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21.10.2018 : 4:49 : +0200

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Hans-Bernd Nolden:

Ehrenamtliches Engagement für geflüchtete Menschen in Köln-Worringen

Die Ausgangssituation

Worringen ist ein traditionsreicher Stadtteil von Köln mit einer eigenständigen Identität und einem sehr aktiven Vereinsleben. Der Stadtteil liegt in der ländlich-städtischen Wachstumszone des Kölner Nordens. Dieser ist geprägt durch eine Mischung aus ursprünglich einheimischer ländlicher Bevölkerung, ehemaligen Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, ehemaligen sogenannten Gastarbeitern aus Süd- und Südosteuropa, ehemaligen sogenannten Spätaussiedlern aus Polen und Russland, sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlingen aus Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und zahlreichen anderen Minderheiten, zum Beispiel Armeniern, arabischen Christen und anderen mehr. Nach 1945 war diese ehemals ländliche Region kontinuierlich mit Migration und mit der Integration der Neubürger konfrontiert. Insofern ist der Kölner Norden eine typische Großstadtregion (wie viele in Deutschland), auf die die neue Flüchtlingswelle traf. Hilfsbereitschaft, aber auch Ängste und Ressentiments – auch bei ehemaligen Flüchtlingen aus verschiedenen Herkunftsmilieus – spielten wie anderenorts eine Rolle.
   Einige Menschen machten sich Gedanken darüber, wie den Menschen in ihrer Not geholfen werden kann. Dass der Staat allein diese Herausforderung nicht bewältigen konnte, war schnell klar. Direkte Hilfe, um den Geflüchteten das Leben und die Ankunft zu erleichtern, war daher das Gebot der Stunde.
   Einmal in den Kommunen angekommen, würden die Geflüchteten untergebracht: trocken, warm und satt. Das konnte man garantieren – mehr jedoch nicht. Vorausschauenden Helfern war schnell klar, dass nicht nur die neuen Nachbarn mit der Situation fertig werden mussten, sondern auch die ansässige Bevölkerung. In Köln-Worringen manches Problem im Verhältnis zwischen den Geflüchteten und der Bevölkerung zu vermeiden – das war der Plan.

Der Zeitpunkt rückt näher – die Flüchtlinge werden kommen

Das »NETZwerk Flüchtlingshilfe Worringen« ist eine vom Bürgerverein Worringen und vielen Worringer Vereinen und Institutionen sowie den beiden christlichen Kirchen ausgehende Initiative, die eigens zur Unterstützung der Flüchtlinge gegründet wurde, als sich deren Ankunft in Deutschland abzeichnete. Die Finanzierung der Hilfsmittel für Geflüchtete basiert, über das hinaus, was von der Stadt Köln zur Verfügung gestellt wurde, einzig auf Spenden aus Privatinitiativen oder spontanen Zuwendungen von Institutionen.
   Zu einer vom NETZwerk organisierten Informationsveranstaltung am 27. Januar 2015 kamen Berufstätige mittleren Alters und Ruheständler älterer Jahrgänge zusammen. Mehr als 100 Menschen bekundeten ihre Bereitschaft, in einem der Teams mitzuarbeiten. Zwölf Team-Koordinatoren verabredeten mit ihren Teams die Schwerpunkte ihrer Initiativen. Hiermit war es gelungen, das NETZwerk unter dem Motto: »Zielorientierte Organisation der hilfsbereiten Unterstützer, um den geflüchteten Menschen in Worringen bei ihren Integrationsbemühungen zur Seite zu stehen und hierbei erkannte Hindernisse aufzuzeigen«, zu knüpfen.

Die Themenbereiche im NETZwerk

Jedes der zwölf Arbeitsteams mit ihrem koordinierenden Sprecher agierte ab sofort selbständig und wandte sich folgenden Themen zu:

  1. Öffentlichkeitsarbeit
  2. Verwaltung und Weiterleitung von E-Mails
  3. Sprachausbildung
  4. Übersetzungen und Nachhilfe
  5. soziale Themen
  6. juristische Fragen und Kontakte zu den Ämtern
  7. Sport
  8. Freizeit, Literatur, gelebte Bräuche
  9. Jugendarbeit
  10. Kindergärten
  11. Betreuung von Spendengeldern/Rechtsfragen
  12. medizinische Themen

Im ersten Schritt wurden in den Arbeitsgruppen Ideen für Hilfsangebote auf Machbarkeit überprüft, im zweiten Schritt stimmte man konkrete Aktivitäten untereinander ab.

