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24.10.2020 : 5:41 : +0200

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Elke Wünneberg:

Singen als Gesundheitserreger

Das Netzwerk »Singende Krankenhäuser« feiert 10-jähriges Bestehen

»Singende Krankenhäuser e.V. (SiKra)« ist ein 2010 gegründetes internationales Netzwerk zur Förderung des Singens in Gesundheitseinrichtungen und selbstorganisierten Initiativen der Gesundheitsversorgung wie z.B. in Selbsthilfegruppen. Anliegen und Vision der gemeinnützigen Initiative ist es, die heilsame Kraft des Singens im Gesundheitswesen erlebbar und zugänglich zu machen, sodass diese von allen beteiligten Interessengruppen – PatientInnen, Behandelnden und Vertretern des Gesundheitssystems – gleichermaßen anerkannt wird.
   Die Singangebote werden auf die Beeinträchtigungen und Bedürfnisse der Menschen und Patientengruppen im Gesundheitssystem abgestimmt und zielen darauf ab, bestehende medizinische sowie therapeutische Angebote zur Krankheitsbewältigung zu erweitern sowie zur Gesundheitsfürsorge beizutragen. Darüber hinaus sollen Singangebote einen Beitrag zur Begegnung und Kultur in Gesundheitseinrichtungen leisten.

Zu Entstehung und Zielsetzung

Singende Krankenhäuser e.V. ist 2009 aus einer »Beauftragung« von PatientInnen entstanden, welche die heilsame Kraft des Singens kennenlernten und diese Erfahrung auch anderen Menschen in Gesundheitseinrichtungen zuteilwerden lassen wollten. Am Klinikum Christophsbad, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göppingen, wurden erstmalig Singgruppen offen für aktuelle und ehemalige PatientInnen, MitarbeiterInnen sowie für Angehörige und Menschen aus Stadt und Umgebung unter Leitung von Wolfgang Bossinger und seinen musiktherapeutischen KollegInnen angeboten. Wichtige Vorarbeiten zum Singen als eine Form der Lebenshilfe erfolgten über »Il canto del mondo – internationales Netzwerk zur Förderung der Alltagskultur des Singens e.V.«, gegründet von Karl Adamek. Aus diesem ging »Singende Krankenhäuser« 2010 als ein von Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen getragener, gemeinnütziger internationaler Verein hervor, der das »heilsame Singen« (Adamek 1996; Bossinger 2006; Wünnenberg 2017) mit Ausrichtung und Inhalten spezifiziert auf Angebote zur Gesundheitsfürsorge und Krankheitsbewältigung in das Gesundheitssystem zu integrieren sucht.
   Das Netzwerk »Singende Krankenhäuser e.V. setzt sich seit nunmehr zehn Jahren für ein Singen ein, welches die Selbstheilungskräfte von Menschen in den Fokus stellt. Singangebote sollen Zugang zu Vitalität und Lebensfreude schaffen, Selbstwirksamkeitserleben und Eigenverantwortung fördern sowie Hoffnung und Sinnperspektiven stärken.
   In der Seniorenarbeit kann Singen hilfreich sein, um Singen zur Co-Regulation emotionaler Befindlichkeit, insbesondere zur Reduktion von Agitiertheit, Unruhe, Depression, Ängste einzusetzen. Ebenso vermag Singen Kommunikationsfähigkeiten und Begegnung zwischen älteren Menschen, Angehörigen und Pflege zu fördern sowie im »Funktionsspiel« alltägliche Verrichtungen zu erleichtern. Somit können das Selbstwirksamkeitserleben aller Beteiligten und ihre Kompetenzen zur Alltagsbewältigung gestärkt werden. Mithilfe der Musik, und hier insbesondere des Singens, gelingt es, Gedächtnisinhalte, Emotionen und Eindrücke zu beleben (Kammer u. Willig 2012). Neben der Gestaltung von Gemeinschaft und persönlichem Dialog stehen folglich insbesondere interdisziplinäre Aspekte im Fokus der Arbeit von Singende Krankenhäuser e.V. Hier geht es beispielsweise um die Frage, wie Singen in Pflege- oder Betreuungsalltag integriert werden kann.
   Übergeordnete Aufgabe der Singleitung ist es, einen sicheren Rahmen in der Singgruppe zu schaffen und zu einem spielerisch-musikalischen Miteinander und Erfahrungsaustausch anzuregen. Ein breites, dem Klientel angepasstes Liederrepertoire einschließlich tradierter Volkslieder ermöglicht individuelle und angepasste Singangebote. Insbesondere in der Altenarbeit ist es wichtig, das anzunehmen und aufzugreifen, was sich spontan entwickelt, intuitiven Ausdruck über Musik und Gesang im Sinne von Co-Regulation zu beantworten und die infolge des Alterns eingeschränkte Interaktion mit musikalischen Mitteln anzureichern. Forscher des Max-Planck-Instituts (Jacobsen et al. 2015) zeigten, dass Alzheimer das langzeitliche Musikgedächtnis häufig weitgehend »verschont«. Ausgangspunkt ihrer Fragestellung war u.a., warum ältere Menschen oft Liedzeilen mitsingen, obwohl ihnen das Sprechen nahezu unmöglich geworden ist. Neben dem Nachweis über bildgebende Verfahren, dass die Gehirnregionen assoziiert mit dem Langzeit-Musikgedächtnisses zu den Arealen gehören, welche bei Alzheimer-Patienten häufig am geringsten vom Nervenzellverlust und den typischen Stoffwechselstörungen betroffen sind, konnten sie Netzwerkverbindung zwischen dem vorderen Gyrus cinguli und anderen Knotenpunkten bei Alzheimer-Patienten beobachten. Die Forscher nehmen dies als Hinweis, dass diesem Gehirnbereich spezielle kompensatorische Funktionen bei fortschreitender Krankheit zukommen können.

