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24/8/2019 : 12:36 : +0200

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Andreas Maercker & Simon Forstmeier:

Forschungsprofil des Fachbereichs Psychopathologie und Klinische Intervention an der Universität Zürich

Klinische Gerontopsychologie am Fachbereich

Das Psychologische Institut der Universität Zürich hat im Jahr 2005 die bisher rein als Lehrbereich existierende Fachrichtung Psychopathologie und Klinische Intervention zu einer neuen, voll ausgestatteten Einrichtung gemacht, deren Leitung Prof. Andreas Maercker übernahm, mit Aufgaben in den Bereichen:

  • Lehre (für Psychologiestudierende),
  • Patientenbehandlung (in eigenen Spezialambulanzen: Trauma, Altersprobleme u.a.) und 
  • Forschung (in drei Schwerpunkten: Traumafolgestörungen, Probleme des Alters und Electronic Mental Health).

Neben Prof. Andreas Maercker als Ordinarius und Prof. Hans-Joachim Haug als Extraordinarius gehören derzeit elf weitere fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Team.
   Klinische Gerontopsychologie und Alterspsychotherapie ist als einer der inhaltlichen Schwerpunkte für alle genannten Aufgaben relevant.

Altersprobleme und Traumafolgestörungen: Grundlagenforschung

Unter Traumafolgestörungen werden alle psychischen Störungen aufgefasst, die nach schwerwiegenden Lebensereignissen entstehen können. Wir folgen der ICD-10-Definition von Traumata als »kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von aussergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde«. Erforscht werden daneben auch die Folgen anderer einschneidender Lebensereignisse, wie die komplizierte Trauer nach dem Tod wichtiger Bezugspersonen sowie Anpassungsstörungen allgemein.
   Im Jahr 2005 wurde die Züricher Altersstudie durchgeführt, in der 750 Über–65-Jährige untersucht wurden, die nach repräsentativen Kriterien – Geschlecht, Wohnform (eigene Wohnung, Senioreneinrichtung, Krankenhaus) und Altersuntergruppe – ausgewählt worden waren. Eine epidemiologische Stichprobenziehung konnte gewährleisten, dass die Stichprobe der wirklichen Merkmalsverteilung in der Bevölkerung entspricht, daher musste keine sog. Gewichtung der Daten vorgenommen werden, wie in vielen anderen epidemiologischen Studien. 58% der primär kontaktierten Personen nahmen teil. Die Teilnehmer wurden wahlweise durch persönliche Interviews oder zugesandte Fragebögen untersucht – wobei wir herausfanden, dass für unsere Fragen, die Ergebnisse durch die Befragungsart nicht beeinflusst wurden. Es wurde die Prävalenz von fünf Störungsbildern untersucht:

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), 
  • Anpassungsstörung, 
  • Schwere depressive Störung, 
  • Dysthymie und 
  • Komplizierte Trauer-Störung,