Informationsveranstaltung der Stadt Köln für Anwohner am 29. Januar 2015

Bei einer Informationsveranstaltung der Stadt Köln unmittelbar vor dem Eintreffen der Flüchtlinge in Worringen kamen auf Einladung auch die Sozialdezernentin und ein Verantwortlicher des Wohnungsamtes ins Vereinshaus Worringen. Dies ist ein im Besitz der Stadt Köln befindliches Haus mit Veranstaltungsräumen und einer großen Halle; es wird von Worringer Bürgern verwaltet. Weit über 100 interessierte Anwohner waren der Einladung gefolgt. Die zu erwartenden Familien sollten je nach Familiengröße in einem oder mehreren Wohnungseinheiten (Wohncontainer) untergebracht werden. Die Verantwortlichen der Stadt Köln versprachen, die menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge zu gewährleisten. Ehrenamtliche Hilfestellungen seitens der Bürger wurden begrüßt.

Zusammenarbeit zwischen NETZwerkern und Hauptamtlichen

Schnell zeigte sich, dass das Zusammenspiel zwischen den Ehrenamtlern im NETZwerk und der hauptamtlichen Heimleitung (hierbei handelt es sich um Sozialarbeiter des SKM) sowie den neuen Bürgern funktionierte. Die Angebote des NETZwerkes sollten sich an den von den Flüchtlingen artikulierten Bedürfnissen orientieren. Niemand sollte ihnen Hilfsangebote überstülpen!

NETZwerk-Aktivitäten heute – nach drei Jahren

Es folgten aufregende Wochen und Monate für alle Beteiligten. Ein Transparent »Willkommen in Worringen« wurde in vielen Sprachen erstellt und ein Willkommensfest organisiert. Zum dazugehörenden Picknick brachten Ehrenamtler und Flüchtlinge Speisen mit. Dies war ein gelungener Start für viele weitere Aktivitäten, zum Beispiel das Café Central als Angebot für ein Zusammenkommen im Wohnheim bei selbstgebackenem Kuchen und Kaffee. Jede Familie bekam ein »Starterpaket« mit Geschirr und Gerätschaften fürs Kochen in den Gemeinschaftsküchen. Die Heimleitung bot eine regelmäßige Kinderbetreuung an, die einige Wochenstunden durch NETZwerker unterstützt wurde. Einige Lehrer und Ehrenamtler boten Deutschunterricht an: Zweimal in der Woche konnten Interessierte die Grundbegriffe und die Anwendung der deutschen Sprache erlernen. Ein Wohnwagen wurde angeschafft und mit Computern als Sprachlabor für das Selbststudium unter ehrenamtlicher Hilfestellung eingerichtet. Muttersprachler wurden als Dolmetscher organisiert, Ehrenamtler leisteten Fahrdienste und begleiteten Geflüchtete zu Ärzten und Ämtern, gespendete Fahrräder wurden organisiert und repariert und vieles mehr.

Gedanken zur Motivation der Ehrenamtler in Worringen

Bei einigen Menschen bestand ein hohes Maß an Empathie für die geflüchteten Menschen, es gab aber auch missgünstige Menschen, die keinerlei Verständnis für die Not der Flüchtlinge hatten und die versuchten, Ängste der Bevölkerung für ihre eigenen politischen Ziele zu instrumentalisieren. Durch rechtzeitige Kontaktaufnahme und Informationen des NETZwerkes, das auch administrativ und politisch Verantwortliche immer wieder in die Pflicht nahm, gewannen diese Stimmen nicht die Überhand.
   Bewusste und unbewusste Motive zur Flüchtlingshilfe gibt es viele. Neben ethisch, religiös und altruistisch geprägten Motiven spielt eine große Rolle, dass in Deutschland viele Menschen im Zweiten Weltkrieg Fluchterfahrungen machen mussten. Auch damals gab es hilfreiche Menschen, die nicht nach Herkunft oder Gesinnung fragten, sondern halfen.
   Menschen mit persönlicher Fluchterfahrung gibt es auch in den Reihen der Ehrenamtler. Da wäre beispielsweise ein Deutscher mit palästinensischen Wurzeln, der aus seiner Heimat nach Deutschland fliehen musste, hier eine Existenz aufbauen konnte und der nun seit mehreren Jahren seine Erfahrungen in die Flüchtlingshilfe einbringt – als rüstiger Mann mit 78 Jahren; oder ein Mann, der als Kind mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben wurde und sich jetzt im Pensionsalter gemeinsam mit anderen um die Belange der Flüchtlinge kümmert. Eigene Fluchterfahrungen wird man nicht vergessen. Nicht wenige Ehrenamtler, die sich vordergründig als Einheimische Worringer definierten, setzten sich selbstreflexiv mit den verschütteten Fluchterfahrungen ihrer Eltern auseinander.
   Natürlich zählt die Frage, wieviel Zeit man für ein ehrenamtliches Engagement erübrigen kann. Während Rentner*Innen mit ihrem meist üppigen Zeitbudget aus dem Vollen schöpfen können, ist das bei den Berufstätigen nicht ganz so einfach.
   Idealerweise kommen die angebotenen Hilfen bei den Menschen an, die Kinder benehmen sich »anständig«, die Sprachstudenten lernen eifrig – aber wehe, wenn nicht …
   Wenn Kinder aggressiv und verhaltensauffällig sind, wenn zum Deutschunterricht nur zwei Teilnehmer kommen, dann kann bei beruflich und familiär belasteten Helfern die Motivation für ein nachhaltiges Engagement sehr schnell nachlassen. Viele Helfer waren nicht vorbereitet auf destruktive Reaktionen der Geflüchteten wie Streitereien untereinander, Zerstörung von Einrichtungsgegenständen, Diebstahl von Fahrrädern, nachlassende Teilnahme an den Deutschkursen und unregelmäßigen Schul- und Kindergarten-Besuch; dies gilt insbesondere bei knappen Angeboten für Einheimische und fehlender Erfahrung im Umgang mit traumatisierten und deprivierten Menschen.
   Auch die wachsende Unzufriedenheit der Heimbewohner wurde greifbar: Zwar fanden einige eine Wohnung in der Umgebung. Viele sind aber nach wie vor mit der Enge der Unterbringung, der Notwendigkeit gemeinsamer Nutzung von Küchen, Waschräumen und Duschen bei nachlassender Wohnqualität der Container konfrontiert.
   Nach mehr als zwei Jahren Engagement war die sinkende Motivation vieler Ehrenamtler und Unterstützer unübersehbar. Oftmals gab die mangelhafte Unterstützung durch die Politik den Anlass dazu, sich zurückzuziehen. Hier gegenzusteuern, ist Aufgabe der Politik; dennoch können immer noch die wichtigsten Angebote aufrechterhalten werden: Sprachunterricht, Kinderbetreuung, Unterstützung bei der Wohnungssuche und Umzugshilfen, auch das Fahrrad-Projekt wurde weiter betrieben. Durch gezielte Ansprachen wurde erreicht, dass das Interesse am Worringer Brauchtum geweckt wurde – ein wichtiger Faktor bei den beiderseitigen Integrationsbemühungen.

