Sie sind hier: Archiv > Zeitschriften-Archiv > 2013 > Heft 1
DeutschEnglishFrancais
20.11.2017 : 21:51 : +0100

Archiv

Susan A. Peter:

Zum Schutz gewaltbetroffener Frauen und deren Kinder

Stiftung Frauenhaus Zürich

Frauenhäuser, grundsätzlich eine Erfolgsgeschichte, aber ...

Im Jahre 2012 gibt es in der Schweiz 18 Frauenhäuser mit rund 260 Plätzen für Frauen und Kinder, die im Dachverband der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) zusammengeschlossen sind. Die Stiftung Frauenhaus Zürich ist die Trägerin des Frauenhauses Zürich und des Frauenhauses Violetta und bietet in der Stadt Zürich 24 Plätze für gewaltbetroffene Frauen bzw. Mütter und deren Kinder an.
   Der 1977 gegründete Verein zum Schutz misshandelter Frauen und deren Kinder konnte 1979 die erste Frauennotwohnung in der Schweiz eröffnen. 1980 wurde parallel zum Verein die gemeinnützige Stiftung Frauenhaus Zürich errichtet. So konnten der Trägerverein und das Frauenhaus Zürich politisch breit abgestützt werden. Da in den 1970er Jahren das Thema »Gewalt gegen Frauen durch ihre Ehemänner« in der Öffentlichkeit nicht existierte, ging es nebst Hilfe zur Selbsthilfe auch um Aufklärungsarbeit. Es galt, die gesellschaftspolitisch heikle Debatte mit vereinten Kräften zu führen und die Finanzierung des Frauenhauses durch öffentliche Gelder zu erkämpfen.
   Die Frauenhausbewegung war durchaus erfolgreich: Dass es Frauenhäuser braucht, hat sich breit durchgesetzt. Und auch innerhalb der Frauenhäuser sind Prozesse der Professionalisierung und Institutionalisierung zu beobachten, die unter anderem dazu führten, dass nach 25 Jahren bewährter und praktisch unveränderter Organisationsstruktur der Verein 2004 seine bisherige Trägerschaftstätigkeit an die Stiftung Frauenhaus Zürich übertrug.
   Parallel zur Reorganisation erfolgte die Übernahme eines zweiten Frauenhauses, das von der Stadt Zürich 1996 gegründet wurde. Interessant ist hier: Die Wohngemeinschaft Violetta für gewaltbetroffene Migrantinnen blieb schweizweit der einzige Versuch einer staatlichen oder staatsnahen Institution innerhalb der ansonsten ausschließlich von privaten Non Profit Organisationen geführten und von der feministischen Frauenhausbewegung geprägten Kriseninterventionsbetriebe.

Eine gesamtschweizerische Strategie gegen Gewalt an Frauen

Die Schweiz unterließ es bis heute, eine nationale Strategie gegen häusliche Gewalt zu entwickeln. In der Bundespolitik ist die breite Sensibilisierung für die Problematik von häuslicher Gewalt als Ausdruck von struktureller Gewalt und Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wenig fortgeschritten. PolitikerInnen, Non Government Organisationen, Fach- und Frauenorganisationen ist es bisher nicht gelungen ist, den Bund in die Pflicht zu nehmen. Seit geraumer Zeit wächst jedoch der politische Druck der UNO, da die Schweiz offensichtlich den Anforderungen an die Umsetzung von Konventionen und Ratifizierungen nicht genügt.
   Auch die Frauenhäuser haben mit dem Problem »Föderalismus« zu tun (eine Eigenheit der Schweiz). Parlamentarische Vorstöße auf eidgenössischer Ebene, die die finanzielle Unterstützung der Frauenhäuser durch den Bund fordern, kommen nicht durch. Man verweist auf die Zuständigkeit der Kantone, diese wiederum verweisen auf die Gemeinden. Die Steuersenkungsprogramme von Bund, Kantonen und Gemeinden zugunsten von Unternehmen und Reichen haben drastische Sparmaßnahmen und damit einen Leistungsabbau – ausgerechnet im sozialen Bereich und bei Gleichstellungsprojekten – zur Folge. Davon sind auch die Frauenhäuser betroffen.