Zu Wirkannahmen und Forschungsbelegen

Der Verein Singende Krankenhäuser stützt sich auf eine lebendige Singtradition im Bereich von Kultur und Religion ebenso wie auf eine jahrzehntelang praktisch erprobte und wissenschaftlich fundierte Erfahrung der (Musik-)Therapie in Verbindung mit medizinischen Behandlungen. Gemäß der Aussage Menuhins (1999) zur Bedeutung des Singens, wird Singen als »eigentliche Muttersprache« verstanden, die weit über eine therapeutische Methodik hinausreicht. Denn Singen ist wie alle Künste dem Spielen sehr nahe und zunächst zweckfrei, kann jedoch auch gezielt im Sinne eines Funktionsspiels eingesetzt werden. Das heilsame Singen orientiert sich am Konzept der Salutogenese. In Abgrenzung zu veränderungsorientierten wie aufdeckenden Therapieansätzen stellt das Singen ein stützendes und präventives Angebot dar.
   Adamek (1996) erbrachte den Nachweis, dass Singen die psychische, physische und soziale Gesundheit fördert. Seine Arbeit war die erste empirische Untersuchung zu individuellen Funktionen des Singens als menschliches Verhalten; sie wies das Singen u.a. als komplexe Bewältigungsstrategie negativer Emotionen nach. Das Buch Warum Singen glücklich macht (Kreutz 2014) gab einen ersten Überblick zum Stand der Singforschung. Kang et al. (2018) veröffentlichten einen Übersichtsartikel über die physiologischen Wirkungen und Mechanismen des Singens.
2012 wurde der Ansatz von SiKra aus Sicht der SinggruppenleiterInnen beschrieben und an unterschiedlichen Einrichtungen evaluiert (Kreutz et al. 2017). Wünnenberg (2017a; 2017b; 2017c, 2020 im Druck) zeigte in ihrer konzeptionellen Arbeit für SiKra auf, wie Singen den Menschen in seinem Wesenskern ansprechen und die Entfaltung der Persönlichkeit fördern kann. Insbesondere der Schulterschluss von Neurowissenschaften und Bindungsforschung wird hier genutzt, um die Wirkannahmen des Singens theoretisch zu begründen und Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Singangeboten zu ziehen sowie Selbstheilungskräfte von Patienten über ein Selbstregulationsmodell zu konzeptualisieren. Ihre Studie zum Singen mit Parkinsonpatienten erbrachte erste Hinweise über Zusammenhänge zwischen vegetativer Dysfunktion und verminderten Selbstregulationsstrategien. Das Singangebot (6 x 1h) führte bei den Parkinsonpatienten zu bedeutsamen Veränderungen auf der körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Ebene (Wünnenberg, 2019).

