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19.9.2017 : 17:12 : +0200

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Altern - Tabu in der mulitkulturellen Gesellschaft? Therapie im Spannungsfeld von individueller Biographie und Kultur

 

»Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat,
sondern wo man verstanden wird.«
Christian Morgenstern

Ältere Menschen finden im Vergleich zu jüngeren deutlich weniger Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung. Die Vorstellung von einer reduzierten geistigen Beweglichkeit ab dem fünften Lebensjahrzehnt findet sich auch heute noch in den Köpfen vieler Therapeuten. Sie laden deshalb ältere Menschen weniger zu einer therapeutischen Begegnung ein.
   Wie sieht es mit dem Verstandenwerden und Verstehen - im sprachlichen und weiteren Sinn - bei älteren Menschen aus, die aus anderen Ländern und Kulturen nach Deutschland kamen? Sie gehen häufig zum Arzt, aber Sprachprobleme, unterschiedliche Krankheitskonzepte (Razum 2004) und kulturelle Unterschiede erschweren das Verständnis. »Die Unterschiedlichkeit in der kulturellen Basis der Beteiligten bewirkt, dass interkulturelle Begegnungen in einem verstärkten Maße Gefühlen von Befremdung und Verunsicherung, aber ... auch von Faszination ausgesetzt sind« (Gerlach 2003, S. 16). Kohte-Meyer (2003) weist darauf hin, dass durch den Wechsel von Sprache und Kultur »eine transkulturell bedingte Form von Unbewusstheit, ... eine innere Stummheit für emotionale und affektive Vorgänge« (S. 24) entstehen kann. Diese Vorgänge können eine Erklärung für eine somatisierende Präsentation von Symptomen bei Migranten sein.
   Über die psychotherapeutische Behandlung älterer Migranten gibt es nur relativ wenige Untersuchungen. Meiden Psychotherapeuten die Auseinandersetzung mit diesen Themen? Wenn Migration häufig mit traumatischen Erfahrungen einhergeht, wie das Ehepaar Grinberg (1990) formulierte, so ist verständlich, dass eine bewusste Beschäftigung mit diesem Thema schierig ist. Vielleicht hat sich die Psychoanalyse, deren Gründergeneration in mehrfacher Weise Migrationserfahrung hatte, deshalb erst spät mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Offenbar hat Freud selbst dieses Thema verdrängt, obwohl oder gerade weil am Anfang und Ende seines Lebens die Notwendigkeit einer Migration stand. So bezeichnet er (Freud 1899) die Zeit nach der ersten Migration als harte Jahre, die nicht wert waren, sich etwas daraus zu merken.
   Es gibt aber eine Vielzahl von Gründen, weshalb man sich mit dieser Thematik beschäftigen sollte, die zentrale Fragen der Identität berühren und einhergehen mit

  • Überfremdungsängsten der Aufnahmegesellschaften,
  • Angst vor Identitätsverlust bei den Migranten,
  • Angst vor Ausgrenzung,
  • Verleugnung der Migration auf beiden Seiten,
  • irratinalen Vorstellungen, im Alter ohne Probleme in die Heimat zurückkehren zu können und
  • zugespitzten Generationenkonflikte durch Relativierung traditioneller Wertvorstellungen.

