Sie sind hier: Archiv > Zeitschriften-Archiv > 2011 > Heft 2
DeutschEnglishFrancais
23.9.2017 : 3:54 : +0200

Archiv

Marianne Bednorz und Johannes Kipp:

»Erinnerungen im Netz«

Ein multimedialer Ausflug in die Vergangenheit

Das Stadtteilzentrum Agathof

Im Stadtteil Bettenhausen – im Kasseler Osten – wurde ein altes Schulgebäude in eine Begegnungsstätte für ältere Menschen umgewandelt. Die Arbeit wird von einem gemeinnützigen Verein getragen und von der Stadt Kassel im Rahmen der offenen Altenhilfe finanziert. Kernstück der Arbeit des Stadtteilzentrums sind Gruppenangebote mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Begegnung, Kommunikation, Bewegung, Bildung und Kultur sowie Kreativität und Neue Medien. Wöchentlich werden ca. 450 Besucher gezählt, die in 56 unterschiedlichen Gruppen im Hause bzw. für einzelne Aktivitäten auch im Stadtteil eine Basis für ihre Aktivitäten gefunden haben. Die Gruppen werden durch freiwillige Mitarbeiter und zu einem Drittel durch Honorarkräfte, die die Nutzer selbst bezahlen, geleitet. Die Gruppenangebote sind so konzipiert, dass sie auf die vielfältigen Interessen und das Selbstverständnis der älteren Nutzer treffen.
   Bekannt wurde das Stadtteilzentrum auch außerhalb von Kassel durch das von der Europäischen Gemeinschaft und der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Kulturprojekt »Erinnerungen Raum geben – Making Memories Matter« (Schweitzer u. Trilling 2005, Bednorz 2005), bei dem ältere Menschen unter künstlerischer Anleitung ihre persönlichen »Erinnerungskisten« gestalteten. Sieben Nationen nahmen an diesem Projekt teil und die »Erinnerungskisten« wurden in zahlreichen Ländern ausgestellt.
   Erinnerungsarbeit ist im Stadtteilzentrum schon lange Zeit eine wichtige Thematik. Um Erinnerungen lebendig werden zu lassen, werden unterschiedliche Herangehensweisen angeboten. Im Gesprächskreis »Erzählte Erinnerungen« findet ein reger Austausch statt, in der biografischen Schreibwerkstatt »Zeitreisen« werden Erinnerungen schriftlich festgehalten. Zeitzeugengespräche werden in der Geschichtswerkstatt »Bettenhausen früher und heute« organisiert. Geschichte und Geschichten, die in den Gruppen zusammengetragen werden, wurden von dieser Gruppe über Ausstellungen, Broschüren, Filme und Stadtteilkalender öffentlich gemacht. Im Radioprojekt »Aus dem Leben gegriffen« werden Geschichten mit einem Mikrofon aufgezeichnet und im Freien Radio Kassel ausgestrahlt. Die Gruppe »Erinnerungen im Netz« bietet einen besonderen Anreiz für diejenigen, die ihr Interesse an Geschichte(n) mit ihren Kenntnissen in den Neuen Medien verbinden möchten.

Das EiN-Projekt »Erinnerungen im Netz«

Während der Geschichtskreis »Bettenhausen früher und heute« noch ganz auf die Printmedien zum Bewahren von Erinnerungen setzte, hat die Leitung des Stadtteilzentrums die neuen Möglichkeiten des Internets auch für die Arbeit mit älter werdenden Menschen frühzeitig erkannt. Am Ende einer langen Suche nach einer geeigneten Software wurde über einen Projektantrag an das Land Hessen schließlich im Rahmen des Sozialnetzes Hessen die jetzige Software in einer praktikablen Form zur Verfügung gestellt. Das Internet bietet durch Digitalisierung von Dokumenten und Bildern etc. zeitgemäße Archivierungs- und Präsentationsmöglichkeiten.
   Durch die Nutzung der Neuen Medien ist es möglich, die Geschichte und Geschichten aus dem Wohnumfeld zu bewahren und sich der Herausforderung zu stellen, mit neuen Digitalisierungstechniken umzugehen. Erinnerungen im Netz ist ein Projekt, das ein sinnstiftendes Betätigungsfeld im Bereich neuer Medien für Menschen bietet, die nicht (mehr) erwerbstätig sind. Hier können Menschen in der zweiten Lebenshälfte Kenntnisse in den neuen Technologien erwerben, erweitern und festigen und die neu erworbenen Fertigkeiten ehrenamtlich in die Gruppenarbeit einbringen. Lernen als Selbstzweck ist auch für Ältere unattraktiv, daher ist es eine Aufgabe der Altenarbeit, solche neue Engagementfelder zu entwickeln.
   Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die vielschichtigen Aufgaben von EiN als interessante Herausforderungen erlebt werden. Die Arbeit knüpft an Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gruppenteilnehmer an, die ihre Kompetenzen durch ihr Engagement erhalten und erweitern können. Dies wird als Bereicherung im erwerbsfreien Leben wahrgenommen. Dass mit ihrem Einsatz etwas Interessantes und Nützliches für andere Menschen geschaffen wird, gibt der eigenen Aktivität einen zusätzlichen Wert.
   Während sonst in den Gruppen im Stadtteilzentrum Frauen in der Mehrzahl sind, lassen sich in der Gruppe »Erinnerungen im Netz« mehr Männer aktivieren, da für sie die Computerarbeit offensichtlich einen hohen Stellenwert hat (bei Zählungen 33 Frauen und 49 Männer – bzw. 2008: 36 Frauen und 45 Männer). Sie treffen sich wöchentlich einmal für zwei Stunden. Die TeilnehmerInnen der Gruppen sind im Durchschnitt 70 Jahre alt.

