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28.2.2020 : 14:40 : +0100

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Norbert Klein:

Förderschule oder Regelschule (Inklusion)?

Ein kritischer Zwischenruf mit Blick zurück und nach vorne

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Daraufhin wurde im Jahre 2006 das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) in Kraft gesetzt; es wird auch Anti-Diskriminierungsgesetz genannt.
   Inklusion im öffentlichen Leben ist wie Selbstbestimmung, Teilhabe und Gleichstellung ein hehres Ziel, heute wie damals. Bekanntlich steckt der Teufel im Detail. Deswegen ist eine differenzierte Betrachtungsweise zu jeder Zeit dringend notwendig. Der Forderung, Förderschulen sollten zu Gunsten der Regelschulen aufgelöst werden, sollte man sehr umsichtig und abwägend entgegentreten und nicht voreilig das Kind in einer emotional aufgeheizten Stimmung der generalisierten Institutionenschelte mit dem Bade ausschütten.
   Doch zunächst ein eigener höchst subjektiver Rückblick, wie in den 1960er Jahren in einer Sonderschule (heute Förderschule) der Unterricht durchgeführt wurde. Schon der Namenswechsel von Sonderschule zu Förderschule – ganz früher Hilfsschule oder Krüppelschule – deutet an, wie sehr sich hinter teils euphemistischen Umschreibungen tabubeladener Sprengstoff verbirgt.

