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20.6.2018 : 17:01 : +0200

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Martin Teising: Hartmut Radebold - eine Laudatio

Hartmut Radebold - eine Laudatio

Als einer der Schüler Hartmut Radebolds – und ihm persönlich verbunden – freue ich mich sehr, als Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und zu seinem 75. Geburtstag in diesem Jahr gratulieren zu dürfen. Psychoanalytikern wird oft nachgesagt, sie würden sich in den Elfenbeinturm zurückziehen oder sich hinter der Couch verkriechen. Dir lieber Hartmut wird das Bundesverdienstkreuz verliehen, weil Du als Psychoanalytiker in der Öffentlichkeit zum Wohle der Allgemeinheit segensreich gewirkt hast und die Öffentlichkeit dies zur Kenntnis genommen hat. Ich möchte einige bedeutsame Stationen des öffentlichen Wirkens Hartmut Radebolds nennen:
   Sein öffentliches Wirken begann schon in der Jugendzeit als Pfadfinderführer. Beruflich wurde sein Wirken dann in den frühen 70er Jahren in Ulm sichtbar mit der Entwicklung psychosozialer und sozialtherapeutischer Projekte für ältere Menschen. Der Altentreffpunkt der Städte Ulm/Neu-Ulm, der sich jetzt Generationentreff nennt, existiert heute noch. Aufgrund seiner frühen Erfahrungen in einer Geriatrischen Klinik in Berlin behandelte Hartmut Radebold 1970 in der Abteilung Psychotherapie an der Universität Ulm seine ersten älteren Patienten psychotherapeutisch. Er wurde durch seine psychotherapeutische Arbeit und die damit verbundenen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Nestor der Alterspsychotherapie in Deutschland. Anschließend wurde er 1976 auf den Lehrstuhl für »Klinische Psychologie« am Fachbereich 4 der Universität Kassel berufen.
   Durch sein Engagement für die psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen wurde er bereits 1973 Mitglied der Sachverständigenkommission, die den Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland (Psychiatrie Enquete) erarbeitete. Junge Kollegen können heute kaum mehr ermessen, wie grundlegend die Ergebnisse dieser Enquete die psychiatrische, psychotherapeutische und psychosomatische Versorgung in Deutschland verändert haben. Hartmut Radebold war der einzige Psychoanalytiker in der Enquetekommission, der sich damals, als noch niemand an demografischen Wandel dachte, für gerontopsychiatrische Fragestellungen interessierte. Es ist sein bis heute wirksamer Verdienst, dass in dem Bericht an die Bundesregierung auch die große Gruppe der neurotisch und psychoreaktiv erkrankten älteren Menschen angemessen berücksichtigt wurde. Es wurden gerontopsychiatrische Zentren, Beratungs- und Behandlungsangebote für ältere Menschen und die dazugehörigen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten gefordert.
   Anfang der 1980er Jahre folgte ein Modellprogramm Psychiatrie der Bundesregierung zur Reform der Versorgung im psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Bereich, in dessen Rahmen auch die vorgeschlagenen Institutionen modellhaft umgesetzt und wissenschaftlich untersucht wurden. Wie weit diese Projekte jetzt – fast 30 Jahre später – zum Wohle der Älteren flächendeckend dauerhaft umgesetzt wurden, steht leider auf einem anderen Blatt.
   Ich selbst wurde einer seiner Mitarbeiter im Forschungsprojekt Gerontopsychiatrische Versorgungsforschung, das er im Rahmen des Modellprogramms Psychiatrie der Bundesregierung in Kassel auf die Beine stellte. Wir hatten damals die einmalige Möglichkeit, in einer psychiatrischen Institutsambulanz älteren Patienten spezifische psychotherapeutische Angebote zu machen und die Behandlung forschend zu begleiten. 1978 gründete Hartmut Radebold in Kassel gemeinsam mit anderen die interdisziplinäre Arbeitsgruppe für »Angewandte soziale Gerontologie« an der Universität Kassel, deren langjähriger Sprecher er war. In Kooperation mit Geriatern führte er zur Versorgungsforschung die erste große Schlaganfallstudie durch. Im selben Jahr, 1978, wurde Hartmut Radebold als Lehr- und Kontrollanalytiker der DPV Gründungsmitglied des Alexander Mitscherlich Instituts in Kassel und legte damit gemeinsam mit anderen Psychoanalytikern den Grundstein für die psychoanalytische Weiterbildung Kassel.
   1983 wurde durch seine Initiative in der Universität Kassel der erste akademische Aufbaustudiengang »Soziale Gerontologie« in Deutschland eingerichtet. 1992 gehörte er zu den Gründern der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) und setzte sich im Vorstand dafür ein, dass Psychotherapie von Anfang an als essenzieller Bestandteil der Gerontopsychiatrie verstanden wurde. Er achtete auch sehr darauf, dass Psychotherapie in der wissenschaftlichen Fachgesellschaft entsprechend gefördert und repräsentiert wurde. Er hat erfolgreich dafür gekämpft, dass die Psychotherapie zu einem festen Bestandteil der Gerontopsychiatrie in Deutschland geworden ist. So war Hartmut Radebold 1995 auch Tagungspräsident und Programmgestalter einer der ersten Tagungen der DGGPP in Kassel zum Thema Depression und Herausgeber des hervorragenden Tagungsbandes. Außerdem setzte er sich für die Gründung einer Akademie für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie ein, die heute von der DGGPP getragen wird.
