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20.9.2019 : 10:39 : +0200

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Alt werden in der Fremde

12. Jahrgang 2015, Heft 3, Übersichten

Wielant Machleidt und Iris Tatjana Graef-Calliess:

Alt werden in der Fremde (Abstract)

In der Migration bzw. Transmigration haben die in der Fremde alt gewordenen Menschen eine wichtige intergenerationale Funktion. In der Rückschau und Vorausschau auf die Generationenkette können sie Kontinuität und Kohärenz der Familie über Kulturgrenzen hinweg durch die Tradierung ihrer Sprache und ihres kulturellen Wissens unterstützen. Sie pflegen durch Erinnerung den Familienroman und suchen häufig die Orte ihrer Herkunft, des Gedenkens und der Trauer auf. Sie können die transgenerationalen Migrations- und Kulturkonflikte dadurch integrieren, dass sie die Fremdheitserfahrung bewältigt, den Migrationsprozess durchlitten und in der kulturellen Adoleszenz einen individuellen Reifungsschritt vollzogen haben, der ihnen eine größere zivilisatorische Erfahrung und Kompetenz im Vergleich zu Einheimischen verleihen kann. Diese Vorteile sind um den Preis eines besonderen und oftmals schmerzlichen Bemühens um Individuation und Identität, um den Preis von Befindlichkeitsstörungen, Einsamkeit und sozialen Benachteiligungen errungen worden. Migrationsbiografien älterer Menschen zeigen sehr eindrücklich, dass die Bewältigung eines Lebenszyklus in der Fremde psychische Entwicklung bis ins hohe Alter einfordert – und inspiriert.