Zu meiner Geschichte

Geboren wurde ich im Dezember 1955 in Köln, zehn Wochen zu früh. Wegen dieser Frühgeburt habe ich eine rechtsseitige spastische Lähmung des Armes und eine leichtere des rechten Beines. Außerdem habe ich als Kind gestottert. Ich habe auch eine beidseitige Schwerhörigkeit.
   Bis zur Einschulung besuchte ich in meinem Heimatvorort den katholischen Kindergarten. Durch einen Unfall, bei dem ich mir das rechte Schienbein gebrochen hatte, wurde ich ein Jahr später eingeschult.
   Die Einschulung fand im April 1963 statt, unmittelbar nach Ostern, in eine Sonderschule für Körperbehinderte. Es stand nicht zur Diskussion, in eine Regelgrundschule zu gehen, obwohl ich weder schwer sprachbehindert noch motorisch so eingeschränkt gewesen wäre, dass ich pflege- oder assistenzbedürftig gewesen wäre. Warum die Förderschule außer Frage stand, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Ich vermute, dass es der Verunsicherung meiner Eltern geschuldet war, was meinen Eindruck verstärkt, dass es heute wie damals eine große Unsicherheit darüber gibt, inwieweit Körperbehinderte in das sog. normale Leben integrierbar sind.
   An dieser Schule stand der behinderte Schüler bzw. die behinderte Schülerin im Mittelpunkt. Die therapeutischen Maßnahmen (Physiotherapie, Atemtherapie, aktive und passive Krankengymnastik) erfolgten während des normalen Unterrichts. Deshalb war es unumgänglich, dass es selbst in wichtigen Hauptfächern wie Deutsch, Mathematik, Heimatkunde, später Erdkunde, Physik, Chemie, Geschichte und Englisch zu Unterbrechungen kam. Meines Wissens wurden die Therapien nicht von Ärzten indiziert und verschrieben. Im Nachhinein war aus meiner Sicht manches sinnvoll, vieles hingegen gut gemeint, aber zwecklos: In unguter Erinnerung habe ich z.B. viele Varianten von Elektrotherapie an gelähmten Gliedmaßen – Maßnahmen, die damals auch in Rehakliniken durchgeführt wurden, meist ohne Erfolg. Mir drängte sich immer wieder der Verdacht auf, dass manche Nichtbehinderte, ob Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen oder Ärzte sich oft mit bleibenden Defekten schlechter abfinden konnten als die Behinderten selbst. Heute ist mir im Nachhinein durchaus bewusst, wie schwer es ist, das eine vom anderen zu unterscheiden, gerade angesichts des medizinischen Fortschritts, der heute manche neuen Perspektiven eröffnet. Generell ist es aber für Eltern, Pädagogen und Therapeuten immer noch leichter, Hoffnungen zu erwecken, als einem Behinderten die Botschaft zu übermitteln, dass er sich mit manchen Einschränkungen abfinden müsse, dabei das Mögliche aber nicht aus den Augen zu lassen.
   Das neue Schulgebäude der Behindertenschule lag ebenerdig und hatte ein Lehrschwimmbecken. Die Lehrerinnen und Lehrer hatten neben der Lehramtsausbildung eine heilpädagogische Ausbildung. An der Landesschule für Körperbehinderte waren zwei Schulpsychologen, Logopädinnen und mehrere Krankengymnasten und Schulassistentinnen die die Lehrer und die Schüler bei den Hausaufgaben unterstützten. Dieses Konzept war durchaus ein Fortschritt und nicht wenige Impulse für Schüler waren hilfreich. Die Schule wurde als Ganztagsschule geführt. Es ist kein Geheimnis, dass es Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten gab. Extreme Fälle waren meist ein oder zwei Schüler in der Klasse, die maximal 15 Schüler umfasste. Diese konnten den Unterricht erheblich durcheinanderbringen. Von vielen Nichtbehinderten weiß ich, dass es Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten auch im Regelschulbereich gibt, aber das Klima in sehr kleinen Klassen unter der Beobachtung von Schulpsychologen und Sozialpädagogen mit unterschiedlichen Schweregraden von Behinderten ist schon sehr speziell. Selbst bei vergleichsweise leichten Behinderungen oder äußeren Entstellungen braucht man vor allem in der Pubertät Zeit und Verständnis, sich mit vielen Themen auseinanderzusetzen. Dies geht nicht ohne Spannungen mit Mitschülern und Lehrern vonstatten. Als sehr nachteilig habe ich in Erinnerung, dass auch durch den Ganztagsbetrieb der Kontakt mit Nichtbehinderten nahezu abbrach bzw. gar nicht erst entstand, sodass ich jahrelang in einer Sonderwelt lebte.
   Ob andere Schüler mit auffälligem Verhalten aus belasteten Familien kamen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vieles wurde in den 1960er Jahren hinter vorgehaltener Hand erzählt und behandelt. Fest steht indes, dass Behinderungen und deren Folgen auch konflikthaft in den Familien ausgetragen wurden. Das habe ich auch in meiner Familie erlebt: Während meine Mutter und meine Großmutter meinten, mich behüten zu müssen, meinten mein Vater und mein Onkel oft das krasse Gegenteil davon. Eine gemeinsame Haltung konnten sie nicht gewinnen.
   Dieser Grundkonflikt setzte sich in der von mir erlebten Pädagogik fort. Mir schien es, dass damals zu viele Mitarbeiter der Behindertenschule vermutlich auch unter dem Eindruck der NS-Zeit und autoritärer Erziehungskonzepte, unter denen sie selbst zu leiden hatten, meinten, man müsse Behinderte vor der rauen Umwelt schützen und abschirmen. Das ist natürlich blanker Unsinn, denn diskriminierende Zurückweisungen vor allem auf den Feldern der Partner- und Arbeitsplatzsuche sind leider unvermeidlich. So wurden viele nach der Schulzeit später geschockt von der Wirklichkeit. Es konnten auch damals nicht so viele in den normalen Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Bei einigen Mitschülern war jedoch neben genereller Ausgrenzung auch die eigene erniedrigte Frustrationstoleranz mit im Spiel.
