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19.11.2018 : 23:38 : +0100

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»Ich weiß, ich werde alles wiedersehen.«

10. Jahrgang 2013, Heft 3, Heimatlosigkeit und Heimat

Barbara Stambolis:

»Ich weiß, ich werde alles wiedersehen. Und es wird alles ganz verwandelt sein ...« (Abstract)

Heimatlosigkeit und Heimatsehnsucht aus zeitgeschichtlicher Perspektive

Ein Grundempfinden tiefer Unsicherheit begleitet Menschen, die als Erwachsene, Kinder oder Jugendliche durch Krieg und Vertreibung heimatlos geworden sind und sich seither ›unbehaust‹ fühlen. Es kann zwischen Geburtsheimat und Gefühlsheimat unterschieden werden. Dabei ist das, was unter letzterer verstanden wird, während der Adoleszenz anders zu deuten als im Alter. Schriftsteller wie Carl Zuckmayer oder Peter Härtling haben ein solches Gefühl der Heimatlosigkeit ebenfalls auf den Punkt gebracht. Hoffnung und Furcht zugleich begleiten oft die späte Sehnsucht, Orte der Kindheit noch einmal aufzusuchen oder überhaupt eine Reise in die eigene Vergangenheit anzutreten. Die Ahnung, dass ein innerliches ›Nach-Hause-kommen‹ nicht möglich ist, weil die Erinnerungen mit den tatsächlichen heutigen Gegebenheiten nicht übereinstimmen, entspricht den griechischen Wurzeln des Wortes Nostalgie, die sich aus nostos, nach Hause zurückkehren, und algos, Schmerz, zusammensetzen. Eine große Gruppe ehemaliger Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs, die z. B. den Verlust ihres Vaters und ihrer Heimat erlebt haben, beginnt seit einigen Jahren intensiv über dieses Thema für das eigene Leben nachzudenken. Es fällt ihnen oft deshalb so schwer, über Heimweh, Heimatsehnsucht und das Bedürfnis nach ›heilen Welten‹ zu sprechen, weil »Heimat« als deutsche Idee, vor allem in ihren ›tümelnden‹ Varianten über Jahrzehnte ideologisch verdächtig war.