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30.10.2020 : 3:08 : +0100

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Guillermo Julio Montero:

Das Komitee »Psychoanalytische Perspektiven des Alterns« (PPA) der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV)

Das IPV-Komitee »Psychoanalytische Perspektiven des Alterns« wurde 2007 gegründet. Die erste Vorsitzende war Dr. Gabriele Junkers (Deutschland; 2007–2013), ihr folgte Audrey Kavka MD (Vereinigte Staaten; 2013–2017), zurzeit hat Guillermo Julio Montero PhD (Argentinien; 2017–2021) das Amt inne.
   Der Schwerpunkt der Arbeit dieses Komitees liegt auf der Förderung des psychoanalytischen Verständnisses der Behandlung von alternden Patienten durch klinische Beispiele sowie durch Forschung zu Fragen des Alterns. Zunächst untersuchte das Komitee das Alter der IPA-Mitglieder und seinen Einfluss auf die Behandlungen. Derzeit wird ein internationales Netzwerk von Kollegen errichtet, die an Fragen der psychoanalytischen Psychotherapie des Alterns interessiert sind.
   Das Komitee organisiert regelmäßig Vorträge auf den Kongressen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, ist beteiligt an einem Forum der Europäischen Psychoanalytischen Föderation und der Föderation der lateinamerikanischen Gesellschaften. Das derzeitige, seit 2017 amtierende Komitee organisierte darüber hinaus eine erste Internationale Konferenz über psychoanalytische Perspektiven des Alterns in San Diego (2019).
   Der Titel einer Videoserie »The Ripeness Is All« wurde durch Shakespeares König Lear inspiriert: »Dulden muss der Mensch sein Scheiden aus der Welt wie seine Ankunft: Reif sein ist alles« (Akt V, Szene II). Alle Mitglieder des Komitees werden in dieser Videoreihe interviewt, um über ihre persönlichen Vorstellungen vom Altern zu berichten und zu Fragen der Entwicklung im Alter Stellung zu nehmen. Die Interviews sind in englischer bzw. spanischer Sprache untertitelt. Illustriert wurden sie mit Aufnahmen der Landschaft und der Städte, aus denen die Kollegen stammen, unterlegt mit Hintergrundmusik, die sie selbst ausgesucht haben. Diese Videos sind über die IPA-Webseite (www.ipa.world) oder die Youtube-Website erreichbar. Als Suchbegriff kann »ripeness is all« eingegeben werden. Bisher sind Interviews mit Guillermo Montero, Audrey Kavka, Mi Yu, Daniel Plotkin, Valeria Egidi Morpurgo, Renata Sgier, Gianina Micu, Cristina Amendoeira, Alex Oksenberg und Calvin Colarusso verfügbar.
   Im März 2020 erschien der erste Newsletter der PPA, der ein internationales Netzwerk von Psychoanalytikern erreicht, die sich für die Metapsychologie alternder Menschen und älterer Patienten interessieren. Das Netzwerk verbindet etwa 50 interessierte Kollegen. Weitere Teilnehmer sind herzlich willkommen. Ursprünglich war das Netzwerk für IPV-Mitglieder vorgesehen. Weil es mehrere Anfragen von sehr interessierten Nicht-IPV-Kollegen gab, werden auch Kollegen als Mitglieder des Netzwerks aufgenommen, die sich für das Thema »Psychoanalyse des Alterns und des Alters« interessieren. Dieser Newsletter wird alle zwei Monate erscheinen und über Neuigkeiten berichten.
   Erwähnenswert sind auch die wissenschaftlichen Untersuchungen, die in den drei Regionen der IPV durchgeführt werden. Mitglieder der europäischen Region untersuchen in einem qualitativen Forschungsprojekt die Bedingungen für unterschiedliche Alterungsprozesse; die nordamerikanischen Kollegen konzentrieren sich auf multikulturelle Aspekte des Alterns. Sie wollen außerdem die Vermittlung psychodynamisch-gerontologischer Kenntnisse über das hohe Lebensalter in den Lehrplänen der psychoanalytischen Ausbildungszentren verankern. Die Lateinamerikanischen Kollegen untersuchen die Bedeutung des Alterns bei täglich steigender Lebenserwartung. Diese Untersuchungen werden von den regionalen Vorsitzenden des PPA koordiniert.
   Die Arbeitsweise des Komitees erlaubt die Anerkennung kultureller Unterschiede in den Regionen. Die lateinamerikanische Realität z.B. unterscheidet sich in Bezug auf Psychoanalyse und verschiedene Arten von psychoanalytischer Psychotherapie deutlich von der nordamerikanischen und der europäischen. In Lateinamerika befindet sich nahezu jedermann in irgendeiner Art von Psychotherapie: Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche und auch ältere Menschen.
