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30.11.2020 : 19:00 : +0100

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Der Homo sapiens ist ein Herdentier, und die Kooperation in der Gruppe ist entscheidend für sein Überleben und die Fortpflanzung. Dazu reicht es aber nicht zu wissen, wo sich Löwen und Büffel aufhalten. Wichtiger ist, in Erfahrung zu bringen, wer in der Gruppe wen nicht leiden kann, wer mit wem schläft, wer ehrlich ist und wer andere beklaut, so jedenfalls Yuval Noah Harari in seinem Bestseller Die kurze Geschichte der Menschheit (Harari 2013). Zwar vermögen auch Tiere zumindest rudimentär einiges von dem zu erfassen, was sich zwischen ihnen und anderen sowie in der Gruppe abspielt (Krupenye u. Call 2019). Doch nur Menschen sind in der Lage, Vorstellungen von anderen sowie den Verflechtungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Gruppen zu bilden und darüber nachzudenken. Die Evolution hat durch die enorme Ausweitung des Neokortex, der beim Menschen viel größer ist als bei anderen Primaten und Nichtprimaten, die Voraussetzungen dafür geschaffen. Es war dieser evolutionäre Sprung, der die Weiterentwicklung der Fähigkeit zur sozialen Interaktion mit anderen Mitgliedern der Gruppe und der Herstellung von Gruppenkohäsion ermöglichte. Zwar scheint in unserer westlichen Welt dem Ideal von Autonomie und Unabhängigkeit die alles überragende Bedeutung zuzukommen, doch das ist unserer kulturellen Eigenart zuzuschreiben. Bei genauerer Betrachtung ist kaum zu übersehen, dass unser Zusammenleben viel weniger auf Eigenständigkeit und Egozentrik als vielmehr auf der Fähigkeit beruht, mit anderen zu kooperieren, gemeinsame Absichten zu entwickeln, gegenseitige Verpflichtungen einzugehen und ein geteiltes Wissen aufzubauen. Diese auf kooperativen Motiven beruhende Ausrichtung hat die Entwicklung unserer Kultur erst ermöglicht, so jedenfalls der Psychologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello (2010).
   Vor geraumer Zeit haben diese kulturanthropologischen und philosophischen Überlegungen auch Eingang in die Psychologie gefunden, die sich darum bemüht, den damit verbundenen Phänomenen genauer auf die Spur zu kommen. Ein grundlegendes Konzept ist das der Theory of Mind (ToM), das die Fähigkeit beschreibt, Wünsche, Absichten und Gefühle des Gegenübers zu erfassen und damit dessen Verhalten vorherzusagen (Förstl 2012). Gelingen kann dies aber nur, wenn der andere als getrenntes, eigenständiges Wesen wahrgenommen wird, denn erst damit wird es möglich, die verborgene innere Welt des Gegenübers als eine zu verstehen, die diesem eigen ist (Adolphs 2009; Paal u. Bereczkei 2007). Doch das epistemische Erkennen, worauf das ToM-Konzept abzielt, geht in der Regel mit einer eigenen affektiven Reaktion auf das Gegenüber einher, die wiederum mit dem Begriff der Empathie beschrieben wird. Beides, ToM und Empathie, sind elementare Voraussetzungen dafür, mit anderen in Beziehung treten zu können.
   Das ToM-Konzept ging zeitlich dem der Mentalisierung voraus, beide Begriffe werden heute oftmals gleichgesetzt. Legt man allerdings den aus der Psychoanalyse hervorgegangenen Begriff der Mentalisierung zugrunde, der heute in der Psychotherapie im Vordergrund steht, trifft man auf ein weiter gefasstes Konzept. Bateman und Fonagy (2008) definierten Mentalisierung als den »mentalen Prozess, bei dem ein Individuum die eigenen Handlungen und die anderer implizit oder explizit auf der Basis intentionaler mentaler Zustände wie persönliche Sehnsüchte, Bedürfnisse, Gefühle und Überzeugungen als bedeutsam interpretiert« (ebd., 24). Mentalisierung