viel zitierter Artikel von Marmor (2006) mithilfe von Computerprogrammen, wie die bekannten Impressionisten Monet und Degas ihre späten Bilder vermutlich selbst wahrgenommen haben. Dabei stellt sich die Frage, ob die Künstler beabsichtigten, dass ihre späten Bilder aussahen, wie sie lange Zeit rezipiert wurden. Marmors Animationen des Gesichtsfelds von Monet belegen eindrücklich, dass seine späten Bilder der »Japanischen Brücke« nicht etwa Anfänge der abstrakten Malerei darstellen, sondern vor allem dem auf beiden Augen stark vorangeschrittenen Glaukom des bekannten Impressionisten geschuldet sind. Ja gar die schiere Existenz der Bilder sei eher den Freunden und Anverwandten Monets zu verdanken. Denn der Künstler selbst hat viele seiner Bilder, die kurz vor seiner Kataraktoperation entstanden, zerstört. Nachdem sich Monet 1923 am Auge hatte operieren lassen, kehrte er wieder zu seinem ursprünglichen Malstil zurück. Beides deutet darauf hin, dass etwa die Farbgebung dieser vor 1923 entstandenen Werke nicht einer künstlerischen Absicht entsprungen ist, sondern dem veränderten Sehvermögen. Degas hingegen litt etwa ab den 1880er Jahren an einer fortschreitenden Netzhauterkrankung. Während dieser Zeit wurde sein Malstil immer gröber. Demnach konnte Degas Schattierungen und Farbkontraste nicht mehr gut erkennen, seine Bilder wurden mit der Zeit immer verschwommener. Nach seiner Erblindung im Jahr 1889 hörte Degas ganz mit dem Malen auf und widmete sich der Bildhauerei (ebd.).
   Anders stellt sich das Phänomen Alter und Sehbehinderung in der Belletristik dar. Hier wird es von Autoren als eine Art Stilmittel genutzt, indem Protagonisten mit einer Sehbehinderung »ausgestattet« werden. Sowohl im Roman Was ich liebte von Siri Hustvedt (2002) als auch im Roman Ich und Kaminski von Daniel Kehlmann (2003) leiden die Protagonisten an altersbedingter Makuladegeneration. Der Roman von Hustvedt ist nach Michael Naumanns Rezension in der Wochenzeitung Die Zeit ein »gebildeter und kunstvoll konstruierter, mithin altmodischer – oder heißt es nicht besser: klassischer? – Künstler-Roman, der vom Gestalten und Sehen erzählt, von den heimlichen Verwandlungen, die uns der Anblick mancher Bilder zufügt, aber auch von der Fremde, die sich langsam, aber unaufhaltsam in Freundschaft und Ehe drängt. Und schließlich erzählt er von Verlassenheit, Erblindung und dem Skandal des Todes« (Naumann 2003). Die Augenerkrankung des Protagonisten Leo Hertzberg, eines emeritierten Kunsthistorikers, wird hier als Metapher eingesetzt, um den Plot des Romans als Geschichte des Verlustes und der Trauer zu verstärken. »Denn für einen Kunsthistoriker, dessen Geschäft das genaue Wahrnehmen ist, bedeutet der Verlust des Sehens einen besonders bitteren Verlust. Die Relativität der Perspektive ist dem Kunstgeschichtler durchaus vertraut. Er weiß, daß ›Sehen fließend‹ und ›nichts je klar‹ ist, und will doch wenigstens Überblick über das eigenen Leben gewinnen« (Magenau 2003). Anders verhält es sich in Kehlmanns Roman. Wiederum wird die Verbindung Kunst und Sehverlust für den Plot benutzt, ist doch Manuel Kaminski ein alternder Maler, der dadurch Berühmtheit erlangte, dass er beim Malen seiner letzten Bilder bereits infolge einer Makuladegeneration angeblich blind gewesen sei. Soträgt eines seiner bekanntesten Bilder die Bildunterschrift »painted by a blind man«. Der erfolglose, junge Kunstkritiker Sebastian Zöllner beabsichtigt zu Beginn des Romans, eine Biografie über den seit 25 Jahren zurückgezogen lebenden und greisen Maler Manuel Kaminski zu schreiben, die er kurz nach dessen Tod veröffentlichen will, um von dem vermutlich für kurze Zeit neu auflebenden Interesse an dem Künstler zu profitieren. Allerdings geht seine Rechnung nicht auf, und anders als geplant profitiert vielmehr Kaminski seinerseits vom aufkeimenden Interesse des Kritikers, indem er ihn benutzt, um letzte Lebensprojekte zu realisieren. Der als Satire auf den Kunstbetrieb angelegte Roman spielt im Spannungsverhältnis wechselseitiger Manipulationen dabei immer mit der Frage, ob Kaminski nun wirklich blind sei oder nicht. Somit wird die Sehbehinderung als Stilmittel benutzt, um die Geschichte gegenseitiger Manipulation am Leben zu erhalten.
   Was allerdings bei dieser künstlerischen Auseinandersetzung, also dem willentlichen oder unwillentlichen Einsatz von Stilmitteln, nicht auftaucht, ist die reale Häufung des Phänomens Sehverlust im Alter und die Folgen, die es für Individuen und Institutionen hat. Der Alltag mit Sehbehinderung im Alter ist somit als weniger prominent zu kennzeichnen.