Materialien und Vorgehen

Das vordergründige Ziel dieses auch technisch aufwendigen Medienprojektes ist es, wertvolles Wissen von Zeitzeugen zur erhalten und Materialien aus dem und über den Kasseler Osten leichter zugänglich und nutzbar zu machen. Es entsteht eine Medienbibliothek, in die Fotos, Tondokumente, Filme und Texte aufgenommen werden, die alle den Kasseler Osten betreffen (vgl. das Beispiel am Schluss). Die Gruppe steckt sich Ziele, was in den nächsten Gruppentreffen bearbeitet werden soll, und die Mitglieder sammeln die dafür notwendigen Materialien oder greifen auf den Fundus und auf neue Ausarbeitungen der Geschichtswerkstatt »Bettenhausen früher und heute« zurück. Zu Hause werden die einzelnen Beiträge ins Internet (back end) gestellt, sind aber nur für die Teilnehmenden sichtbar. In den Redaktionssitzungen werden die Beiträge besprochen und dann freigeschaltet (front end). Jetzt erst sind die Materialien für die Öffentlichkeit sichtbar. Besser als in einem Printmedium lassen sich die Themen und Beiträge durch Anklicken auf der Homepage direkt darstellen. Sie sind nach thematischen Gesichtspunkten, über eine Zeitleiste und nach dem Ort des Geschehens auf dem Stadtplan aufrufbar. Die zuletzt erstellten und beliebtesten Beiträge können außerdem direkt angeklickt werden.
   Die Möglichkeiten zur Mitarbeit in der Gruppe sind vielfältig: Neben der Computerarbeit geht es auch um das Verfassen von Beiträgen. Wer also lieber recherchiert, archiviert oder redaktionell arbeitet, kann in dieser Gruppe mehr darüber lernen und vorhandenes Wissen einbringen. Interessierte, die ihre Kenntnisse und Medienkompetenzen erweitern wollen, sind eingeladen. Wichtig sind auch die Bearbeitung von Video-, Audio- und Text- bzw. Bilddateien und schließlich der Umgang mit dem CMS-System (Content-Management-System), das von der Firma Namics speziell für dieses Programm entwickelt wurde. Ein Gruppenmitglied, 1943 geboren, bringt in die Gruppe eine hohe Computerkompetenz ein. Durch die Mitarbeit dieses Mitglieds werden Schwierigkeiten und Fehler bei der Arbeit schneller überwunden und die Möglichkeiten zum Voneinanderlernen sind groß.
   Die Software, die vom Sozialnetz Hessen zur Verfügung gestellt wurde, kann auch von anderen interessierten Initiativen und Kommunen, ähnlich wie im Kasseler Osten, für lokale Erinnerungsarbeit genutzt werden. Interessierte können sich über »Erinnerungen im Netz« informieren, wenn sie die Seite einfach aufrufen. Obwohl dies ganz einfach geht und der Hinweis bei Google ganz oben steht, soll hier ein Beispiel dargestellt werden.