Migration ist ein fester Bestandteil der Kulturgeschichte und Deutschland ist ein Durchgangsgebiet, in dem viele Völker und Kulturen Spuren hinterlassen haben, auch wenn dies besonders in der NS-Zeit verleugnet wurde. Die deutsche Situation ist durch den Nationalsozialismus, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg, der zur Flucht und Vertreibung von Millionen von Menschen führte, belastet. Deutsche Identitätsunsicherheit, Schuld und Scham und die Diffusion von Täter- und Opferrollen, einhergehend mit  latent faschistoidem Gedankengut und dessen Derivate, lassen viele zwischen dumpfer Fremdenfeindlichkeit und verleugnender Fremdenidealisierung pendeln. Komplementär dazu schwankt die Haltung vieler älterer Migranten zwischen Überanpassung und Ghettobildung verbunden mit klischeehaften Vorstellungen von den Deutschen. Will man Migranten in Therapie nehmen, kommmt es vor diesem Hintergrund zu komplizierten Übertragungs- und Gegenübertragungssituationen.
   Wer ist ein Migrant? Diese Frage, von Betroffenen oft als Kränkung empfunden, zielt mitten in die deutschen Migrationskonflikte. In den Sozialwissenschaften (Han 2000) definiert man Migranten als Personen, die einen dauerhaften Wohnortwechsel vornehmen. Diese Definition ist weit gefasst und schließt alle Bevölkerungsströme nach Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ein: Aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kamen 7.000.000 und aus den deutschen Siedlungsgebieten im Ausland 5.000.000 Menschen als Vertriebene bzw. Flüchtlinge und Übersiedler (Dörr 1998), die vordergründig gut integriert wurden. Sogenannte Gastarbeiter aus verschiedenen Herkuftsländern, meist Südeuropa und der Türkei, prägten ab Ende der fünfziger Jahre das Migrationsgeschehen. Viele leben seit 30 oder mehr Jahren in Deutschland. Die Spätaussiedler aus Osteuropa sind Deutsche im Sinne des Grundgesetzes und werden in der Statistik über Ausländer nicht erfasst, erscheinen aber als Zuwanderer in der Migrationsstatistik (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2004b). Etwas 15.000 jüdische Menschen kommen als Zuwanderer pro Jahr aus der ehemaligen Sowjetunion. In der Gruppe asylsuchender Menschen schließlich ist der Anteil Älterer nur sehr gering.
   Insgesamt lebten im Jahr 2003 (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2004a) in Deutschland 7,335 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, knapp 800 000 waren 60 Jahre und älter. Hinzu kommen noch mehrere Millionen Spätaussiedler, wie oben erwähnt, sowie eingebürgerte Ausländer, sodass von insgesamt 14 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Migratinsbiographie auszugehen ist.
   Für ältere Migranten wirft das Älterwerden in Deutschland zahlreiche Probleme auf.
   In diesem Heft möchten wir das vielfältige Problemspektrum älterer Migranten aufzeigen, wobei uns bewusst ist, dass wir in dem gegebenen Umfang nicht jede Migrantengruppe adäquat repräsentieren können. Wir hoffen, einen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen zu leisten, gerade in einem Klima der allgemeinen Verunsicherung, in dem alte Klischees über Ausländer und Deutsche polarisierend wiederbelebt werden. Zu hoffen ist auch, dass für möglichst viele dieser Menschen durch ein Gefühl des Verstandenwerdens Deutschland ein Stück Heimat wird. Angesichts der Pluralisierung der Lebenswelten und der Zunahme von Migration weltweit wollen wir auf den großen psychotherapeutischen Versorgungsbedarf (Erim u. Senf 2002) hinweisen und Denkanstöße für weitergehende Forschungen und Konzeptentwicklungen unter Berücksichtigung psychohistorischer und transkultureller Aspekte geben.

Klaus Windel und Bertram von der Stein

Literatur

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: Daten-Fakten-Trends: Strukturdaten der ausländischen Bevölkerung, 2004a/Migrationsgeschehen, 2004b, www.integrationsbeauftragte.de/gra/daten/daten.php
Dörr M (1998) Wer die Zeit nicht miterlebt hat. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach. Bd. 1-3. Frankfurt a.M., New York.
Erim Y, Senf W (2002) Psychotherapie mit Migranten. Psychotherapeut 47: 336-346.
Freud S (1899) Über Deckerinnerungen. GW Bd. 1, S. 542 f.
Gerlach A (2003) Faszination und Befremdung in der interkulturellen Psychotherapie. In: Migration und Psyche. Psychosozial 26(3): 15-22.
Grinberg L, Grinberg R (1990) Psychoanalyse der Migration und des Exils. Stuttgart (Verlag internationale Psychoanalyse).
Han P (2000) Soziologie der Migration. Stuttgart (UTB).
Kohte-Meyer I (2003) Vernehmen und Erreichen - psychoanalytische Begegnung im transkulturellen Raum. In: Migration und Psyche. Psychosozial 26(3): S. 23-24.
Razum O, Geiger I, Zeeb H, Ronellenfitsch U (2004) Gesundheitsversorgung von Migranten. Deutsches Ärzteblatt 101B: 2439.