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20.11.2017 : 21:48 : +0100

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Illusionen und Visionen zwischen  Vergangenheit und Zukunft

Unsere Wünsche verändern sich im Laufe des Lebens wenig; sie sind zeitlos, ihre Erfüllung wird aber oft ins Alter verschoben. Der Körper aber konfrontiert damit, dass die Lebenszeit begrenzt ist. Wenn man über die Zukunft des Alters nachdenkt, ist es sinnvoll, zwischen einem dritten und vierten Lebensalter zu unterscheiden, da die Entwicklungsmöglichkeiten im dritten Lebensalter vielfältig sind, während sie durch zunehmende körperliche Erkrankungen im vierten Alter oft deutlich eingeschränkt werden.
   Die Entlastung im Ruhestand ermöglicht, auf Wünsche wieder zurückzugreifen, die früher schon realisiert wurden oder werden sollten. Jedoch werden nicht nur vom Körper Grenzen gesetzt, sondern ebenso durch gesellschaftliche Normen und Rollenerwartungen.
   Die Bindung zwischen den Generationen und die Achtung des Alters sind aber kulturelle Errungenschaften, die zu Zeiten der Individualisierung und des Autonomiefetischismus in Frage gestellt wird: »Mutter, ein Leben lang hast Du für uns gesorgt. Jetzt, da Du alt und krank bist, kannst Du endlich für Dich selbst sorgen.« Dieser zynische Satz treibt die Individualisierung auf die Spitze. Individualisierung bedeutet dann, dass sich die Jungen von ihren Alten entbinden und damit eine Errungenschaft menschlicher Kultur infrage stellen.
   Die alternde Gesellschaft mit ihren Konflikten, leider aber nicht ihre Chancen, sind in den letzten Jahren endlich auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Wir fragen deshalb in diesem Band nach der Zukunft des Alters, nach Visionen und Illusionen. Illusionen erfüllen, so Freud (1927) die »ältesten, stärkesten, drängendsten Wünsche der Menschheit«. Auch wenn Freud in diesem Zusammenhang nicht direkt vom Alter spricht, lässt sich seine Definition doch darauf beziehen. Zu den ältesten Illusionen der Menscheit gehören die des Jungbrunnens, die des ewigen Lebens und der Unsterblichkeit. In den westlichen Industrieländern sind wir im letzten Jahrhundert diesen Wunschvorstellungen ein ganzes Stück näher gekommen. Die statistische Lebenserwartung ist deutlich gestiegen und die Erwartung lange zu leben, ist weniger illusionär, als noch zu Zeiten unserer Großeltern.
   In seiner Schrift »Die Zukunft einer Illusion« stellt Freud 1927 die Frage nach dem Schicksal unserer Kultur. Die Menschen haben die Hoffnung, die Natur zu beherrschen. die Natur füge ihnen aber narzisstische Kränkungen zu, er verweist dabei auf das Altern. Ganz besonders gefürchtet, weil desillusionierend und ent-täuschend sind die Einschränkungen einer einmal erreichten Unabhängigkeit. Mit zunehmender Abhängigkeit erweist sich manche Autonomievorstellung als Illusion, die Vision eines unabhängigen Daseins im Alter lässt sich im hohen Lebensalter häufig nicht verwirklichen.
   Die Lebenstatsache der zeitlichen Endlichkeit muss, oft gezwungenermaßen, anerkannt werden. Die äußere Wirklichkeit korrespondiert mit tiefen inneren Ängsten. gegen solche Ängste wirken paradiesische Vorstellungen von schmerz- und konfliktfreier Unendlichkeit. Sie finden sich in religiösen Denksystemen wieder oder sollen im Suizid verwirklicht werden. Die meisten älteren Suizidenten wollen »endlich Ruhe« haben, von Tod ist nicht die Rede. Werden hier Erlebnisqualitäten gesucht, die aus der frühkindlichen oder gar pränatalen Vergangenheit stammen oder in sie projiziert werden?
   Wir fragen in diesem Band auch danach, welche Vorstellungen, Wünsche, Täuschungen und Ent-täuschungen wir und unsere Patienten mit dem Altern verbinden. Uns interessieren unbewusste Phantasien und Konflikte, die sich in Visionen und Illusionen ausdrücken und wie sie sich in der Übertragung und Gegnübertragung manifestieren. Vielleicht, so scheint es manchmal, ist es doch am besten, im Alter in die Jugend zurück zu wollen, um dann mit dem erworbenen Wissen, Beziehungsschwierigkeiten und Isolation zu überwinden.

Martin Teising

Literatur

Freud S (1927) Zukunft einer Illusion. GW XIV. Frankfurt (Fischer) 324-380.