Ein beispielhafter Beitrag

Gaststätte »Insel Helgoland« 

Zeit: 1958
Ort: Gaststätte Insel Helgoland

Hier ist ein Bild eingeblendet

Die »Insel Helgoland«, eine Traditionsgaststätte in Bettenhausen, erhielt ihren Namen wegen der besonderen Lage auf der Insel zwischen Losse und Mühlgraben. Der Graben ist inzwischen zugeschüttet und an die Insel erinnert heute nur noch der Inselweg. Die Gaststätte war während ihres langen Bestehens einer der Mittelpunkte des Gemeindelebens. In ihr wurden z.B. der »BC Sport« und der Sportvereine »Kurhessen«, der spätere »KSV«, gegründet.
   Die Bettenhäuser Wilgard Schiller, August Leinweber und Uschi Knoke trafen sich viele Jahre in dem Geschichtskreis »Bettenhausen früher und heute«. Sie erinnern sich hier mit ganz persönlichen Schilderungen an die ersten sechs Jahrzehnte der Gaststätte bis 1958.
   Wilgard Schiller berichtet: »Der älteste über ›Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit‹  zu Bettenhausen vorliegende Erbleihebrief datiert vom 4. November 1689. Wer außer dem Inhaber des Erbleihebriefes einen Ausschank haben wollte, konnte das nur durch einen Untervertrag mit jenem erreichen. Da gab es die wiederholten Versuche des Schreinermeisters Jakob Zuschlag, eine Schankgenehmigung zu erhalten. Als er 1891 unter Einsatz seines Lebens ein Kind aus der Hochwasser führenden Losse gerettet hatte und dafür ausgezeichnet werden sollte, verzichtete er auf die Rettungsmedaille und erbat sich dafür die Konzession für eine Gastwirtschaft, die er dann ›Insel Helgoland‹ nannte. Er hatte einen Sohn, Heinrich Zuschlag, und zwei Töchter. Seine Tochter Lina heiratete später Albert Leinweber und führte mit ihm die Gaststätte weiter.
   Als in den 1890er Jahren das Fußballspiel von England herüber kam, wurde 1894 der 1. Casseler Ballspielclub ›BC Sport‹ in der Gaststätte ›Insel Helgoland‹ aus der Taufe gehoben und ein Jahr später der ›Sportverein Kurhessen‹, der spätere KSV, gegründet.«
   August Leinweber, der Sohn der Gastwirtsleute Lina und Albert Leinweber, erinnert sich, dass es einen Sportplatz damals noch nicht gab. Die Fußballer traten demnach auf dem Forst gegeneinander an, damals ein militärisches Übungsgelände zwischen Bettenhausen und Waldau. Sie mussten, berichtet Leinweber, ihre Torlatten und Eckfahnen dorthin schleppen, nach dem Spiel wieder abbauen und zur »Insel« zurückbringen. Egal ob Sieg oder Niederlage, anschließend wurde gefeiert. »Mit nem Mußtenwecke (Mettbrötchen) für 15 Pfennig oder ner Portion Schmandhering mit Pellmännern (Pellkartoffeln), oder Sulperknochen (gekochtes Pökelfleisch) mit suren Kohl und Salzkartuffeln für 60 Pfennige wurde sich dann gestärkt.«
   »Der alte Brauch wird nicht gebrochen – Familien können Kaffee kochen«. Wo dies geschrieben stand, so erzählt Wilgard Schiller, da wurde mitgebrachter Kaffee aufgebrüht und für die leeren Tassen, Milch und Zucker ein paar Pfennige berechnet. Am Abend wurden mitgebrachte Stullen verzehrt. »Der Wirt lieferte dazu Messer, Brettchen und die Menage«, ergänzt Schiller. »Als besondere Attraktion hatte der Inselwirt einen Kahn angeschafft, mit dem man für 10 Pfennige auf der Losse fahren konnte. Hiervon machten die Gäste regen Gebrauch. Bei dem Feuersturm in der Kasseler Altstadt am 22. Oktober 1943 kamen das Gastwirtehepaar, Lina und Albert Leinweber, ums Leben«. Die »Insel Helgoland« wurde in dieser Bombennacht vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde sie aber wieder aufgebaut und erlebte noch so manche Feier, vor allem große Familienfeiern.

Feier der Goldenen Hochzeit der Familie Kugler Ende der 30er Jahr in der »Insel Helgoland«

Uschi Knoke erzählt aus ihrer Erinnerung: »Es war im Jahr 1938. Wir wohnten am Dorfplatz in einem alten Bauernhaus. Eine Steintreppe führte in das Haus; unter der ging es hinab in den Keller. Es war ein schönes Wohnen. Man hörte die Losse rauschen und die Glocken der nahen Kirche läuten. Hundert Schritte entfernt war die Gaststätte ›Insel Helgoland‹ und wir waren dort zu einer Goldenen Hochzeitsfeier eingeladen. Die Feier war wunderschön, nur das Wetter spielte nicht mit. Der Wirt August Leinweber war aufgeregt und lief ständig raus und rein. Als ich ihn fragte, was denn los sei, antwortete er: ›Wir haben Hochwasser! Ich muss schnell alles aus dem Keller holen‹. Hochwasser! Ich ging erschrocken in den Saal zurück und rief der feiernden Gesellschaft zu: ›Wir haben Hochwasser!‹ Sofort rannten alle Gäste von der ›Insel Helgoland‹ zum Dorfplatz und zu dem Haus Kirchgasse 8. Tatsächlich, das Wasser stand auf dem Dorfplatz, doch es hatte vor unserem Keller haltgemacht. Glück gehabt! Den Dorfplatz als See mit schwimmenden Enten darauf, das hat man, so glaube ich, später nie wieder erlebt.«

Literatur

Bednorz M (2005) Ein europäisches Projekt der offenen Altenarbeit im Kasseler Stadtteilzentrum Agathof. Psychotherapie im Alter 2(1): 147–149.
Schweitzer P, Trilling A (2005) Making Memories Matter/Erinnerungen Raum geben. Kassel (euregioverlag).