Das Politische ist privat

Nach bald 35-jähriger Frauenhaus-Arbeit basiert deren Finanzierung immer noch auf einer Subjektfinanzierung, was bedeutet, dass die Betriebe nur gesichert sind, wenn genügend gewaltbetroffene Frauen und Kinder das Frauenhaus aufsuchen und wenn zusätzlich genügend private Spenden von Einzelpersonen und Organisationen eingeworben werden. Das Private ist politisch, forderten die Frauen in den 1970er Jahren, heute stehen sie vor der Tatsache, dass das Politische zur privaten Sache wird.
   Erfolge hingegen sind bei der Verbesserung der gesetzlichen Grundlagen zu verzeichnen, was mit einem in den 1980er und 1990er Jahren gut funktionierenden Frauennetzwerk zu tun hat. Dank der engen Zusammenarbeit von Vertreterinnen aus Politik, Migrantinnen- und Frauenorganisationen und aufgrund eines beharrlichen Lobbying konnte einiges erreicht werden. Dieses Netzwerk gibt es jedoch heute in der Schweiz nicht mehr. Die Institutionalisierungsprozesse der Frauenhäuser und ähnlicher Fachstellen, die partiellen Verbesserungen in der Gleichstellungs- und Opferschutzpolitik, das Älter-, Müde- und auch Mürbewerden nach jahrelangem politischem Engagement, die veränderten Bedürfnisse und deren Befriedigungen im privaten Rahmen, der sich verändernde gesellschaftspolitische Zeitgeist, all dies und vieles mehr führt(e) zum Verschwinden der Frauennetzwerke. Die damaligen Pionierinnen, die sich im wachsenden Bewusstsein erstarkt gegen die vielfältigen Formen der Gewalt gegen Frauen engagierten, können heute zwar auf eine durchaus erfolgreiche und nachhaltige Bewegung zurückschauen. Die Entpolitisierung der früheren feministischen Netzwerke wurde und wird gerade auch von den Feministinnen der ersten Stunden – den heute älteren Frauen – beklagt und als Verlust bewertet. Diese Haltung ist nachzuvollziehen, verschwand doch mit der Frauenbewegung eine der kräftigsten sozialen Bewegungen. Doch kritische Fragen drängen sich nicht nur von jüngeren Generationen, sondern auch, vereinzelt hörbar, von den damaligen Frauenhaus-Aktvistinnen auf. Wie nachhaltig sind die sozialen und politischen Errungenschaften für Frauen der letzten 40 Jahre tatsächlich? Was konnte an nachhaltiger Sensibilisierung zum Thema wirklich etabliert werden? Sind es nicht immer noch oder wieder verstärkt vorwiegend Frauen, welche im gesellschaftspolitischen Kontext das Nachsehen haben, nur reagiert heute kaum mehr jemand? Was ist aus den Forderungen nach Gleichwertigkeit der Geschlechter geworden?
   Als im Themenbereich seit 1985 engagierte Feministin, stellt die Schreiberin immer wieder mit großer Ernüchterung fest, dass und wie sich die politische Schweiz ihre gesetzlich verankerten Verantwortung zur Problembewältigung von Gewalt gegen Frauen entzieht. Die Ressourcen zur Umsetzung der Gesetze fehlen oder werden wieder gestrichen und es gibt kaum einen Aufschrei, weder in der Zivilgesellschaft noch bei den verantwortlichen PolitikerInnen. Und dies wirkt sich in verschiedener Hinsicht negativ auf die Arbeit in den Frauenhäusern bzw. auf die betroffenen Frauen und damit auf die ganze Gesellschaft aus:

  1. Die Ursachen von Gewalt an Frauen können nicht wirksam und nachhaltig bekämpft werden, was fatale und kostspielige Folgen für die Gesellschaft haben wird.
  2. Die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen müssen zu viel Kraft und Energie für die Mittelbeschaffung aufwenden, die sie dringend für die fachliche Arbeit bräuchten.
  3. Die dringend notwendigen Investitionen in die qualitative Angebotsentwicklung fehlen, genauso für entsprechende Evaluationen und auch bisher nicht bearbeitete Fragestellungen. So fehlt es an Erkenntnissen über ältere und alte Frauen, die über Jahrzehnte in chronifizierten Gewaltmustern leben. Wie leben sie und was bräuchte diese Klientinnengruppe an spezifischen Angeboten? Waren sie früher bereits in einem Frauenhaus und wie verlief ihr weiteres Leben? Auch den Klientinnen und Kindern mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen können die Frauenhäuser in der Schweiz weder baulich noch konzeptuell gerecht werden.
  4. Zahlreiche Schutzsuchende können in »Stoßzeiten« wegen Platzmangel in den Frauenhäusern nicht aufgenommen werden, was sich fatal auswirken kann.
  5. Frauen bezahlen ihren Frauenhaus-Aufenthalt zum Teil aus der eigenen Tasche und büßen so für die erlebte Gewalt, auch und obwohl diese nicht auf ihr Privatproblem reduziert werden kann.

Zur Öffentlichkeitsarbeit wird ein in unserem Auftrag produzierter Film eingesetzt:

»Gegen Gewalt an Frauen« eine Bildungs-DVD der Stiftung Frauenhaus Zürich

Gewalt gegen Frauen zählt zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen und »häusliche Gewalt« gehört zu den brisantesten Problemen in unserer Gesellschaft.

Ziel dieser DVD ist es:

  • junge Erwachsene und weitere Interessierte über die wichtigsten Aspekte von Gewalt gegen Frauen zu informieren,
  • für die Zusammenhänge zwischen »häuslicher Gewalt« und den geschlechtsspezifischen Aspekten in unserer Gesellschaft zu sensibilisieren,
  • die über 30-jährige Entwicklung seit der Enttabuisierung des Themas in der Schweiz zusammenzufassen.