wobei beide Depressionsarten zusammen mit ca. 12% am häufigsten waren (Maercker, Forstmeier, Enzler et al. 2008).
   Daneben wurde die Inanspruchnahme von professioneller Hilfe (u.a. Psychotherapie) erfasst. Zirka 2% gaben an, seit dem 65. Lebensjahr eine Psychotherapie in Anspruch genommen zu haben, dazu kamen noch einmal 3%, die eine Pharmakotherapie einhergehend mit therapeutischen Gesprächen wahrnahmen. Frauen nahmen diese Therapieform etwa doppelt so häufig wie Männer in Anspruch (Maercker et al. 2005). Nur 15% der Befragten mit PTBS und niemand mit schwerer Depression oder Komplizierter Trauer nahmen allein Psychotherapie in Anspruch. Kombinierte Pharma- und Psychotherapie bekamen am häufigsten Patienten mit Komplizierter Trauer und Dysthymie (jeweils 17%). Diese Zahlen zeigen zum einen das Ausmass des Bedarfs, zum anderen die hohe Rate unbehandelter psychischer Probleme im höheren Lebensalter.
   Im Jahr 2006 fand in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Medizinische Psychologie der Universität Leipzig eine großangelegte deutschlandweite epidemiologische Studie zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) statt. 2046 Personen wurden in über 200 Punkten in Deutschland in klinischen Interviews zu traumatischen Erlebnissen und PTBS-Symptomen befragt (Maercker, Forstmeier, Wagner et al. 2008). Stärker differenziert als in vergleichsweise vorhandenen Studien in anderen Ländern waren Fragen zum II. Weltkrieg, z.B. nach der Teilnahme an Kriegshandlungen, nach dem Ausgebombtsein sowie nach Flucht- und Vertreibungserlebnissen. Hauptergebnis war, dass die PTBS-Jahresprävalenz bei den Über-65-Jährigen rund dreifach höher lag als bei jungen und mittelalten Personen. Nach den strikteren amerikanischen DSM-Kriterien hatten diese Störung 3,5% der Befragten, nach den weitgefassteren ICD-10-Kriterien waren es 7,3%. Als Ursache für diese erhöhten Prävalenzen gegenüber den Jüngeren muss die relativ hohe Rate der kriegsbedingten Traumatisierungen (ca. 25%) gelten. Das Ergebnis weist darauf hin, dass es in der älteren Bevölkerung eine recht hohe Rate von PTBS gibt, die wahrscheinlich nicht oder fehldiagnostiziert wird.
   Weitere, eher grundlagenwissenschaftliche Forschungsthemen der Abteilung sind:

  • Prozesse der posttraumatischen Reifung, zu der wir ein sog. »Janus-Kopf-Modell der posttraumatischen Reifung« (mit einer funktionalen und einer illusorischen Seite) erarbeitet haben (Zöllner u. Maercker 2006); 
  • soziale Anerkennung als Traumaopfer (bzw. ihr Fehlen), insbesondere bei ehemaligen politischen Häftlingen in der DDR (z.B. Maercker u. Müller 2004) und
  • Ärgerformen und Rachegedanken als Traumatisierungsfolgen (z.B. Orth et al. 2006).

Altersprobleme und Traumafolgestörungen: Psychotherapie

Psychotherapeutisch steht im Forschungsmittelpunkt des Schwerpunkts Altersprobleme und Traumafolgestörungen die Lebensrückblicks-Intervention (Life review) bei älteren Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung, die wir bereits früher mit einer Pilotstudie untersucht hatten (Maercker 2002). Als weiterer narrativer Ansatz der Traumatherapie wurde ein ergänzender Therapieansatz entwickelt, in dem existentielle Themen in einer Schreibtherapie ganz besonders fokussiert und unterstützt wurden (Gebler u. Maercker 2007). In diesem Bereich ist eine grosse weiterführende Studie zum kontrollierten Wirksamkeitsnachweis in Vorbereitung.
   Die Internet-Psychotherapie, welche ja ein eigenständiger Schwerpunkt der Forschung des Fachbereichs ist, ist im Altersbereich noch nicht systematisch von uns untersucht worden. In unseren Internet-Psychotherapie-Studien zur PTBS, Komplizierten Trauer bzw. präventiven Intervention zur Komplizierten Trauer (www.uzh.ch/online-psychotherapie) haben auch – bisher nur sehr wenige – ältere Menschen über 65 Jahre teilgenommen. Zurzeit wird ein sog. »Butler-Programm« zur angereicherten sozialen Interaktion und Verbesserung von Stimmung und Befindlichkeit in einer groß angelegten Studie in Kooperation mit Informatikern und den Universitäten Wien und Valencia untersucht. Dabei geht es um mehrfach tägliche Interaktionen mittels eines individualisierten Programms am eigenen häuslichen PC, z.B. durch das Schreiben und den Austausch von Lebensberichten, Fotosammlungen und Erinnerungen sowie durch den virtuellen Aufenthalt an angenehmen Orten.