   In den 1960er und Anfang der 1970er war auch eine Phase des Suchens und Findens adäquater Unterrichtsmethoden. Man darf nicht vergessen, dass die Landesschule für Behinderte keine homogene Struktur hatte. Auch hier gab es Schüler mit unterschiedlichen Behinderungsformen: Sowohl sichtbare, wie spastische Lähmungen, sog. Contergankinder oder Unfallopfer; als auch unsichtbare, wie Herzerkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen, zum Beispiel Diabetes Typ 1.
   1971 fielen meine Schulnoten ab, sodass ich durch den Schulpsychologischen Dienst untersucht wurde. Durch diese Tests zeigte sich, dass ich unterfordert war. Dank der Zusammenarbeit von Eltern, Schule und Schulamt wurde ich mit drei weiteren Schülern in eine Hauptschule, die die Möglichkeit des Abschlusses der Mittleren Reife bot, versetzt. Bis auf das Fach Englisch hatte ich gute Schulnoten. Meine stotternde Artikulationsweise verbesserte sich allein dadurch, dass ich mich unter Nichtbehinderten verständlich machen musste. Ich schloss das 10. Schuljahr erfolgreich mit dem Abschlusszeugnis der Mittleren Reife ab.
   Der Berufsstart war für mich holprig: Im 10. Schuljahr hatten wir Besuch von der Berufsberatung. Diese vereinbarte für mich einen Termin bei der Finanzdirektion Köln. In der Finanzdirektion arbeiten sowohl Bundes- als auch Landesfinanzämter zusammen. Die angebotene Ausbildungsstelle befand sich beim Zoll in Aachen bei der Grenzsicherung. Vertreter der Finanzdirektion fragten unverhohlen, wie es möglich sei, dass die Berufsberatung einen Behinderten zur Ausbildung zum Zoll (Grenzsicherung) schickten könnte. Der Personalleiter des Zolls schickte mich dann nach einem peinlichen Telefonat mit seinen Kollegen zur Landesfinanzdirektion. Hier bewarb ich mich um eine Ausbildungsstelle. Man stellte mich trotz bestanden Aufnahmetests nicht ein. Auf Nachfrage meines Vaters teilte man ihm mit, es wäre ein Risiko mich einzustellen, da ich vielleicht vorzeitig in Rente gehen würde.
  So trat ich dann schon etwas desillusioniert eine Ausbildung als Bürokaufmann in einer kleinen Baufirma an. Meine Sprachbehinderung besserte sich weiterhin während der Ausbildung, allerdings machten mir einige Kollegen Schwierigkeiten. Das lag zum Teil an alltagspraktischen Problemen. Sie konnten u.a. nicht einsehen, dass man mit nur einer funktionstüchtigen Hand mehr Zeit braucht, einen Brief in den Umschlag zu stecken. Als man mir wegen fraglicher Eignung die Probezeit verlängern wollte, wurde dies durch die Industrie- und Handelskammer nicht gestattet. Ich legte die Prüfung zum Bürokaufmann dann sogar ein halbes Jahr früher ab.
   Im Berufsleben ist die Sache eine andere als in der Schule. Der Leistungsdruck, dem Nichtbehinderte ausgesetzt sind, kann für Behinderte um ein Mehrfaches stärker sein. Eine realistischere Einführung in die Berufswelt und die konkrete Begleitung Behinderter, vor allem in den Ausbildungsjahren und der Anfängerzeit im Berufsleben und später in der Zeit zwischen Arbeit und Rente ist immer noch eine unerfüllte Forderung. Nachteilsausgleiche sind nicht nur finanzieller und zeitlicher Natur. In der Alltagspraxis wird dies oft nicht beachtet. Manche Kollegen betrachten eine Woche mehr Urlaub pro Jahr mit Argusaugen.
nnnnTrotz guter Integration kann es im Laufe des Arbeitslebens für den Behinderten zu zusätzlichen körperlichen und seelischen Erkrankungen kommen. Zum Beispiel zu Verschleißerkrankungen der Gelenke. M.E. ist bei manchmal schwierigen persönlichen Verhältnissen mancher Behinderte auch eher suchtgefährdet.
   Zwar sind Arbeitgeber verpflichtet, ab einer bestimmten Betriebsgröße Arbeitnehmer mit Behinderung einzustellen. Falls sie dies nicht machen, müssen sie eine Fehlbelegungsabgabe zahlen, die monatlich fällig wird. Aus der Abgabe erhalten Arbeitgeber, die Behinderte einstellen, Zuschüsse und Gelder. Diese Mittel dienen zum Einrichten eines behindertengerechten Arbeitsplatzes. Selbst im öffentlichen Dienst werden nicht alle Arbeitsplätze mit behinderten Arbeitnehmern besetzt. So zahlt zum Beispiel die Stadtverwaltung Köln lieber die Fehlbelegungsabgabe. Wie soll man dann von einem privaten Arbeitgeber verlangen, Behinderte einzustellen?
   Bei privaten Arbeitgebern ist es auch oft Unkenntnis, dass es solche staatlichen Hilfen gibt. Diese werden durch die Agentur für Arbeit, die Unfall- und Rentenversicherung und die Integrationsämter bei den Landschaftsverbänden zur Verfügung gestellt.
   Ab 1977 war ich bei als Verwaltungsangestellter bei der Stadtverwaltung Köln beschäftigt. Ab Anfang der 1980er Jahre war ich darüber hinaus in der Behindertenarbeit tätig, als stellvertretende Vertrauensperson für Behinderte der Stadt Köln. Ich habe viele jüngere Kollegen mit Behinderungen und deren konkrete Probleme kennengelernt. Vieles war mit gutem Willen tatsächlich verbesserungsfähig. Ende September 2008 schied ich vorzeitig wegen Krankheit aus dem Dienst der Stadt Köln aus und erhalte seither Erwerbsunfähigkeitsrente.

