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19.9.2017 : 17:23 : +0200

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Cornelia Burgert:

»Frauengesundheit in eigener Hand«

Die Arbeit des Feministischen Frauen Gesundheits Zentrums e.V. Berlin (FFGZ)

Heute gibt es 17 Frauengesundheitszentren in Deutschland. Dazu zählt auch das erste und älteste Feministische Frauen Gesundheits Zentrum, das 1974 in Berlin gegründet wurde. Die Gründerinnen gehörten der Frauengesundheitsbewegung an, die Anfang der 1970er Jahre aus der Bewegung für die Straffreiheit der Abtreibung in der Bundesrepublik (§218) hervorgegangen war. Vertreterinnen der Frauengesundheitsbewegung hatten die politische Diskussion angestoßen, dass die Praxis gesundheitlicher Versorgung davon abhängt, wie der gesellschaftliche Kontext von Frauen definiert ist. Herkömmliche Strukturen in Gesellschaft und Medizin wurden infrage gestellt. Dieses führte zu einer Kritik an der Machtposition der Ärzteverbände und der Pharmaindustrie sowie zur Infragestellung der Schulmedizin, insbesondere der Gynäkologie, die damals noch sehr stark männerdominiert war.
   Die Frauengesundheitszentren setzen sich für eine qualitätsgesicherte und frauengerechte Gesundheitsversorgung sowie für gesundheitliche Prävention ein. Sie verstehen sich als professionelle und unabhängige Informations- und Beratungsstellen, die ratsuchende Frauen dabei unterstützen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihren individuellen Weg im Umgang mit Beschwerden und Krankheiten zu finden. Der Bundesverband der Frauengesundheitszentren e.V. fördert neben der verbandsinternen Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit die öffentliche Gesundheitspflege und die gesundheitliche Aufklärung und Bildung für Mädchen und Frauen.
   Vieles von dem, was die Gründerinnen des FFGZ in den 1970er Jahren hart erkämpfen mussten, ist heute scheinbar selbstverständlich geworden. Besonders junge Frauen können kaum noch nachvollziehen, dass der Slogan: »Das Private ist politisch« und die damalige Forderung der Frauen nach dem »Recht auf den eigenen Körper« als Politikum zu verstehen waren.

Zur Gründung und Entwicklung des FFGZ e.V.


Konkreter Anlass für die Gründung des Feministischen Frauen Gesundheits Zentrums im Jahre 1974 war der Besuch zweier US-amerikanischer Frauen im damaligen Westberlin, die über Selbsthilfe im Gesundheitsbereich und über die Möglichkeiten der vaginalen Selbstuntersuchung berichteten. Von Beginn an wurden im FFGZ Veranstaltungen und Kurse zu gesundheitlicher Selbsthilfe angeboten: Frauen tauschten sich über ihre Erfahrungen mit der Menstruation und mit Sexualität und Verhütung aus, sie deckten die Fülle der Normierungen des weiblichen Körpers, die entwürdigenden Abtreibungsbedingungen sowie die Macht der Frauenärzte auf. Sie zeigten, dass das scheinbar Private politisch und Ausdruck der gesellschaftlichen Situation aller Frauen war.
   Von Anfang an war der Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit, auf salutogenetische Aspekte sowie auf Selbsthilfe und Prävention gerichtet. »Frauengesundheit in eigener Hand« lautete schon in den 1980er Jahren ein Motto des FFGZ e.V. Genau diese Themen – Prävention, Gesundheitsförderung und Patientinnenbeteiligung – erleben heute in Zeiten der leeren Kassen und der Ökonomisierung des Gesundheitswesens eine Renaissance.
   Das FFGZ war an zahlreichen gesellschaftskritischen Diskussionen beteiligt bzw. regte diese mit an: über Pränataldiagnostik, ungewollte Kinderlosigkeit und Reproduktionsmedizin mit an sowie über Krebsfrüherkennungsprogramme, fragwürdige medizinische Eingriffe und die Medikalisierung weiblicher Lebensphasen.
   Bei den fragwürdigen medizinischen Eingriffen geht es insbesondere um die Gebärmutterentfernung. Die Debatte darüber begleitet die Frauengesundheitsbewegung von Anfang an. Kritisiert wurde vor allem, dass die Gebärmutter jenseits ihrer Funktion bei Schwangerschaft und Geburt als überflüssiges Organ angesehen wurde. In der Bundesrepublik entfernten Ärzte in den 1970er Jahren immerhin jeder dritten Frau im Laufe ihres Lebens die Gebärmutter (Infratest Gesundheitsforschung, zit. nach Ehret-Wagener et al. 1994). Die Gynäkologin Barbara Ehret-Wagener, die sich seit vielen Jahren vehement für einen kritischen Umgang in Bezug auf die Gebärmutterentfernung engagiert, spricht von einem Hysterektomie-Boom in den siebziger Jahren. Auch heute noch wird in Deutschland jährlich ca. 150.000 Frauen die Gebärmutter entfernt, ein großer Teil dieser Eingriffe gilt als medizinisch nicht notwendig, häufigste Indikation sind Myome, die – wenn überhaupt notwendig – gebärmuttererhaltend entfernt werden könnten. Nach wie vor fehlen Leitlinien für diesen Eingriff.
   Ein Beispiel für die Medikalisierung weiblicher Lebensphasen ist die Hormontherapie in den Wechseljahren. Seit den 1980er Jahren sprach sich das FFGZ gegen die immer mehr in Mode kommende Hormontherapie aus, die in den 1990ern sehr vielen Frauen aus präventiven Gründen für mindestens zehn Jahre von ihren Gynäkologen empfohlen wurde – ohne eindeutige wissenschaftliche Evidenz. Im Jahre 1990 veröffentlichten wir die erste Auflage unserer Wechseljahrebroschüre. Diese hatte damals eine Vorreiterfunktion sowohl in der Kritik an der rasanten Zunahme der Verordnung von Hormonen, als auch bei der Zusammenstellung von Selbsthilfemöglichkeiten als Ergänzung zu den fragwürdigen Praktiken der Medizin.