Kognitive Beeinträchtigung und Alzheimer-Demenz: Grundlagenforschung

Im Bereich der psychologischen Alzheimer-Forschung interessiert uns vor allem die motivationale Reservekapazität. Dieses Konzept fasst vier motivationale Fähigkeiten zusammen, die eine Person mit Resilienz gegenüber neuropathologischen Veränderungen ausstattet. Es handelt sich um ein Teilkonzept der neuronalen Reservekapazität, die davon ausgeht, dass ein lebenslanges Training verschiedener Fähigkeiten den Beginn der klinischen Manifestation einer Alzheimer-Demenz hinauszögern kann. Es gibt bereits viele Befunde, die zeigen, dass ein lebenslanges Training in kognitiven und körperlichen Aktivitäten einen protektiven Einfluss bei der Entwicklung leichter kognitiver Beeinträchtigungen und der Alzheimer-Demenz hat (»kognitive Reservekapazität«). Unser Anliegen ist nun, auch für die motivationale Reservekapazität empirische Evidenz zu finden.
   In einer Studie mit 147 nicht-dementen Senioren (60–94 Jahre), von denen 10% eine leichte kognitive Beeinträchtigung aufwiesen, war das Ausmaß früherer motivationaler Fähigkeiten – neben dem Ausmaß früherer Intelligenz und dem Alter – tatsächlich ein signifikanter Prädiktor einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im Alter (Forstmeier u. Maercker im Druck). Zur Erfassung der motivationalen Reservekapazität verwenden wir verschiedene Instrumente: Eine Schätzung ist möglich aufgrund der Berufsbiographie und dem Datensatz des Occupational Information Network (O*NET), sowie durch Verhaltenstests (Belohnungsaufschub-Test und Szenario-Technik) und Fremd- und Selbstbeurteilung.
   In zwei Längsschnittstudien sollen die ersten positiven Ergebnisse untermauert werden. In einer Teilstudie innerhalb eines Längsschnittprojektes des deutschen Kompetenznetzes Demenzen (Leitung: Prof. Dr. W. Maier, Prof. Dr. H. van den Bussche) wird unter anderem ein Maß der früheren motivationalen Fähigkeiten als Prädiktor für das Risiko untersucht, eine leichte kognitive Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI) oder eine Demenz zu entwickeln. Eine weitere Längsschnittstudie wird in den nächsten Jahren in Zürich durchgeführt, in dem die motivationale Reservekapazität als Prädiktor der Konversionsrate von MCI zur Demenz sowie als Prädiktor des kognitiven Abbaus bei Alzheimer-Demenz untersucht wird. Wenn sich die motivationale Reservekapazität als protektiver Faktor in der Entwicklung und Manifestation der Alzheimer-Demenz verfestigt, wird dies notwendigerweise Auswirkungen auf unsere Präventionskonzepte haben, denn motivationale Fähigkeiten gehören zu den modifizierbaren Risikofaktoren (Forstmeier u. Maercker angenommen).

Kognitive Beeinträchtigung und Alzheimer-Demenz: Psychotherapie

Neben der psychotherapeutischen Behandlung bei Anpassungsproblemen im Alter ist ein weiterer Schwerpunkt die Psychotherapie bei leichter kognitiver Beeinträchtigung und Frühdemenz. Die wichtigsten Prinzipien unseres Therapieansatzes bestehen:

  • in einer genauen Verhaltensanalyse zum Verständnis der emotionalen oder Verhaltensprobleme, der auslösenden Bedingungen und der funktionellen Folgen; 
  • in der Psychoedukation der Patienten und ihrer Angehörigen; 
  • im Aufbau angenehmer und realistischer Aktivitäten; 
  • in der Förderung der emotionalen Bewältigung; 
  • in der Veränderung depressiogener und angstauslösender Gedanken; 
  • im Lebensrückblick zum Zwecke der Stabilisierung der Stimmung und zum Trainieren des Langzeitgedächtnisses; 
  • in der Förderung kognitiver Funktionen; 
  • in der Modifikation von Verhaltensproblemen sowie 
  • der Beratung von Angehörigen und Pflegekräften (Forstmeier u. Maercker 2008a).