Wie ist die Situation heute?

Ist die Behandlung Behinderter immer noch tabubeladen in Zeiten, in denen das Schlagwort »Inklusion« in aller Munde ist?
   Auch heute gibt es immer noch Vorbehalte gegenüber Behinderten. Besonders im Arbeitsleben, noch mehr als in der Schule und der Vorschulerziehung. Sicherlich haben Gesetze und Gesetzesänderungen im Sozialbereich die Lebensumstände der Behinderten gegenüber den 1960er und 1970er Jahren wesentlich verbessert. Durch den demografischen Wandel denkt man häufiger an Barrierefreiheit als früher, dennoch muss man als älterer Behinderter einen Ausflug mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Restaurantbesuche auch heute noch sorgfältig planen, will man keine bösen Überraschungen erleben. Der Sprachgebrauch hat sich verändert. So sprach man in der Lotterie zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen von der »Aktion Sorgenkind«, als würden Behinderte nur Sorgen bereiten. Heute nennt man diese Lotterie zum Glück »Aktion Mensch« und macht damit deutlich, dass diese Lotterie Gelder sammelt, die allen Behinderten und deren Einrichtungen zugutekommen.
   Durch das gegenseitige Kennenlernen von Behinderten und Nichtbehinderten kann tatsächlich ein besseres gegenseitiges Verständnis gefördert werden, zumal es ja eine Tatsache ist, dass Jede und Jeder schnell durch Unfall oder Krankheit eine Behinderung bekommen kann. Insofern ist das Klima zwischen Behinderten und Nichtbehinderten heute vielfach offener als vor 30, 40 Jahren, sieht man von abfälligen Witzen über Behinderte ab.
   Gleichwohl sehe ich die politische Bemühung um Inklusion mit Sorge: Wird da nicht wieder ein Schlagwort parteipolitisch aufgeladen, ohne mit den Betroffenen konkret zu sprechen? Sollen Behindertenschulen zu Restschulen Schwerstbehinderter verkommen, die mit Hilfen sonst nirgendwo integrierbar sind? Wird nicht weiterhin zu wenig diagnostisch differenziert, sodass es zu Fehlzuweisungen kommt, die vermieden werden könnten? Führt Inklusion entgegen früherer partieller Überversorgung nicht auch zu kostengünstigerer Unterversorgung?
   Ich sehe aber auch noch andere Gefahren: Man verzettelt sich in politisch aufgeladenen Worthülsen, unter denen jeder etwas anderes versteht, und übersieht dabei viel grundsätzlichere Veränderungen: Durch die medizinische Forschung auf dem Gebiet der Gentechnik kann man mittlerweile viele Behinderungen und Erkrankungen im Mutterleib erkennen. Schon heute werden viele Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben. Man kann immer mehr Krankheiten wie Diabetes, Rheumatische oder sonstige genetische Erkrankungen durch Tests erkennen. Haben wir den ethisch-moralischen Sprengstoff wirklich schon erkannt? Ist das schwieriger geworden mit zunehmender Entfernung von der NS-Zeit? Ist es den meisten Menschen eigentlich klar, dass es jetzt erstmals seit langer Zeit ältere körperlich und geistig behinderte Menschen gibt? Will man in Zukunft eine Welt von idealen Menschen schaffen, in denen es Behinderte mit angeborenen Schäden nicht mehr gibt? Ob dieses gut wäre, wage ich zu bezweifeln. Wenn es so käme, bräuchte man jedenfalls keine Inklusion mehr.