Zu Aufbau und Arbeitsweise des Netzwerks

Das Netzwerk ist weltweit ausgerichtet und umfasst aktuell rund 500 Mitglieder und 80 zertifizierte Einrichtungen. Es kooperiert mit führenden PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen im Bereich der Medizin, Neurowissenschaften, Musiktherapie etc., die den »Wissenschaftlichen Beirat« der Singenden Krankenhäuser e.V. formen. Geleitet wird das Netzwerk von einem dreiköpfigen ehrenamtlich arbeitenden Vorstandsteam und der Geschäftsführung. Seit 2004 gibt es Kooperationsverträge mit Selbsthilfeverbänden, wie der »Frauenselbsthilfe nach Krebs« und der Initiative »Parkinson bewegt e.V.« sowie der »Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung« (weitere Informationen zu Personen und kooperativen Einrichtungen des Netzwerks auf der Homepage www.singende-krankenhaeuser.de).

Beitrag zur Weiterbildung

Eine wichtige Säule von Singende Krankenhäuser e.V. bildet die modular angelegte Weiterbildung mit Zertifikatsabschluss, die interdisziplinär von Musik- und PsychotherapeutInnen, GesangspädagogInnen, Theater- und AtemtherapeutInnen konzipiert, fortlaufend evaluiert und weiterentwickelt wird. Neben einer Ausbildung für Singangebote im Gesundheitsbereich ist eine spezielle Weiterbildung für die Seniorenarbeit und den Altersheimbereich konzipiert worden.
   Die Weiterbildungsmodule von »Singende Krankenhäuser e.V. sind von der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMTG) offiziell anerkannt. Ebenso gelten sie als Fortbildung für §45b-Kräfte (Alltagscoach/Betreuungskräfte). Neben praktischen und methodischen Fähigkeiten (Liedrepertoire, Stimmbildung, Gruppenleitung) werden theoretische Grundlagen und Wirkannahmen zum Singen vermittelt. Die theoretischen Grundlagen umfassen die Krankheitsbilder der Zielgruppen, z.B. Demenz.
   Die Weiterbildung richtet sich an MusiktherapeutInnen sowie an sämtliche Fachkräfte, die das heilsame Singen in ihren beruflichen Kontext einbinden wie z.B. LogopädInnen, PhysiotherapeutInnen oder Pflegekräfte. Zur Erweiterung bestehender therapeutischer Angebote über das Singen sind vor allem spezielle Weiterbildungsmodule für neurologische Erkrankungen wie Demenz, Aphasien oder Morbus Parkinson, für Atemwegserkrankungen und den Bereich der Psychoonkologie entwickelt worden. Weitere Weiterbildungsmodule wurden für den Umgang mit Trauernden und Sterbenden, für die Seniorenarbeit bzw. die Pflege, Förder- und Betreuungsangebote im Altersheim entwickelt.

Zu Aktivitäten und Tagungen der Initiative Singende Krankenhäuser e.V.