Derzeit planen wir eine Interventionsstudie, in der dieses Psychotherapieprogramm evaluiert werden soll.
   Bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung kommt eine Psychoedukation über Risikofaktoren des kognitiven Abbaus hinzu. Diese Risikogruppe bietet sich auch an, motivationale Fähigkeiten zu trainieren. In einem Artikel in Psychotherapie im Alter haben wir einige Strategien für das Training motivationaler Kompetenzen beschrieben (Forstmeier u. Maercker 2008c).
   Schließlich ist uns eine Ressourcenorientierung in der Alterspsychotherapie wichtig. Diese ist bereits in den Lebensrückblicks-Interventionen, aber auch in der Therapie bei kognitiv Beeinträchtigten enthalten (Forstmeier u. Maercker 2008a). In einem systematischen Überblicksartikel beschreiben wir verschiedene Ressourcenbereiche sowie Diagnoseinstrumente, die zur Exploration von Stärken, Kompetenzen und Ressourcen geeignet sind (Forstmeier u. Maercker 2008b). Wir sind davon überzeugt, dass in den während eines Lebens erworbenen Bewältigungsmöglichkeiten und in der Lebensreife älterer Menschen ein enormes Potential für die Gesundheit von Senioren und die psychotherapeutische Behandlung im Alter liegt.

Literatur

Forstmeier S, Maercker A (2008a) Probleme des Alterns (Problems of aging). Göttingen (Hogrefe).
Forstmeier S, Maercker A (2008b) Ressourcenorientierte Diagnostik im Alter. Klinische Diagnostik und Evaluation 2: 186–204.
Forstmeier S, Maercker A (2008c) Die Rolle motivationaler Ressourcen im 6. Lebensjahrzehnt und ihre Förderung in der Psychotherapie. Psychotherapie im Alter 5(4): 513–525.
Forstmeier S, Maercker A (im Druck) Motivational reserve: Lifetime motivational abilities influence cognitive and emotional health in old age. Psychology and Aging.
Forstmeier S, Maercker A (angenommen) Potentially modifiable risk factors in the development of Alzheimer’s Disease. European Neurological Review.
Gebler FA, Maercker A (2007) Expressives Schreiben und Existentialität bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse. Eine erste Interventionsstudie. Trauma & Gewalt 1: 264–273.
Maercker A, Müller J (2004) Erzähltechniken bei der Therapie posttraumatischer Belastungsstörungen bei älteren Menschen: Life-Review und Testimony. Psychotherapie im Alter 1(3): 37–48.
Maercker A, Müller J (2004) Social acknowledgment as a victim or survivor: A scale to measure a recovery factor of PTSD. Journal of Traumatic Stress 17: 345–351.
Maercker A (2009). Lebensrückblicksinterventionen als wirksame Alterspsychotherapietechniken. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin (Heft 1/2009 im Druck)
Maercker A, Enzler A, Grimm G, Helfenstein E, Ehlert U (2005) Inanspruchnahme und Psychotherapiemotivation in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe über 65jähriger – Ergebnisse der Zürcher Altersstudie. Psychoth Psychosom Med Psychol 55: 177–182.
Maercker A, Forstmeier S, Enzler A, Krüsi G, Hörler E, Maier C, Ehlert U (2008) Adjustment disorders, PTSD and depressive disorders in old age: Findings from a community survey. Comprehensive Psychiatry 49: 113–120.
Maercker A, Forstmeier S, Wagner B, Glaesmer H, Brähler E (2008) Posttraumatische Belastungsstörungen in Deutschland: Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. Nervenarzt 79: 577–586.
Orth U, Montada L, Maercker A (2006) Feelings of revenge, retaliation motive, and posttraumatic stress reactions in victims of violent crimes. Journal of Interpersonal Violence 21: 221–243.
Zoellner T, Maercker A (2006) Posttraumatic growth in clinical psychology – a critical review and introduction of a two component model. Clinical Psychology Review 26: 626–653.