Die DVD gibt Antworten u.a. auf folgende Fragen:
Was ist ein Frauenhaus? Wie ist das Frauenhaus Zürich entstanden? Was ist Gewalt gegen Frauen? Warum kehren gewisse Frauen zum gewalttätigen Partner zurück? Was ist mit den Kindern? Wie häufig kommt Gewalt vor? Welche Gesetze helfen den betroffenen Frauen? Was geht mich das an?
Vier Teile der DVD sind dokumentarisch, der fünfte Teil »Und was geht mich das an?« umfasst drei Spielszenen, die zum Austausch im Gespräch anregen und die eigene Haltung zum Thema reflektieren lassen. Alle Teile lassen sich in beliebiger Reihenfolge anwählen:

  • Im Frauenhaus (18 Min.)
  • 30 Jahre gegen Gewalt an Frauen (22 Min.)
  • Was ist Gewalt gegen Frauen? (19 Min.)
  • Gesellschaft – Gewalt – Gesetze (14 Min.)
  • Und was geht mich das an? 12 Min (3 Spielszenen)

Format: Standard DVD, 16:9, Farbe, Sprache: Deutsch, Spielszenen Dialekt mit schriftliche Übersetzung ins Hochdeutsche. Begleitmaterial: als PDF-Format im ROM-Bereich. Preis: Fr. 35.- bei SFZ u beziehen

Was heißt das für die Zukunft?

Dass es Frauenhäuser braucht, wird heute kaum mehr laut infrage gestellt. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass deren Auftrag zunehmend auf die reine Verwaltung des Problems und der Betroffenen reduziert wird, die möglichst wenig kosten darf. Immer noch klein ist die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen, wenn es darum geht, die Ursachen häuslicher Gewalt zu bekämpfen, also hierarchische Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu verändern, Frauenrechte durchzusetzen und Gleichstellung im gelebten Alltag einzufordern. Damit ist die Schweiz Meilensteine vom Ziel einer menschengerechten Gesellschaft entfernt. Zudem erstarken rechtskonservative Kräfte, die das Thema Gewalt gegen Frauen zunehmend für ihre fremdenfeindliche Politik instrumentalisieren und dabei gleichzeitig die Frauenrechte mit Füßen treten.
   Immer lauter wird von den Frauen, die sich in den Frauenhäusern engagieren, gefragt, ob die Frauenhäuser selbst in den letzten Jahren Gefahr laufen, sich in der psycho-sozialen Alltagsarbeit zu verlieren und damit latent dazu beitragen, dass die Situation verharmlost, schöngeredet und von der Traktandenliste wieder gestrichen werden kann.
   Ein Ziel feministischer Arbeit wurde darin gesehen, Frauen herauszufordern und zu ermutigen, ihre eigene kollektive Unterstützungs- und Zuarbeit an einem ihnen und anderen Unrecht zufügenden System aufzudecken und Wege zur Entkoppelung von unguter Solidarisierung zu finden. Der Gedanke der strukturellen Mittäterschaft von Frauen (und Männern) wurde in den 90er Jahren intensiv diskutiert. Er misstraut einerseits der Dauer-Empörung der Betroffenen über selbst erfahrenes Unrecht, sofern diese Empörung den Eigenanteil verdeckt. Andererseits lädt der Gedanke der strukturellen Mittäterschaft Frauen und Männer ein, als eigenständig Denkende und Handelnde in unserer Gesellschaft die vorhandenen Missstände aufzudecken. Ein Ansatz, der im Kontext einer Gesellschaft, die nach wie vor - und vielleicht je länger desto mehr - deutlich männlich konditioniert ist, wieder explizit zu unterstreichen ist.
   Gewalt gegen Frauen wird auch heute in unterschiedlichster und subtiler Ausprägung geleugnet und die gesellschaftspolitische Verantwortung abgewendet. Obwohl es in den vergangenen rund dreißig Jahren gelungen ist, Gewalt gegen Frauen als Unrecht im Bewusstsein einer demokratisch funktionierenden Gesellschaft zu verankern, ist es nicht selbstverständlich, dass das so bleiben wird. Auch in der Schweiz ist ein deutlicher Abbau von Solidarität und Sozialstaat und damit von demokratischen Rechten zu beobachten. Dass parallel dazu Schlag-Argumente wie: »Auch Frauen sind Täterinnen« bzw. »Männer sind Opfer von Frauen« von gewissen in letzter Zeit erstarkenden Männer- und Vätergruppierungen auch in der Schweiz hör- und sichtbar werden, ist sicher kein Zufall, sondern vielmehr systemimmanent. Auch wenn diese Form von Gewalt ernst zu nehmen ist, bedeuten die pauschalisierenden Aussagen eine undifferenzierte »Gleichmachung« und sind als Angriff gegen die parteiliche Unterstützungsleistung für gewaltbetroffene Frauen zu verstehen.
   Frauenrechte sind Menschenrechte und Menschenrechte sind Frauenrechte: Im Rahmen der sich weiter entwickelnden Arbeit in den Frauenhäusern wird heute zu Recht argumentiert, dass es beim Engagement gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung von Frauen nicht allein um eine geschlechterspezifische Symmetrie gehen darf. Vielmehr geht es um die Umsetzung der universellen Menschenrechte und um den Abbau der Herrschaft zwischen Menschen ganz allgemein.