Aktuelle Themen des FFGZ e.V. – auch Angebote für ältere Frauen

Nach Abbruch der Women’s Health Initiative-Studie in den USA (https://cleo.whi.org/) ist eindeutig klar: Hormone sollten nur bei sehr starken Beschwerden kurzfristig (maximal zwei Jahre) verordnet werden, Alternativen sind zu bevorzugen, denn der gesundheitliche Schaden ist höher als der Nutzen. Seit September 2009 gibt es eine entsprechende Leitlinie (Ortmann u. Lattrich 2012, Schwabe u. Paffrath 2011). Die Verschreibungszahlen sind seit 1999, dem Höchststand, um 70% zurückgegangen. Insbesondere Frauen über 60 nehmen aber Hormone auf ärztliche Verordnung entgegen den Empfehlungen seit vielen Jahren ein. Dabei birgt gerade die Langzeiteinnahme unkalkulierbare Gesundheitsrisiken (https://www.iqwig.de/).
   Ältere Frauen nach den Wechseljahren gelten als Hauptnutzerinnen des Gesundheitssystems. Frauen werden älter als Männer und sind häufiger von chronischen Erkrankungen betroffen. Es wird immer wichtiger, komplizierte Diagnosen und Therapieangebote in die Sprache der Patientinnen zu übersetzen, damit diese sich auf dem recht unübersichtlichen Markt von Angeboten orientieren können. Die Ausgabe 72 unserer Zeitschrift Clio ist ein Themenheft zum Älterwerden: »Was heißt hier alt? Wie Frauen heute älter werden.« Artikel wie »Altern heute«, »Stoffwechsel 60+«, »Wieder Kraft schöpfen«, »Blasenschwäche« und »Osteoporose« greifen wichtige Themen für ältere Frauen auf und informieren über den aktuellen Diskussionsstand.
   Aktuell gilt die besondere Aufmerksamkeit Migrantinnen, arbeitslosen Frauen, älteren und gewaltbetroffenen Frauen, also Zielgruppen, die spezifischen Benachteiligungen und damit größeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Um die Gesundheitschancen benachteiligter Gruppen zu verbessern, wurde das Konzept »Älter werden und Gesundheit – die Patientinnenschulung für ältere, sozial benachteiligte Frauen bzw. Migrantinnen« entwickelt. Im Zentrum steht das Empowerment für Frauen. Die Patientinnenschulung wurde 2007 vom Koordinationsverbund »Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten« als Beispiel guter Praxis und 2009 vom Forum Gesundheitsziele Deutschland ausgezeichnet. Auch die gesundheitlichen Folgen sexueller Gewalt bilden bereits seit 20 Jahren einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit des FFGZ. Das Ziel ist, Defizite öffentlich zu machen und auf eine bessere Versorgung und damit bessere gesundheitliche Situation gewaltbetroffener Frauen hinzuwirken.