   Aus solchen Aktivitäten ging die Arbeitsgruppe »Psychoanalyse und Altern« hervor, in der wir seit über 20 Jahren jeweils am ersten Dezemberwochenende in Kassel Symposien veranstalten. Außerdem ist es auch Hartmut Radebolds Initiative mit zu verdanken, dass die Zeitschrift »Psychotherapie im Alter« als Forum für Psychotherapie, Psychiatrie, Psychosomatik und Beratung regelmäßig viermal jährlich seit 2004 erscheint. Leider ist es immer noch nicht selbstverständlich, dass über-60-jährige Menschen einen Zugang zur Psychotherapie bei Ärzten und Psychologen finden. Durch die Arbeiten von Hartmut Radebold ist aber zunehmend publik geworden, dass Psychotherapie auch im höheren Lebensalter Erfolg versprechend ist.
   Sein besonderes Engagement galt und gilt der Fort- und Weiterbildung in der Alterspsychotherapie. 1997 wurde Hartmut Radebold emeritiert und gründete damals das Lehrinstitut für Alternspsychotherapie, das inzwischen von Professor Meinolf Peters und anderen weitergeführt wird.
   Lange bevor solche Begriffe zum Allgemeingut wurden, war Hartmut Radebold also ein interdisziplinär denkender und vernetzt kooperierender Wissenschaftler, zu dessen Identität der Psychiater und der Psychoanalytiker, der Gerontologe und der Sozialwissenschaftler, der Psychohistoriker und der Autor gehören.
   Psychoanalyse beschäftigt sich mit dem Wirken des Unbewussten. Wie wirksam das Unbewusste ist und wie es gerade im fortgeschrittenen Alter an die Oberfläche drängen kann, hat Hartmut Radebold seinen Mitarbeitern und Weggefährten eindrucksvoll vor Augen geführt. Nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, gab es für ihn im Unbewussten noch etwas, was bearbeitet werden musste, und womit der sonst so planungssichere Hartmut Radebold nicht gerechnet hatte: Dies war seine eigene Kindheit als Berliner Kriegskind und die Frage, welche Auswirkungen seine Kriegskindheit bis in die Gegenwart hatte. »Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit« (2005) lautet einer der dazugehörigen Buchtitel.
   Wie Sie sicher wissen, hat Hartmut Radebold in den letzten Jahren die zeitgeschichtliche Perspektive in die Alterspsychotherapie implementiert. Das ist ihm gelungen, weil er in bester psychoanalytischer Tradition von seiner eigenen Person, von seinen eigenen schmerzlichen Erfahrungen ausging, wissenschaftliche Rückschlüsse und Konsequenzen zog und therapeutische Impulse und Konzepte entwickelte. Dies ist beispielsweise nachzulesen in dem Kapitel »Das (Kriegs-)Kind hinter der Couch« in dem Buch »Abwesende Väter« (2000). Durch Analysen und psychotherapeutische Behandlungen, die in eindrucksvoller Weise auch Selbstanalysen sind, ist dabei die zeitgeschichtliche Dimension unserer Patienten von ihm ins Blickfeld gerückt worden, ohne deren Berücksichtigung wir vielen Patienten nur unzureichend gerecht werden würden.
   Allein zum Forschungsbereich »Kindheiten/Jugendzeit im Zweiten Weltkrieg – zeitgeschichtliche Erfahrungen und lebenslange Folgen« sind seit dem Jahr 2000 von Hartmut Radebold über 20 Veröffentlichungen erschienen. 2002 gründete er zusammen mit dem Historiker Joachim Reulecke die Forschungsgruppe w2k (weltkrieg2kindheiten, Abschlussbericht siehe www.weltkrieg2kindheiten.de). Von 2004 bis 2006 war er Fellow der Studiengruppe »Kinder des Weltkrieges« am Kulturwissenschaftlichen Institut des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen.
   Im letzten Herbst erschien bei Klett-Cotta das Buch »Älterwerden will gelernt sein«, das er zusammen mit seiner Frau Hildegard geschrieben hat. In der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung war Hartmut Radebold lange Jahre Mitglied des Zentralen Ausbildungsausschusses. Zudem war er der Initiator der Sommeruniversität Psychoanalyse, die in diesem Jahr zum vierten Male in Frankfurt stattfindet und an der nicht – wie erwartet – vornehmlich ältere, sondern jüngere Menschen teilnehmen.
   Ich freue mich sehr, dass die Bundesrepublik Deutschland diese Verdienste zur Kenntnis nimmt und würdigt. Hartmut Radebold erhielt außerdem zweimal, nämlich 1974 und 1983, den Max Bürger Preis und 2006 den Preis der Margrit Egnér Stiftung in Zürich. Wir sind stolz darauf, dass Hartmut Radebold Mitglied unserer Vereinigung ist, ohne den sie eine andere und damit wir alle auch etwas anderes wären.