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21.11.2017 : 14:36 : +0100

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Die ›Alten Jungen‹

Mit vorliegendem Themenheft über die ›Alten Jungen‹, d.h. über die 50- bis 60-Jährigen, verlässt die Zeitschrift »Psychotherapie im Alter« vermeintlich ihr Kerngeschäft, um auf dem Terrain des zweiten Lebensalters zu grasen. Was könnten die Gründe dafür sein?
   So finden Altersthemen bereits im mittleren Lebensalter wachsendes Interesse, die demografische Entwicklung der westeuropäischen Bevölkerung ist inzwischen bestens bekannt. Für viele scheint das Alter unweigerlich mit demenziellen Störungsbildern zu korrelieren und der Terminus Alzheimer hat sogar als Wort für jegliche Form von Vergessen und Unpünktlichkeit Eingang in die Jugendsprache gefunden.
   Über-50-Jährige nehmen nicht selten außerdem eine sogenannte Sandwich-Position ein, in der sie einerseits mit Fragestellungen und Forderungen der jüngeren Generation konfrontiert werden und anderseits im näheren Umfeld täglich altersspezifische Problemstellungen vor Augen geführt bekommen, die unterschiedlichste Sorgen und Ängste auslösen können.
   Altersbilder sind zunächst beharrlich und langlebig, wobei Altsein jedoch eher mit der Generation der Großeltern als mit derjenigen der Eltern assoziiert wird. Andererseits unterliegen Altersbilder auch einem kontinuierlichen Wandel. Hiervon ist die Generation 50 plus nicht ausgenommen. In Fernsehfilmen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden sich zunächst zeit- und alterslose Rollenklischees wie »Mama Hesselbach« oder die von Inge Meysel dargestellten Frauentypen, um dann von beruflich und auch sexuell aktiven Frauenrollen, gespielt durch Iris Berben, Hannelore Elsner oder Hannelore Hoger (Bella Block) abgelöst zu werden.
   Bei therapeutisch Tätigen sind die Altersbilder häufig mit Erkrankungen und nicht gelungenen Biografien assoziiert. Tangiert wird der Blick auf das Alter auch durch transkulturelle Klischees. So fürchten gemäß einer Studie von Roper Consulting, der amerikanischen Tochter der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung, die Brasilianer am meisten, ihren sexuellen Antrieb im fortgeschrittenen Alter zu verlieren, die Koreaner, Falten oder Narben zu bekommen und die Deutschen, einen kognitiven Abbau (70%) oder Schmerzen (54%) zu erleiden. Im internationalen Vergleich hingegen sehen die Ägypter am gelassensten in die Zukunft, während sich Inder besonders vor Haarausfall und ergrauten Haaren fürchten.
   Unter wissenschaftlichen oder volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten können scharfe Altersgrenzen sinnvoll sein, eher verwirrend ist hierbei jedoch der in Fachpublikationen unterschiedlich definierte Beginn des Alters mit 60, 65 oder 70 Jahren. De facto sind die Grenzen fließend, sodass heutzutage der 70-Jährige mit einem jüngeren Erwachsenen mehr Gemeinsamkeiten aufweisen kann als mit Menschen aus der Altersgruppe der sogenannten ›Alten Alten‹. Auch der Übergang vom zweiten ins dritte Lebensalter kann trotz des festgelegten Termins des Eintritts in den Ruhestand nicht scharf gezogen werden. Da Lebensphasen nur vermeintlich abrupt enden und in der Realität kontinuierlich ineinander übergehen, wird hier – inspiriert von der Bezeichnung der ›Jungen Alten‹ – die sechste Lebensdekade, also das Alter zwischen 50 und 60 Jahren, mit dem Etikett ›Alte Junge‹ versehen. Hierdurch soll die Brückenfunktion der ›Alten Jungen‹ und der ›Jungen Alten‹ für die verschiedenen Lebensperioden unterstrichen werden.
   Die Thematik der ›Alten Jungen‹ wurde hier nun aus vielfältigen Gründen aufgegriffen. So werfen Fragen des Alterns sowohl im beruflichen als auch im sozialen Kontext bei der (noch) berufstätigen Bevölkerung eine Vielzahl von Fragen auf, die in einer psychotherapeutischen Behandlung zur Sprache kommen können oder eine solche sogar erst erforderlich machen. In diesem vorliegenden Themenheft wird deshalb auf die Umbruchphase der nicht ganz einfachen Vorruhestandszeit eingegangen und es werden diverse Interventionsmöglichkeiten in Original- und Übersichtsarbeiten dargestellt.
   So sieht Francois Höpflinger in der besseren Bildung und in mobileren Lebensformen der jüngeren Erwachsenen Chancen für aktivere und dynamische Altersmodelle. Das daraus resultierende sozialpolitische Engagement älterer Menschen und dessen Bedeutung für den Zusammenhalt der Generationen wird von A. Kruse und E. Schmitt untersucht. S. Forstmeier und A. Maercker beschreiben die große Bedeutung von Fähigkeiten zur Selbstregulation für das Bewältigen der Lebensaufgaben der Generation 50+. Dem Themenfeld des Arbeitsplatzes widmen sich G. Adler (Burnout-Syndrom) und R. Frei (Betriebsgerontologie). Auf eigene Einflussmöglichkeiten fokussieren die Beiträge von C. Laske und H. Wormstall über präventive Optionen sowie von J. E. Schaefer und G. Eschweiler über körperliche Aktivitäten.
   In psychotherapeutischen Fallberichten, dem zentralen Bereich unserer Zeitschrift, beschreiben D. Puccini, M. Schmid und E. Richartz-Salzburger ihre Arbeit mit Patienten, die in diesem Lebensabschnitt stehen.
   Ich bin sicher, dass das vorliegende Themenheft über die ›Alten Jungen‹ den Leserinnen und Lesern aller Altersstufen neue Denkanstöße liefern kann, und ich hoffe, dass diese Erkenntnisse in die therapeutische Arbeit einfließen und vielleicht auch aus persönlicher Perspektive von Nutzen sein können.

 Hennning Wormstall (Schaffhausen)