Umfangreiches Informationsmaterial über Ziele und Aktivitäten des Vereins ist über die Homepage und Geschäftsstelle des Vereins zu beziehen. Für einen unmittelbaren Einblick sei auf zwei Dokumentarfilme  verwiesen. Seit 2017 ist Singende Krankenhäuser e.V. mit einer Rubrik in der Fachzeitschrift »Musik und Gesundsein« (MuG) vertreten und nutzt diese als Mitteilungsorgan für die musiktherapeutische Fachöffentlichkeit. Neben einer jährlichen Mitgliederversammlung richtet der Verein alle zwei Jahre eine 3-tätige Fachtagung aus. Hier geht es um die Vernetzung von Wissenschaft und Praxis sowie um die Förderung von Forschungsprojekten.



Literatur

Adamek K (1996) Singen als Lebenshilfe. Zu Empirie und Theorie von Alltagsbewältigung. Münster (Waxmann).
Bossinger W (2006) Die heilende Kraft des Singens. Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang. Battweiler (Traumzeit).
Jacobsen J-H, Stelzer J, Fritz T, Gael C, La Joie R, Turner R (2015) Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. Brain:138(8): 2438–2450. https://doi.org/10.1093/brain/awv135
Kammer S, Willig S (2012) Mit Musik geht vieles besser- der Königsweg in der Pflege bei Menschen mit Demenz. Hannover (Vincentz).
Kang J, Scholp A, Jiang J (2018) A Review of the Physiological Effects and Mechanisms of Singing. Journal of Voice. 32(4): 390–395. DOI: 10.1016/j.jvoice.2017.07.008.
Kreutz G (2014) Warum Singen glücklich macht. Gießen (Psychosozial-Verlag).
Kreutz G, Clift S, Böhm K, Bossinger W (2017) Singende Krankenhäuser aus Sicht von Singgruppenleiter/innen. In: Wünnenberg E (Hg) (2017) 164–190.
Menuhin Y (1999) Zur Bedeutung des Singens. Verfügbar unter: www.feldenkrais-gesang.de/feldenkrais/YehudiMenuhin.pdf ((letzter Aufruf: 17.11.2018).
Wosch T (Hg) (2011) Musik und Alter in Therapie und Pflege: Grundlagen, Institutionen und Praxis der Musiktherapie im Alter und bei Demenz. Stuttgart (Kohlhammer).
Wünnenberg E (Hg) (2017) Singen als heilsame Kraft. Das Potenzial des Singens für das Gesundheitssystem. Grundlagen – Praxisfelder – Perspektiven. 2. erw. Aufl. Bad Waldsee (Selbstverlag).
Wünnenberg E (2017a) Singend bezogen sein. Entwurf einer Theorie & Methodik des heilsamen Singens zur Krankheitsbewältigung und Gesundheitsfürsorge. In: Wünnenberg E (Hg) (2017): 76–116.
Wünnenberg E (2017b). Singen & Resilienz. Vom Singen zum Sein. Wie singen uns stärkt: Selbstregulation auf tönende Weise. In: Wünnenberg E (Hg) (2017) 118–148.
Wünnenberg E (2017c). Leitbild und Leitlinien der internationalen gemeinnützigen Initiative »Singende Krankenhäuser e.V.« für zertifizierte SingleiterInnen zur Durchführung von Singgruppen und Singangeboten in Gesundheitseinrichtungen. In: Wünnenberg E (Hg) (2017) 288–316.
Wünnenberg E (2020 im Druck) Singen und Selbstregulation. In: Decker-Voigt H-H, Weymann E (Hg) Lexikon Musiktherapie, 3. Überarb. u. erw. Auflage. Göttingen: Hogrefe.
Wünnenberg E , Jungen M (2019) Singing – Tune into Self-Regulation. A holistic system perspective. Abstracts of the 2019 International Congress of Parkinson’s Disease and Movement Disorders. Movement Disorders 34, Supplement 2: 901.