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19.9.2017 : 17:16 : +0200

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Thema Sucht im Alter - von der Nische ins Rampenlicht

Bis heute spielen sich Suchterkrankungen im Alter am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung ab, sie gehören zu den Gesundheitsproblemen, denen die Medizin lange Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. In der deutschsprachigen Fachliteratur sind die ersten systematischen Veröffentlichungen in den späten 1980er Jahren zu verzeichnen. Die Buchbeiträge von Solms et al. (1986) und Soeder (1989), der als Pionier hierzulande in der Fachklinik Fredeburg altersspezifische Suchtbehandlungskonzepte entwickelte, sollten dabei keinesfalls als historisch abgetan werden, vielmehr sind sie nach wie vor lesenswert. Das gilt auch für das sehr therapeutisch-praxisbezogene Buchkapitel von Buijssen und op de Haar (1997). Im Gegensatz zu diesen geriatrischen und gerontopsychiatrischen Publikationen schenken die deutschsprachigen psychiatrischen und suchtmedizinischen Lehr- und Handbücher diesem Thema bis heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Beachtung.
   Früher ging man davon aus, dass Suchterkrankungen stets im frühen Erwachsenenalter beginnen und sich mit dem Alter auswachsen (»maturing out«-Hypothese), entweder weil die Patienten versterben oder die Überlebenden »vernünftig«, d.h. abstinent, werden. Unvorstellbar war, dass Suchtprobleme erst im Alter ihren Anfang nehmen und zwar nicht nur in Einzelfällen, sondern häufig. Wichtige Impulse, die Suchtproblematik Älterer ernst zu nehmen, kamen in Deutschland Ende der 1980er Jahre aus der Suchthilfe bzw. der Gerontopsychiatrie. Ein Seminar der Hamburgischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren im September 1988 stieß auf ein so großes Interesse, dass man ein Jahr später eine größere Tagung folgen ließ. Bald darauf folgte eine Tagung im Landkreis Esslingen. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren führte 1997 eine Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing durch; der Tagungsband (Havemann-Reinecke et al. 1998) war bis 2010 die einzige deutschsprachige Buchpublikation zum Thema Sucht im Alter.
   Das Interesse der Suchtmedizin an diesem Thema schwächte sich dann wieder ab und erst die Schwerpunkthefte der Zeitschriften Suchttherapie (Heft 1/2009) und Sucht (Heft 5/2009: »Riskanter Alkoholkonsum im höheren Lebensalter«) sowie ein eigenes Kapitel im Bericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogenmissbrauch (Pfeiffer-Gerschel et al. 2009) markieren wieder eine intensivere Beschäftigung damit. Jetzt kommen wichtige Impulse auch aus der Drogenhilfe und es gibt nun auch bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) einen eigenen Schwerpunkt unter dem Motto Unabhängig im Alter. Ende 2010 erschien die erste umfassende deutschsprachige Monographie über Sucht im Alter vor (Wolter 2011). Symposien beim DGGPP-Kongress 2011 und beim Deutschen Suchtkongress 2011 sowie der Reader von Vogt (2011, s. Buchbesprechungen) sind weitere Belege für diesen Aufschwung ebenso wie die Ankündigung Mechthild Dyckmans, der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, dass die Suchtprobleme Älterer einen Schwerpunkt der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung bilden werden. Die Modellprojekte des Bundesgesundheitsministeriums sowie das grenzüberschreitende INTERREG-Forschungsprojekt in Salzburg und Südost-Oberbayern werden beim Deutschen Suchtkongress im Oktober 2012 in Berlin vorgestellt. Und noch ein Blick über die Grenzen: In Großbritannien hat das Royal College of Psychiatrists mit seinem Bericht über »unsere unsichtbaren Suchtkranken« (RCP 2011) einen Meilenstein gesetzt.
   In dieser Ausgabe der Zeitschrift PiA möchten wir die Leser an dieser aktuellen Entwicklung teilhaben lassen. Am Anfang steht ein Überblick, in dem ein besonderes Gewicht auf kontroverse Themen, offene Fragen und künftige Entwicklungstrends gelegt wird. Zwei Beiträge beschäftigen sich mit der Situation alternder Drogenabhängiger: Vogt beschreibt auf der Grundlage qualitativer Interviews die Problemlagen dieser Menschen, während Fuhrmann beispielhaft erläutert, wie in München versucht wird, auf den Versorgungsbedarf zu reagieren.
   Opiate spielen auf dem Arzneimittelmarkt eine immer größere Rolle. Sie sind aber auch als illegale Drogen von Bedeutung. Niemand bestreitet, dass Junkies abhängig sind, sind es aber auch viele Schmerzpatienten, denen Opiatanalgetika verordnet werden? Diese Frage ist zwischen Schmerztherapeuten und Suchtmedizinern bzw. Epidemiologen höchst umstritten, wobei man allerdings inzwischen auch von den Schmerztherapeuten neue Töne hört: »Die heutigen Zahlen belegen nur im geringen Ausmaß eine anhaltende Wirksamkeit, liefern jedoch immer mehr alarmierende Hinweise, dass sich bei unkritischem Gebrauch teils sogar bedrohliche Langzeitnebenwirkungen häufen«, so der Bochumer Schmerzmediziner Christoph Maier im Vorfeld des Deutschen Schmerzkongresses 2011( Dt. Ärzteblatt Newsletter vom 27.9.2011). Im Beitrag von Wolter wird versucht, diese Diskussion auf eine rationale Grundlage zurückzuführen.
   Benzodiazepine sind von großer Bedeutung, wenn es um das Thema Sucht im Alter geht, das Gefährdungspotenzial wird aber sehr unterschiedlich eingeschätzt. Holzbach, einer der führenden deutschen Experten auf diesem Gebiet, erläutert die Problematik umfassend und praxisbezogen. Er stellt den gängigen Begriffen Missbrauch und Abhängigkeit eine dynamische Konzeption gegenüber, in der sich drei Phasen unterscheiden lassen. Die Probleme, die sich bei längerfristiger Benzodiazepineinnahme ergeben, werden dabei als Nebenwirkungen aufgefasst. Dieser (nicht nur) semantische Unterschied ist auch von großer praktischer Bedeutung für die Therapie, weil die Patienten damit eher zu motivieren sind, in den Dialog über Nutzen und Schaden der Medikation einzutreten.
   In drei praxisbezogenen Beiträgen geht es hauptsächlich um Alkohol. Geyer, der als Leiter der Sucht-Rehaklinik in Fredeburg das Erbe von Soeder weiterführt, schildert typische Zugangswege, praktisches Vorgehen und Besonderheiten der Entwöhnungsbehandlung bei älteren Alkoholabhängigen. Weniger bekannt als diese Pioniereinrichtung, aber auch schon seit mehreren Jahren »am Netz« ist eine auf ältere Abhängigkeitskranke spezialisierte gerontopsychiatrische Akut-Station der Asklepios-Klinik Göttingen (früher Niedersächsisches Landeskrankenhaus), deren Arbeitsweise Hahne und Schmieta beschreiben. Fischer stellt dann ein neues Projekt am Klinikum Stuttgart vor, das eine systematische Fallidentifikation und bedarfsgerechte Versorgung älterer Suchtkranker mit komorbiden Störungen im Rahmen eines integrierten Versorgungsmodells zum Ziel hat.
   War da noch was? Ach ja, das Rauchen, das ungeliebte Kind der psychiatrischen und suchtmedizinischen Therapie! Obwohl jeder um die Gesundheitsgefahren weiß, wird diese Abhängigkeitsstörung häufig vergessen oder weggelassen. Wir lassen sie nicht weg: Der Beitrag von Wolter gibt einen umfassenden Überblick und macht deutlich, warum das Rauchen und die Raucherentwöhnung auch ein Thema für die Altersmedizin und Gerontopsychiatrie darstellt.
   Viel Spaß beim Lesen wünscht

