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19.9.2017 : 17:13 : +0200

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»Yes we can?«

Mit dieser Formel – natürlich ohne Fragezeichen – gelingt es Barack Obama, seine Wähler für den Glauben an eine bessere Zukunft einzuschwören. Wie im Leben des Einzelnen so soll es in der Geschichte einer Nation eben immer – oder gerade jetzt – aufwärts gehen. Wenn man davon spricht, dass jemand eine Zukunft hat, ist eine positive gemeint. Bei hochbetagten Menschen, insbesondere wenn sie bereits aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen in einer Institution leben, können wir uns eine solche Zukunft schlecht vorstellen.
   Plötzliche oder schleichende körperliche und geistige Einbußen im Alter sind eine Mahnung, dass das Leben nicht einfach so weitergeht, wie man es sich eingerichtet hatte – ein Memento mori, das wir gerne übersehen und überhören würden. Gerade ältere Patienten in psychiatrischen Kliniken äußern häufig den Wunsch, wenn man sie fragt, wie es weiter gehen solle, dass alles wieder so werden möge wie früher. Die herbeigewünschte Zukunft ist nichts anderes als ein illusionäres »Vorwärts in die Vergangenheit«, statt des weit mühsameren Anpassens an die unabwendbaren Veränderungen.
   Wer in Institutionen mit Älteren arbeitet, ist folglich oft mit Menschen konfrontiert, die nicht oder nicht mehr »erfolgreich« altern. Sie sind uns gerade keine Vorbilder für das eigene Älterwerden und sie helfen uns nicht, eigene Ängste abzubauen und Zuversicht zu entwickeln. Das eigene Altersbild bleibt davon nicht unbeeinflusst. Erstaunlich viele Pflegekräfte lehnen das Heim als Ort der Betreuung für sich bei späterer Gebrechlichkeit vehement ab. Sie kennen die Hektik und Überlastung der Beschäftigten und den oft vergeblichen Wunsch der Bewohner nach Zuwendung. Sie fürchten aber auch, selbst einmal so zu werden – in Verhalten und Hoffnungslosigkeit – wie die alten Menschen, die sie jetzt betreuen.
   Mit ihren Bildern vom Altern und ihren Ängsten bleiben die Pflegekräfte meist allein. Wider alle Erkenntnisse der gerontologischen Forschung, die bis ins vierte Lebensalter hinein ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit festgestellt hat, dominieren bei ihnen resignative Vorstellungen. Trotz einzelner therapeutischer Erfolge und dem einen oder anderen positiven Gegenbild, das die wissenschaftlichen Ergebnisse bestätigen könnte, bleibt die Erfahrung der Zukunftslosigkeit vorherrschend. Ein tatkräftiges Schwimmen gegen den Strom der Zeit und des Lebens scheint ihnen – gefangen in den Mühen des Alltags der Pflege und Betreuung – nicht möglich zu sein. »No, we can’t!«
   Wer sich bewusst auf die begleitende und unterstützende Beziehung gerade zu Menschen mit Demenz eingelassen hat und sich von ihrer Unmittelbarkeit berühren lässt, dem stehen auch noch andere Erfahrungsmöglichkeiten offen. Solche Beziehungen sind zwar anstrengend, erfordern sie doch ein Hinaustreten aus den herrschenden Regeln von Rationalität, Ordnung und Anständigkeit, aber sie ermöglichen auch das Erleben unmittelbarer Emotionen und gewähren viele kleine lustvolle Erfolge situationsgerechter Intervention und gelungenen Gewährenlassens. Vielleicht schwindet für den einen oder anderen auch ein wenig die Furcht, selbst im Alter die Kontrolle zu verlieren und dann auf – hoffentlich – liebevolle Begleiter angewiesen zu sein.
   Supervision stellt eine Möglichkeit dar, dass Pflegende mit den schwierigen Beziehungsangeboten nicht allein sind bzw. allein gelassen werden, sondern Wege finden, sich über die konkreten Beziehungserfahrungen auszutauschen. Dann müssen sie, wenn sie sich in der Gemeinschaft des Teams gehalten fühlen, sich nicht total von den Menschen, die sie pflegen, abgrenzen und verhärten.
   In der Altenarbeit stößt man häufig an die Grenzen des Machbaren. Supervision kann, wenn die Supervisoren gerade die besonderen Beziehungsmöglichkeiten zu Demenzkranken kennen, den Kontext, also den Rahmen der Reflexion von den mehr oder weniger erfolgreichen Pflegeanstrengungen auf die Beziehung lenken und so eine Zukunft eröffnen, deren Maßstab nicht im sichtbar Geleisteten liegt. Meine Erwartung an Supervision ist, dass Menschen, die sich auf die Pflege und Therapie von alten, kranken Menschen einlassen, nicht ausbrennen, sondern auch aus den schwierigen emotionalen Erfahrungen ihr eigenes Leben bereichern. Die Erfahrungen, die ich mit den Supervisoren in der Klinik gemacht habe, die ich leite, sind so, dass ich sagen kann, solche Ziele sind erreichbar: »Yes, they can!«

Johannes Kipp (Baunatal)