Ausblick

Die neue Flüchtlingswelle hat das Spannungsfeld zwischen euphorischer Hilfsbereitschaft und realen Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements deutlich gemacht. Durchsetzungsvermögen, der Wille, konkret anzupacken, und Frustrationstoleranz gegenüber zahlreichen Widerständen bringen nicht alle ehrenamtlichen Helfer mit. Reflexion und Supervision können dabei helfen, unvermeidliche Enttäuschungen zu verarbeiten und konstantes Engagement zu fördern.
   Idealerweise decken sich die Bedürfnisse der Flüchtlinge mit den Hilfsangeboten des NETZwerks. Wenn nicht, heißt es: anpassen! Das erfordert dann erneut viel Einsatz der freiwilligen Helfer.
   Ungelöst ist die drängende Frage, wie man den inzwischen ansässigen Flüchtlingen helfen kann, sich in ihrer neuen Umgebung zu integrieren. Von Amts wegen ist es aus Datenschutzgründen wohl nicht möglich, eine Information an das NETZwerk zu geben, wenn Geflüchtete in eine eigene Wohnung in Worringen eingezogen sind. Momentan ist es dem Zufall überlassen, ob weiterhin ein Kontakt zu den Geflüchteten besteht. Die Notwendigkeit eines Konzeptes für solche offenen Fragen ist offensichtlich.
   Das Ehrenamt darf nicht nur gelobt, sondern es muss auch gestärkt werden! Ein mit den zuständigen Ämtern abgestimmtes Konzept könnte bei der Lösung helfen. Das sollte eine vorrangige Aufgabe von hauptamtlichen Sozialarbeitern sein. In einem solchen Konzept müssten die sozialpolitischen Maßnahmen eingebunden werden, die von jedem Flüchtling beansprucht werden können.
   Weiterhin sollten sich hauptamtliche Sozialarbeiter um die Vernetzung der einzelnen NETZwerke in einer Region kümmern. Administrative Tätigkeiten sollten nicht Bestandteil der ehrenamtlichen Tätigkeit sein.
   Schön wäre es, wenn die Aktivitäten des NETZwerks Flüchtlingshilfe Worringen von den Einheimischen nachhaltig, das heißt andauernd unterstützt würden. Das geht durch aktive Mitarbeit oder Spendenbereitschaft ebenso wie mit einem freundlichen Entgegenkommen für unsere neuen Mitbürger. Damit könnte dem NETZwerk ein neuer Schwung gegeben werden, und es könnte sich zeigen, dass nicht nur das NETZwerk Flüchtlingshilfe Worringen, sondern tatsächlich der ganze Ort Anteil am Schicksal der Flüchtlinge nimmt – hier und überall auf der Welt.

Der Autor

Hans-Bernd Nolden, Jg. 1941, Dipl.-Ing., eigene Fluchterfahrung als Kind in Deutschland in den Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges