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21.11.2017 : 14:33 : +0100

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»Lieb gewonnene Gewohnheiten«

»Ich bin’s halt von Kind auf gewohnt«, sagt Karl Valentin, als er mit dem Kamm einen exakten Scheitel auf der Glatze zieht und immer noch nicht zum Theatergang mit Liesl Karlstadt fertig ist.  

Mit der Ausdrucksweise »lieb gewonnene Gewohnheiten«, werden in der deutschen Sprache alltägliche Abläufe bezeichnet, die mit Wunscherfüllung und stiller Befriedigung einhergehen. Wie können Gewohnheiten lieb gewonnen werden? Es handelt sich um positiv erlebte Handlungsabläufe, die den eigenen Neigungen entsprechen und die im Laufe der Zeit ausgewählt werden. Sie gehen, insbesondere wenn in ihrer Wiederholung störende Elemente eliminiert wurden, allmählich in persönliche Rituale über. Die Ritualisierung der Handlung ermöglicht, dass diese ohne großen Energieaufwand umgesetzt werden kann. Zwar ist die beste Gewähr dafür, ein persönliches Ritual ohne Störung zu vollziehen, dass man allein ist. Jedoch können gerade durch die Ritualisierung des Ablaufs auch Lebenspartner oder Gäste einbezogen werden. Voraussetzung ist jedoch, dass die anderen sich auf die aufgestellten Regeln einlassen.    
    Während lieb gewonnene Gewohnheiten durch ihre Wiederholung immer differenzierter und perfekter in ihrem Handlungsablauf realisiert werden können, treten andere Gewohnheiten, insbesondere solche, die mit Unlust einhergehen, im Laufe des Lebens zurück; sie werden vernachlässigt und damit verlernt und stehen mit zunehmendem Alter nicht mehr zur Verfügung. Menschen schränken sich auf diese Weise unbewusst ein, wenn sie ihren liebgewonnenen Gewohnheiten nachgehen und die anderen vernachlässigen. In der Wiederholung dessen, was befriedigend ist, liegt für sie das Glück! Aber schon in Goethes Faust steht: »Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen.«
    Das Festhalten am lieb Gewordenen hat auch eine andere Seite, die in der Regel nicht bewusst ist. Freud (1921) hat in Jenseits des Lustprinzips den Zusammenhang zwischen Todestrieb und Wiederholungszwang aufgezeigt. Mit dem Begriff Wiederholungszwang bezeichnet er einen unbewussten »Schicksalszwang« und keinen bewusst erlebten Zwang. Bei der Wiederholung von lieb gewonnenen Gewohnheiten besteht auch kein subjektiv erlebter Zwang. Die Befriedigung, die damit einhergeht, führt aber gleichzeitig – das ist die Kehrseite der Medaille – zu Einschränkungen der Lebensmannigfaltigkeit. Es handelt sich dabei um Befriedigungsformen, bei denen sich Menschen meist auf sich selbst zurückziehen und nicht um den Aufbau von neuen Bindungen oder Objektbeziehungen.
    Solche Gewohnheiten haben also durchaus narzisstischen Charakter. Während sich im Aufbau von Bindungen zu Liebesobjekten der libidinöse Trieb manifestiert, kommt es bei der Wiederholung von lieb gewonnenen Gewohnheiten zum Bindungsabbau, den Freud (1940) mit dem Todestrieb gleichsetzt.
    Diese zweideutige Rolle von Wiederholungen und Ritualen ist in ihrer Bedeutung für das Altern bisher viel zu wenig reflektiert worden. Die Beiträge in diesem Heft liefern Material, um unter Einbeziehung gerontologischer, psychologischer und theologischer Gesichtspunkte realistisch darüber nachzudenken.
    Dabei sind die eigenen Gewohnheiten oft so selbstverständlich, dass sie einem gar nicht mehr auffallen. Anlässlich meines 60sten Geburtstags spielten Mitarbeiter von mir in Form eines Sketsches die Visite und mein Visitenverhalten nach. In dem sehr gekonnten Spiel, das Begeisterungsstürme hervorrief, wurde mir ein Spiegel vorgehalten, in dem deutlich wurde, dass viele meiner Gewohnheiten und typischen Verhaltensweisen, die ich eigentlich als nebensächlich erlebe, offensichtlich für die Beziehungen von außerordentlicher Bedeutung sind.
   Auf Gewohnheiten greifen wir bewusst zurück, wenn das sonstige Leben stressig, mühselig und voll von Spannungen ist. Liegt eine Zwangsstörung vor, werden Zwangsrituale eingesetzt, um Angst und Spannung zu vermindern, und dies, obwohl es sich häufig um anstrengende Rituale handelt. Durch die häufige Wiederholung der Zwangshandlungen im Laufe des Alterns – sie können das Leben über Jahrzehnte prägen – verlieren diese, wenn sie nicht zu quälend oder anstrengend sind, allmählich ihren persönlichkeitsfremden Charakter und werden zunehmend Ich-syntoner. Bei älteren Menschen mit hervorstechenden feststehenden Gewohnheiten ist oft nicht mehr deutlich, ob es sich hier um Zwangsrituale oder um erstarrte persönliche Gewohnheiten handelt. In solchen Fällen ist es dann notwendig, genauer die Entstehungsweisen und Auswirkungen solcher Gewohnheiten anzuschauen. In diesem Heft geht es darum, die Entwicklung von Gewohnheiten, Ritualen und Zwängen und ihre zunehmende Verflechtung im Alter zu reflektieren und therapeutische Konsequenzen daraus abzuleiten.

Literatur

Freud S (1921) Jenseits des Lustprinzips. GW XIII.
Freud S (1940) Abriss der Psychoanalyse. GW XVII.