Publikationen

Das FFGZ gibt diverse Broschüren und seit 1976 die bereits erwähnte Zeitschrift clio heraus, eine Zeitschrift zum Thema Frauengesundheit. Das Konzept von clio – die Vermittlung frauengesundheitsspezifischer Informationen, der kritische Blick auf medizinische Entwicklungen und Hilfe zur Selbsthilfe – ist bis heute im deutschsprachigen Raum einmalig. Die Ausgabe clio 74 zum Thema »Gendermedizin – neue Antworten auf alte Fragen?« beleuchtet Themen wie Zahngesundheit und Organtransplantation unter dem Gender-Aspekt. Dies ist ein (noch) ungewohnter Blick, der aber Frauen und Männern in der Konsequenz eine bessere Gesundheitsversorgung bringen könnte. Nicht nur die Zeitschrift clio, sondern auch die Broschüren zu den Wechseljahren, zu Endometriose, Schilddrüse, Gebärmutterentfernung und den alternativen Verhütungsmethoden mit Diaphragma und Portiokappe vermitteln Frauen unabhängige, aktuelle und kritische Gesundheitsinformationen, die auch heute in Zeiten des Internets in dieser Bündelung anderswo nicht zu finden sind und Orientierung geben können.

Strukturelle Rahmenbedingungen

Von Beginn an war das FFGZ ein Ort interdisziplinärer Teamarbeit. Die Teammitglieder sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Das Stellenkontingent ist seit vielen Jahren stabil und besteht aus vier Festangestellten und drei Honorarkräften, darunter drei Diplom-Pädagoginnen, eine Diplom-Sozialpädagogin, eine Diplom-Politologin, eine Apothekerin/Biologin und eine Hebamme (für Anpassung von Diaphragma und Portiokappe). Die Klientinnen sind schwerpunktmäßig im gleichen Alter mit einer Streubreite von 18 Jahren bis über 80 Jahre.
   Bis heute sind die Frauengesundheitszentren vielerorts finanziell relativ ungesichert. Die Finanzierung ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich, in der Regel gibt es eine – teils geringfügige – kommunale Förderung, obwohl ihre Bedeutung und ihre wegweisende Rolle für den Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen hin zur mündigen Patientin inzwischen anerkannt sind. Das FFGZ Berlin erhält eine Teilfinanzierung vom Land Berlin, muss aber Eigenmittel erwirtschaften über Honorare, Spenden und den Vertrieb der Publikationen. Für bestimmte Projekte erhält es eine Finanzierung über den Paritätischen Wohlfahrtsverband, in dem es Mitglied ist. Die Patientinnenschulungen werden momentan von der AOK Berlin-Brandenburg finanziert.

Abschließende Bemerkungen

Das Besondere der Arbeit der Frauengesundheitszentren ist ihre Unabhängigkeit von Interessen der Pharmaindustrie und des Medizinbetriebs, die Parteilichkeit für Frauen, der Brückenschlag zur Selbsthilfe und die Anerkennung des Geschlechts als ein wichtiger Faktor von Gesundheit. Im Jahr 2011 verlieh die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) dem Bundesverband der Frauengesundheitszentren e.V. »in Würdigung ihrer wissenschaftlichen und praktischen Verdienste zur Förderung der Frauengesundheit« die Salomon Neumann Medaille. Die DGSMP ehrt mit dieser Medaille größte Verdienste um die Förderung von Wissenschaft und Praxis der Sozialmedizin. Sie wird seit 1986 verliehen, im Jahr 2011 wurden Frauen zum zweiten Mal geehrt. In ihrer Laudatio würdigte die Professorin Ilona Kickbusch die 17 Frauengesundheitszentren in Deutschland, die »sich stets am Schnittpunkt zur Politik bewähren als Vertreterinnen von Fraueninteressen in Gesundheit und Medizin« und erklärte sie zu »Women’s Health Heroes«.
   Der Einfluss der Medizin allgemein und insbesondere der Gynäkologie auf Frauen hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen. Nicht zuletzt dank Frauenbewegung und Frauengesundheitsbewegung können viele Frauen heute zwar freier über ihren Körper, ihre Lebensplanung und ihre Sexualität bestimmen, sie müssen sich aber gleichzeitig mit vielen medizinischen »Interventionen« auseinandersetzen, wofür sie möglichst unabhängige und verständliche Informationen benötigen, um »informierte Entscheidungen« treffen und einen selbstbestimmten Weg einschlagen zu können. Einen Beitrag dazu leisten die Frauengesundheitszentren, die Frauen individuell und ganzheitlich beraten.

Literatur

Ehret-Wagener B, Irene Stratenwerth I, Richter K (Hg) (1994) Gebärmutter – Das überflüssige Organ? Sinn und Unsinn von Unterleibsoperationen. Reinbek (Rowohlt).
Ortmann O, Lattrich C (2012) Therapie von Beschwerden in den Wechseljahren. Dtsch Arztebl Int 109(17): 316–24. DOI: 10.3238.
Schwabe U, Paffrath D (Hg) (2011) Arzneiverordnungs-Report 2011. Heidelberg (Springer) 881ff.
Wechseljahresbroschüre (ISBN: 978-3-930766-15-4) und weitere Ausgaben von clio (ISSN 0933-0747) können über die Korrespondenzadresse oder über den Buchhandel bestellt werden.