ist somit nicht nur auf das Mentale des anderen, sondern auch auf das eigene Mentale bezogen. Als Unterschied zu ToM wird darüber hinaus häufiger herausgestellt, dass Mentalisierung stärker die Reflexion affektiver mentaler Zustände betont, während ToM mehr auf epistemische Zustände (zum Beispiel Glauben, Intentionen, Überzeugungen) fokussiert. Trotz aller Unterschiede stehen beide Konzepte in enger Beziehung zueinander. Nicht zuletzt ist der Begriff der sozialen Kognition zu erwähnen, der häufiger in der empirischen Literatur als Oberbegriff für das skizzierte Forschungsfeld benutzt wird. Die Literatur beherbergt somit eine Reihe verwandter Begriffe und Konzepte, die einen erheblichen Überlappungsbereich haben, aber doch auch Unterschiedliches betonen, die allerdings gemeinsam einen Beitrag liefern zur Klärung der grundlegenden Frage des Bezogenseins zwischen dem Selbst und den anderen.
   All diese Fähigkeiten wurden lange Zeit ausschließlich bei Kindern untersucht (Böckler-Raettig 2019). Doch es liegt auf der Hand, dass sie auch für das Alter eine kaum zu überschätzende Bedeutung haben, sind doch soziale Teilhabe und Integration gerade in diesem Lebensabschnitt eine wesentliche Voraussetzung für Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Dies hat nun in der jüngeren Vergangenheit auch Niederschlag in der empirischen Forschung gefunden. Es sei hier bereits vorweggenommen, dass sich die individuellen Voraussetzungen für die Fähigkeiten, die bei ToM, Empathie und Mentalisierung im Fokus stehen, im Alter verschlechtern und dass mit wachsenden Defiziten zu rechnen ist. Damit erhebt sich die Frage nach den zugrunde liegenden Prozessen und den damit verbundenen Konsequenzen, insbesondere auch im Hinblick auf psychische Störungen. Nicht zuletzt interessiert, ob sich bestehende Defizite wieder reduzieren lassen, das heißt, ob psychotherapeutische Bemühungen Aussicht auf Erfolg haben. Diesen Fragen soll im vorliegenden Heft nachgegangen werden.
   Ich bedanke mich bei all denen, die zur Entstehung des Heftes beigetragen und damit ein Themenheft von Psychotherapie im Alter ermöglicht haben, mit dem ich als Herausgeber das Ziel verbinde, ein klinisch hoch bedeutsames, im therapeutischen Alltag aber noch kaum wahrgenommenes Thema in die klinische Praxis zu tragen. Ich erwarte, dass die Berücksichtigung der in der Grundlagenforschung nachgewiesenen altersspezifischen Veränderungen, die in diesem Heft vorgestellt werden, einen Beitrag zu leisten vermag, das Altersspezifische der Psychotherapie Älterer besser herauszuarbeiten und zur Geltung zu bringen. Damit, so meine Hoffnung, wäre eine Basis geschaffen, die Alterspsychotherapie weiterzuentwickeln. Das vorliegende Heft kann wichtige Hinweise geben, welche Richtung dabei einzuschlagen ist.

Literatur

Adolphs R (2009) The Social Brain: Neural Basis of Social Knowledge. Annual Review of Psychology 60: 693–716.
Böckler-Raettig A (2019) Theory of Mind. Heidelberg (UTB).
Batemann AW, Fonagy P (2008) Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Gießen (Psychosozial-Verlag).
Förstl H (2012) Theory of Mind. Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens. Berlin (Springer) (2. Aufl).
Harari (2013) Eine kurze Geschichte der Menschheit. Berlin (Pantheon Verlag).
Krupenye C, Call J (2019) Theory of mind in animals: Current and future directions. Cognitive Science e1503: 1–25.
Paal T, Bereczkei T (2007) Adult theory of mind, Cooperation, Machiavellism: The effect of mindreading on social relations. Personality and Individual Differences 43: 541–551.
Tomasello M (2010) Warum wir kooperieren. Berlin (Suhrkamp).