Dirk K. Wolter (Haderslev, Dänemark)

Literatur

Buijssen HPJ, op de Haar MT (1997) Abhängigkeit und Sucht. In: Buijssen HPJ, Hirsch RD (Hg) Probleme im Alter. Weinheim (Beltz) 216–260.
Havemann-Reinecke U, Weyerer S, Fleischmann H (Hg) (1998) Alkohol und Medikamente, Missbrauch und Abhängigkeit im Alter. Freiburg (Lambertus).
Pfeiffer-Gerschel T, Kipke I, Flöter S, Lieb C, Raiser P (2009) Bericht 2009 des nationalen REITOX-Knotenpunktes an die EBDD. Deutschland. Neue Entwicklungen, Trends und Hintergrundinformationen zu Schwerpunktthemen. Drogensituation 2008/2009. European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction – Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD).
RCP (Royal College of Psychiatrists) (2011) Our invisible addicts. First Report of the Older Persons’ Substance Misuse Working Group of the Royal College of Psychiatrists. College Report CR165 June 2011.
Soeder M (1989) Abhängigkeit und Sucht. In: Platt D (Hg) Handbuch der Gerontologie, Bd. 5: Neurologie, Psychiatrie. Stuttgart (G. Fischer) 337–355.
Solms H, Paychére JM, De Bus P (1986) Alkoholismus. In: Martin E, Junod JP (Hg) Lehrbuch der Geriatrie. Bern (Huber) 440–453.
Vogt I (Hg) (2011) Auch Süchtige altern. Probleme und Versorgung älterer Drogenabhängiger. Frankfurt/M. (Fachhochschulverlag).
Wolter DK (2011) Sucht im Alter – Altern und Sucht. Stuttgart (Kohlhammer)