   Wir wissen auch, dass Psychoanalyse immer Widerstände hervorruft, das kann bei Fragen des Alterns nicht anders sein. Wenn die Psychoanalyse allseits akzeptiert würde, wäre das ihr Todesurteil. Die Psychoanalyse bleibt lebendig, wenn sie Widerstände hervorruft, wenn sie nicht vollständig akzeptiert wird, denn Vertreter der Psychoanalyse haben immer etwas gegen das allgemeinverbindlich Geltende zu sagen, und sie machen subversive Aussagen. Auch dadurch wird unser Thema »alternde und alte Menschen« wirklich wichtig. In vielerlei Hinsicht werden alternde und alte Menschen als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Das PPA hingegen vertritt die Position: Es gibt kein Problem mit dem Altern an sich, es gibt ein Problem mit der Neurose. Wir können uns an Freuds Aussagen über seinen Vater erinnern, über den er schrieb, dass Jacob das Leben lange vor seinem Tod aufgegeben hätte. In diesem Sinne meinen wir, dass das Problem nicht das Alter oder die Alterung ist, sondern entweder die Erfüllung des Lebens oder die Neurose.
   Altern ist immer eine ganz private und persönliche Entwicklungsaufgabe, zu der die Psychoanalyse verallgemeinernd nur wenig zu sagen hat. Die Psychoanalyse will ihren Patienten ermöglichen, unabhängig von ihrem Alter, ihr Empfinden und ihre innersten Gefühle aus sich selbst heraus zum Ausdruck zu bringen. Es geht um die jeweils ganz subjektive Bedeutung des Alters und des Alterns für die einzelnen Patienten.
   An dieser Stelle soll noch einmal betont werden, wie bedeutend die bisherigen Veröffentlichungen über die psychoanalytische Arbeit mit alternden und alten Patienten sind. Wir haben uns immer mit dem Individuum beschäftigt ohne Rücksicht auf sein Alter.
   Die Perspektive, die wir in unseren Arbeiten und unserer Forschung einnehmen, ist von unserem Wissen über das Altern aus metapsychologischer Sicht geprägt. Während der psychoanalytischen Sitzungen versuchen wir allerdings, bei der betreffenden Person zu sein, und bemühen uns, alles zu vergessen, was wir über das Altern wissen, um uns ganz ihm oder ihr zuwenden zu können. Nur dann kann sich die psychoanalytische Spezifität, nämlich die unbewusste Realität in der psychotherapeutischen Beziehung auszudrücken, entfalten.
   Unser Ziel ist, ein psychologisches Verständnis des Alterns und des hohen Alters zu entwickeln, aber nur um es als Grundlagenwissen zur Verfügung zu haben, nicht um es von außen jemandem aufzudrücken.
   Man kann viel von der Behandlung älterer Patienten lernen, wenn wir uns mit unseren eigenen Gegenübertragungen auf das Altern auseinandersetzen. Daher legen wir Wert auf Erfahrungen aus der direkten klinischen Arbeit mit älteren Patienten, stets nahe am Behandlungsprozess, und auf unsere eigenen Erfahrungen mit dem Altern als Grundlage für die Entwicklung einer Metapsychologie. Dieses Verständnis gilt als Leitlinie für die Arbeit unseres Komitees.
   Derzeit wird das PPA-Komitee von Guillermo Julio Montero aus Argentinien geleitet. Nordamerikanische Ko-Vorsitzende ist Dr. Audrey Kavka (USA). Dr. Mi Yu und Daniel Plotkin sind weitere Mitglieder aus den Vereinigten Staaten. Die europäische Ko-Vorsitzende war Dr. Valeria Egidi Morpurgo aus Italien, die leider vor wenigen Monaten verstorben ist. Weitere europäische Mitglieder sind Dr. Renata Sgier aus der Schweiz und Gianina Micu MD aus Rumänien. Aus Lateinamerika gehören Cristina Amendoeira aus Brasilien als Ko-Vorsitzende und Alex Oksenberg aus Chile dem Komittee an. Dr. Calvin Colarusso und Dr. Audrey Kavka, beide USA, sind beratende Mitglieder.
   Wir wissen um den Wert des Europäischen Forums zu Fragen des Alterns, in dem drei prominente deutsche Psychoanalytiker mitwirken: Dr. Gabriele Junkers, Dipl.-Psych. Christiane Schrader und Prof. Martin Teising. Mit ihnen arbeiten wir eng zusammen und tauschen Erfahrungen aus.
   Gern möchten wir den Kontakt mit unseren deutschen Kollegen weiter aufrechterhalten und intensivieren. Mit der Psychoanalyse wachsen wir, während wir älter werden.

(Übersetzt und bearbeitet von Martin Teising)