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15.12.2018 : 8:51 : +0100

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Unter »Vergessen« verstehen wir den Verlust oder die Löschung von Gedächtnisinhalten. Dies kann heutzutage bei der Flut an Informationen ein Gewinn sein. Manchen Ärger zu vergessen, kann sinnvoll sein (»Glücklich ist, wer vergisst …«), sich an Dinge nicht mehr zu erinnern eher schmerzlich. Sich zu erinnern wird als ein aktiver Prozess erlebt, zu vergessen eher als passiv. In dem Gedicht Vergessen schreibt Erich Fried (1993, 11): »Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual.« Menschen, die sich aufgrund von neurobiologischen Vorgängen nicht mehr erinnern können und daher zunehmend mehr vergessen, leiden meist sehr darunter. Sie quält dieser Vorgang, ihr Selbstbewusstsein verringert sich. Sie fühlen sich hilflos und nicht mehr zugehörig. Sie leben ohne Vergangenheit und Zukunft, in einer zunehmend veränderten, für sie unverständlichen und gefahrvollen Gegenwart – in einer Welt, in der sie sich nicht zurechtfinden und die Umwelt oft gefühllos sowie ungeduldig reagiert. Den Betroffenen wird dadurch noch mehreinErinnernverunmöglicht.ChancenfüreinePsychotherapie,diesich überwiegend auf Kognitionen und Emotionen stützt, waren dadurch bisher kaum gegeben.
   Die diagnostische Einschätzung eines amnestischen Syndroms, sei es nun auf dem Boden einer Demenz, eines Delirs oder auch nur einer leichten kognitiven Beeinträchtigung zu verstehen, war daher einerseits ein Hindernis für die Aufnahme einer Richtlinienpsychotherapie. Andererseits haben Experten jedoch schon seit Längerem auf die Möglichkeiten hingewiesen, nicht nur Trauer- und Krankheitsverarbeitungsprozesse einer beginnenden Demenz, sondern auch den Verlauf amnestischer Syndrome direkt oder indirekt in der Behandlung von Angehörigen und in der Beratung von Helfern positiv beeinflussen zu können.
   Auch psychoanalytisch orientierte Professionelle sind sehr lange dem Diktum gefolgt, ein amnestisches Syndrom stelle eine Kontraindikation zur Psychotherapie dar. Dadurch sind Psychotherapeuten und Psychoanalytiker noch immer klinisch relativ unerfahren in der Psychotherapie des Vergessens. Das komplexe Zusammenspiel von Persönlichkeitsstruktur, intrapsychischen Konflikten und ihren interpersonellen Inszenierungen sowie von kognitiven und sensorischen Einschränkungen könnte jedoch gerade im Rückgriff auf aktuelle Diskurse der Psychoanalyse zu einem reicheren Verständnis des Vergessens im Alter beitragen. Das vorliegende Heft der Psychotherapie im Alter will einerseits die theoretische und klinische Praxis der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie bei Syndromen kognitiver Einbußen darstellen. Andererseits soll auch ein Diskursraum eröffnet werden, der das Vergessen aus der Perspektive der Conditio humana begreift und die Psychotherapie des Vergessens über einen nosologisch-psychiatrischen Rahmen hinaus als eine gesellschaftliche und individuelle Aufgabe darstellt und untersucht.
   Rolf Dieter Hirsch stellt zunächst Basiswissen zur organischen Perspektive auf Demenz für Psychotherapeuten dar und geht der Frage nach, welche Aufgabe die Psychotherapie bei Demenz hat. Susanne Wilfarth beschreibt die vielfachen Möglichkeiten, Psychotherapie für Menschen mit Demenz in der geriatrischen Klinik einzusetzen. Kasuistiken von Barbara Dehm-Gauwerky und Reinhard Lindner liefern Beispiele der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie bei dement werdenden Menschen. Helmut Luft und Bertram von der Stein öffnen den Diskursrahmen mit einem psychoanalytischen Blick auf das Vergessen: zum einen als das Weiterleben sichernde Abwehrmodi des Älteren, zum anderen als Vergessen der Professionellen, wenn ihnen die psychohistorische Perspektive der Behandlung Älterer abhandenkommt.
   Bobbio (1999, 11) schreibt: »Die Welt der alten Menschen, aller alten Menschen, ist in mehr oder weniger ausgeprägter Form die Welt der Erinnerung. Man sagt: Am Ende bist du das, was du gedacht, geliebt, vollbracht hast. Ich möchte hinzufügen: du bist das, was du erinnerst.« Bezogen auf die Psychotherapie schwer dementer Menschen gilt, mögliche Erinnerungsformen der basalen Existenz (Gebärden, Gerüche, Verhaltensweisen, Sprechmodulationen usw.) zu eruieren und mit deren Hilfe eine ganzheitliche Erinnerung zu ermöglichen. Es erstaunt immer wieder, wie sehr sich an Vergessenes erinnert wird, wenn nonverbale, lebensgeschichtlich ausgerichtete Reize angeboten und erlebt werden. Mögen dies auch nur kurze Augenblicke sein, so sind sie doch Augenblicke voller Lebendigkeit und Zugehörigkeit.

Literatur

Bobbio N (1999) De Senectute. Berlin
(Wagenbach). Fried E (1993) Gesammelte Werke, Band 3. Berlin (Wagenbach).