   Nicht nur der individuelle Alltag mit Sehverlust ist wenig prominent, es stellt sich zudem die Frage, inwiefern Sehverlust und Alter ein Thema professioneller Debatten ist. Aus meiner Beobachtung und Arbeit mit dem Thema in den letzten zehn Jahren möchte ich behaupten, das Thema hat es schwer. Betrachtet man gerontologische, sehbehindertenspezifische Tagungen im nationalen sowie internationalen Kontext, zeigt sich, dass Sehen im Alter ein beständiges, aber kleines Thema darstellt. Es ist disziplinär schwer einzuordnen, da es per se ein interdisziplinäres Thema darstellt, an dem Augenmediziner, Gerontologen, Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, Institutionen der Blinden- und Sehbehindertenhilfe und der Selbsthilfe mit je unterschiedlichen Interessenlagen und Schwerpunktsetzungen zur Zusammenarbeit aufgerufen sind. Ähnlich verhält – oder treffender: verhielt – es sich im Bereich praxisbezogener sehbehindertenspezifischer Vereinigungen und Organisationen der Selbsthilfeverbände, der Blindenpädagogen und Fachverbände im Bereich Orthoptistik und Optik. Versorgungspfade, Hilfsmittelversorgung und Beratungsangebote waren eingestellt und abgestimmt auf Geburtsblinde und Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung, die zumindest das Berufsleben mit der Beeinträchtigung verbracht haben. Das Thema Sehbehinderung und Alter gewinnt erst mit der gehäuften Diagnosestellung und den zwar hoffnungsvollen, aber limitierten Behandlungsmöglichkeiten der altersbedingten Makuladegeneration an Fahrt. Zuvor schien schlechtes Sehen im Alter ein gemeinhin akzeptiertes Altersphänomen darzustellen. Dies berichten mir in zahlreichen Interviews selbst Betroffene, die das schlechte Sehen der eigenen Eltern schlicht auf das Alter zurückführten und sich nun fragen, ob deren Sehbeeinträchtigung nicht dieselbe Ursache habe wie nun die eigene.
   Seit circa fünf Jahren nehme ich eine Verstärkung der Aktivitäten im Bereich der Beratungslandschaft wahr. Vermehrt nehmen sich sehbehindertenspezifische Institutionen vom regionalen Blindenverband oder einzelnen Stiftungen bis hin zum nun gestarteten bundesweiten Aktionsbündnis »Sehen im Alter« dem Thema an. Neuartig ist hier der Schulterschluss von Organisationen und Einrichtungen zu Sehbehinderung und Blindheit sowie der Seniorenhilfe. Denn auch die Strukturen der Seniorenhilfe öffnen sich erst langsam für das Thema Sehen im Alter, bislang waren andere Themen wichtiger und dringlicher. Betrachtet man diese Entwicklung, wäre sicherlich viel von der Dynamik im Bereich der Beschäftigung mit Demenzen zu lernen. Dabei denke ich gleichermaßen an das Verfügbarmachen, Organisieren und Aufbauen von Beratungsleistungen als auch an die zunehmende gesellschaftliche Durchdringung des Themas beispielsweise durch mediale Debatten. Das Thema Altern und Sehbehinderung wird also langsam prominenter. Grund genug, dazu ein Themenheft herauszugeben. Aber auch viele inhaltliche Gründe sprechen dafür: Sehbehinderung im Alter als Beratungsthema befindet sich derzeit in einem spannenden Prozess. Welche Beratungsangebote (Information, Bewältigungshilfe und emotionale Verarbeitung, Schulen von Kompetenzen, technische und sehbehindertenspezifische Hilfsmittel) sollen angestrebt werden? Wie sollen und können sie regional und überregional verfügbar gemacht werden? Wie soll die Vernetzung der sehbehindertenspezifischen und der seniorenspezifischen Angebotsformen miteinander vernetzt werden? Als Beratungsthema kann Sehbeeinträchtigung im Alter auch exemplarisch gesehen werden: Fragen der Verarbeitung eines Sehverlustes, des Erlernen des emotionalen und behavioralen Umgangs könnten auf andere, ähnlich gelagerte Beratungsthemen des »akzelerierten Alterns« (Wahl) übertragen werden. Somit können auch die hier im Heft vorgestellten Interventionsansätze dahingehend reflektiert werden, inwiefern sie für andere Beratungsthemen im Alter Gültigkeit besitzen können. Neben den hier vorgestellten Interventionen will dieses Heft aber auch Hintergrundwissen liefern und facettenreich da sThema Sehbehinderung im Alter diskutieren, um auch für Therapeuten und Berater Grundlagen zu legen, wenn sie dem Thema willentlich oder zufällig in ihrer Praxis begegnen. Es geht also nicht um Stilmittel wie in der Literatur und der Kunst, sondern um »Beratungsmittel« zum Sehverlust im Alter.

Literatur

Hustvedt S (2002) Was ich liebte. Reinbek (Rowohlt).
Kehlmann D (2003) Ich und Kaminski. Frankfurt/M. (Suhrkamp).
Marmor MF (2006) Ophthalmology and Art: Simulation of Monet’s Cataracts and Degas’ Retinal Disease. Archives of Ophthalmology 124, 1764–1769.
Naumann M (2003) Die Liebe vergeht, heimlich siegt die Trauer. Siri Hustvedt schreibt den großen New-York-Roman. DIE ZEIT 4/2003.
Magenau J (2003) Ich bin, weil du bist. In ihrem neuen Roman will Siri Hustvedt von der Kunst ins Leben. Frankfurter Allgemeine Zeitung 21, 25.01.2003, 46.