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19.9.2017 : 17:21 : +0200

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Frank Godemann:

Gedächtnissprechstunde der Klinik für Seelische Gesundheit im Alter und Verhaltensmedizin am St. Joseph Krankenhaus in Berlin-Weißensee

Die Spezialsprechstunde für Gedächtnisstörungen hat sich seit 2009 auf die Diagnostik und Behandlung von Menschen mit kognitiven Störungen spezialisiert. In der Sprechstunde werden jährlich mehr als 200 Patienten untersucht, um zu klären, wie die subjektiv erlebten oder von den Angehörigen beobachteten Gedächtnisstörungen einzuordnen sind. Die Sprechstunde ist Teil der gerontopsychiatrischen Versorgung des St. Joseph Krankenhauses Berlin-Weißensee und nimmt vornehmlich Patienten aus dem Bezirk Berlin-Pankow im Rahmen der regionalen Pflichtversorgung an.
   Einige wesentliche Merkmale (vielleicht auch Besonderheiten) der Spezialsprechstunde sind:

  • Die Diagnostik findet zweistufig statt. Ambulant wird über Screeninginstrumente geklärt, ob die diagnostische Abklärung ausschließlich ambulant stattfindet oder zusätzlich eine Aufnahme für einen kurzen, maximal drei Tage dauernden teilstationären Aufenthalt empfehlenswert ist. Bei nahezu allen schwer von Demenz betroffenen Patienten (MMST <18) findet ausschließlich eine ambulante Diagnostik statt, da das Vorliegen der Demenz als sicher gilt, die Patienten durch den teilstationären Aufenthalt häufig sehr irritiert waren und die weitere Diagnostik (z.B. Bildgebung) gleichfalls ambulant erfolgen kann.
  • Bei allen Patienten mit subjektiv erlebten Gedächtnisstörungen oder einer für Demenz auffälligen Fremdanamnese mit einem MMST ≥ 18 findet eine teilstationäre Aufnahme statt. Im Rahmen des teilstationären Settings ist mehr Zeit vorhanden, um den Verlauf der Erkrankung analysieren zu können und die Angehörigen in die Diagnostik, später auch in die Behandlung, einzubeziehen.
  • Neben den klassischen Untersuchungsmethoden (MRT, ausführliche neuropsychologische Untersuchung) spielt die systematische Beurteilung der Alltagskompetenzen und -defizite eine herausragende Rolle. Alltagssituationen und alltägliche Aufgaben werden simuliert und von einer erfahrenen Krankenschwester beurteilt. Gerade dieser Baustein ist in anderen Settings (z.B. in der vollstationären Diagnostik) deutlich schwerer zu realisieren.
  • Die diagnostische Einheit ist räumlich vom stationären Bereich getrennt. Nur so ist eine »Wohnzimmeratmosphäre« zu erzeugen, die die Beurteilung der Alltagskompetenzen erleichtert.
  • Bei Vorliegen einer Demenz (ca. 1/3 der Patienten) wird den Betroffenen und ihren Angehörigen eine einjährige Behandlung im Rahmen der Institutsambulanz angeboten. Angehörige können an einer Selbsthilfegruppe teilnehmen, die Betroffenen werden ärztlich begleitet und gegebenenfalls pharmakologisch behandelt.
  • Allen Patienten mit einer leichten kognitiven Störung wird nahegelegt, sich nach einem Jahr erneut untersuchen zu lassen, um eine mögliche Progression der kognitiven Störung zeitnah diagnostizieren und behandeln zu können.
  • Die Indikation für die Liquorpunktion wird sehr kritisch gestellt. Kriterien für den Verzicht auf diese Untersuchung sind unter anderem ein MMST <18, ein hohes Lebensalter, der Nachweis einer Hippocampusatrophie in der Bildgebung sowie der klassische Verlauf einer Erkrankung vom Alzheimer-Typ. Dabei ist nicht das einzelne Kriterium entscheidend, sondern die Kombination wird diskutiert. Im Falle einer Indikationsstellung wird die Liquorpunktion im Rahmen einer kurzen vollstationären Aufnahme durchgeführt.

Es gibt kein explizites Vorbild für diese Form der Organisation der Gedächtnissprechstunde, das vorgestellte Modell hat sich im klinischen Alltag bewährt.   Die Gedächtnissprechstunde ist nur ein kleiner Teil der Klinik für Seelische Gesundheit im Alter und Verhaltensmedizin. Auf 44 Betten, bei einem Versorgungsbezirk von mehr als 330.000 Einwohnern, werden die unterschiedlichen gerontopsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Verhaltensstörungen bei Demenz, Delirien, psychotische Störungen im Alter und Anpassungsstörungen (z.B. nach Verlust des Partners) behandelt.